Wirtschaftsethik

Im Gespräch: „Apple benötigt einen Ethikkodex!“

Unternehmen wie Apple, Google und Microsoft überbieten sich derzeit in einem Wettbewerb um Nachhaltigkeit, Arbeitsbedingungen und Nutzerinnovation. Gleichzeitig entziehen sie sich nur allzu gerne einem verantwortungsvollen Steuerverhalten. Mac Life sprach mit Prof. Dr. Christoph Lütge, Wirtschaftsethiker an der Technischen Universität München, über dieses Spannungsfeld.

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Professor Lütge, was ist Wirtschaftsethik?

Wirtschaftsethik beschäftigt sich mit der Frage, welche Normen in der Wirtschaft begründbar und umsetzbar sind. Es geht hier also bewusst immer auch um die Umsetzbarkeit dieser Normen in den vorhandenen ökonomischen Bezügen. Viele ethische Normen sind begründbar und durchaus wünschenswert, lassen sich im Wettbewerb aber weder kurz- noch langfristig umsetzen.

Warum ist Ethik in der Wirtschaft vonnöten?

Oft herrscht das Bild vor, dass die Wirtschaft nur dafür zu sorgen hat, dass der Schornstein raucht und für alles andere die Politik zuständig ist. Diese Ansicht wandelt sich jedoch zunehmend. Unternehmen stehen spätestens seit Beginn des 21. Jahrhunderts viel stärker im öffentlichen Fokus als früher. Es geht also nicht mehr nur darum, jeden einzelnen Buchstaben des Gesetzes zu erfüllen. Vielmehr geht es um die soziale Verantwortung und das bürgerschaftliche Engagement in und von Unternehmen.

Trifft dieser Bedarf in erster Linie auf große Unternehmen zu?

Auch mittelständische Unternehmen haben diese Herausforderung durchaus für sich erkannt. Die großen Unternehmen gingen natürlich voran – gerade weil sie auf so vielen verschiedenen Märkten mit unterschiedlichen Bedingungen agieren. Aber insbesondere in Deutschland