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6 Monate Tiefenentspannung: Muse im Test

Das EEG-Stirnband Muse wandelt die Gehirnströme seines Trägers in akustische Signale um und will damit die Ablenkung während der Meditation minimieren. Mac-Life-Redakteur Thomas Raukamp unterzog den „Gedankenleser“ einem Dauertest. Er stellte fest, dass es tatsächlich etwas bringt, aber nicht frei von Kinderkrankheiten ist.

Von   Uhr

Zeit zur Meditation!“ Diese Push-Nachricht gehört seit Mitte Mai zu meinem Alltag. Muse ist halt hartnäckig und drängt darauf, dass ich bei der Stange bleibe. „Lieber jeden Tag drei Minuten Meditation als einmal in der Woche dreißig Minuten“, lautet eine der Motivationsnachrichten, mit der die Muse-App jeglicher Prokrastination vorbeugen möchte. Und tatsächlich, mittlerweile benötige ich gar keinen virtuellen Tritt in den Hintern mehr, um meiner neu gefundenen Morgenroutine nachzukommen: Meditation hat meinen Alltag verbessert – und Muse trägt den Hauptanteil daran.

Erleuchtung abseits des Himalaya

Die Idee hinter Muse ist so einfach wie effektiv: Statt den Praktizierenden während der Meditation allein zu lassen, misst das etwas wie ein falsch herum aufgesetzter Kopfhörer anmutende Stirnband die Gehirnaktivität seines Trägers. Wandern dessen Gedanken während des Achtsamkeitstrainings ab, geben die Sensoren auf der Stirn und hinter den Ohren diesen Impuls an die per Bluetooth verbundene iPhone- beziehungsweise iPad-App weiter. Diese setzt den aufkommenden „Gedanken-Sturm“ akustisch in ein ansteigendes Windgeräusch um, das wiederum auf den Kopfhörern des Trägers ankommt. Alternativ lässt sich ein in seiner Intensität variierendes synthetisches Ambient-Klangbild aktivieren – was meinem Unwohlsein bei starkem Wind abhilft. Doch auch Erfolge belohnt die App mit passenden Analogien: Bei anhaltender Windstille gesellen sich zwitschernde Vögel zum „digitalen Nachwuchs-Yogi“.

Was zunächst etwas nach „Big Brother“ klingt, funktioniert erstaunlich gut: Bin ich es bei Meditationen ohne Muse gewohnt, dass ich oft minutenlang über berufliche und private Herausforderungen nachdenke, lenkt mich das akustische Feedback innerhalb von Sekunden wieder auf meine Atemkonzentration, die dem Programm als einfache Entspannungstechnik zugrunde liegt. Ziemlich schnell komme ich so zu Erfolgen. Zudem hilft mir die Auswertungsfunktion der Muse-App, meine Praxis im Blick zu behalten und meinen Fortschritt zu erfassen. Mittlerweile schaffe ich es, während des Trainings – je nach Tagesform – bis zu 85 Prozent der Zeit in einem tiefenentspannten Zustand zu verbringen.

Dass das EEG, das indes keinerlei medizinische Genauigkeit beansprucht, dabei nicht einfach grob schönfärbt, zeigt die Erfahrung: Sind meine Gedanken nach einem anstrengenden Tag zunächst noch aufgewühlt, zeigt der die Hirnströme darstellende Graph der App diese Beschäftigung durchaus an, um im Laufe der zunehmenden Entspannung die Beruhigung ebenso zu protokollieren.

Kein Wunder-Device

Natürlich sollte niemand Wunderdinge erwarten: Wer über Jahre jeglichen Ablenkungen besonders im Zeitalter von iPhone, Facebook und Entertainment nachgegeben hat, trainiert dieses Verhalten nicht in wenigen Wochen ab – Regelmäßigkeit ist wie beim Fitnesstraining gefragt! Ich selbst habe den Effekt nach knapp einem Vierteljahr bemerkt, wobei ich jeden Tag zwischen zwanzig und vierzig Minuten investiere: Ich kann mich besser auf gegenwärtige Aufgaben fokussieren und störende Gedanken einfacher wegschieben. Nach nunmehr einem halben Jahr scheine ich zudem auf weniger Schlaf angewiesen zu sein und begegne vielen Herausforderungen des Alltags mit etwas mehr Gelassenheit. Nach oben hin ist allerdings noch viel Raum – ich bleibe also dran!

Die Muse-App hilft bei der Auswertung des täglichen Achtsamkeitstrainings. Mit der neuen Version 2 des Pakets halten die verschiedenen Meditationsformen in die aufpolierte Software für iPhone und iPad Einzug.
Die Muse-App hilft bei der Auswertung des täglichen Achtsamkeitstrainings. Mit der neuen Version 2 des Pakets halten die verschiedenen Meditationsformen in die aufpolierte Software für iPhone und iPad Einzug. (Bild: Interaxom)

Abzüge in der B-Note

So beeindruckend und – dem Preis entsprechend – wertig auch die Hardware daherkommt, umso mehr Kritik verdient die Software: Unaufgeräumt und etwas altbacken wirkt die Oberfläche der Muse-App – die kanadischen Entwickler sollten öfter mal einen Seitenblick auf europäische Entwicklungen wie 7Mind oder Headspace werfen, die weitaus zeitgemäßer anmuten. Sehr ärgerlich ist zudem, dass die Synchronisation innerhalb des Muse-Kontos nur bedingt klappt: Hat man Pech, überschreiben etwa alte, auf dem iPhone vorgenommene Lautstärkeeinstellungen der Hintergrundgeräusche neuere auf dem iPad – das ist ärgerlich. Noch schlimmer: Um das Bluetooth-Stirnband zu koppeln, benötigt man in der Praxis immer wieder mal mehrere Anläufe – obwohl die Bluetooth-Einstellungen von iOS die Hardware bereits auflisten. So ist man nur allzu schnell schon vor der Meditation gestresst, was eher kontraproduktiv ist.

Fazit

Trotz der etwas überraschenden Probleme ist Muse eine effektive Unterstützung beim Achtsamkeitstraining und der Tiefenmeditation. Der gesundheitliche Wert übersteigt bei weitem den zugegebenermaßen nicht allzu geringen Anschaffungspreis. Zumindest mich hat Muse zum regelmäßigen Meditationsjünger gemacht – endlich!

Next Generation: Muse 2

Führten wir unseren Langzeittest noch mit dem klassische Muse-Stirnband durch, veröffentlichte Hersteller Interaxon mittlerweile die zweite Generation des „Gedankenlesers“: Muse 2 kombiniert die Möglichkeiten des EEGs mit denen eines Herzfrequenz- und Bewegungssensors. Dadurch wollen die Kanadier Anwendern weitere Möglichkeiten an die Hand geben, noch aufmerksamere Meditationsübungen durchzuführen. Bewegt sich der Nutzer etwa zu viel, erinnert ihn das Gerät an eine möglichst aufrechte Sitzposition. Ebenso ist es nun durch das integrierte Gyroskop möglich, die persönliche Entspannung noch genauer an den eigenen Atemrhythmus anzupassen – energetisierende Atemübungen ergänzen hier die beruhigenden. Der Herzsensor unterstützt den Meditationsprozess mit weiteren Daten zum aktuellen Entspannungszustand. Erfahrene Anwender sollen die verschiedenen Modi in Zukunft miteinander kombinieren können.

Next Generation: Muse 2
Next Generation: Muse 2 (Bild: Interaxom)

Das Muse-Stirnband ist für knapp 270 Euro im Onlineshop von Interaxon erhältlich, das Vorgängermodell bietet der Hersteller für knapp 220 Euro an.

Testergebnis
ProduktnameMuse
HerstellerInteraxon
Webseitechoosemuse.com
Pro
  •  effektive Meditationshilfe, sichere Erfassung, gute Verarbeitung
Contra
  •  Bluetooth-Probleme, Synchronisationsprobleme, Schutzhülle optional
Bewertung
2,5befriedigend
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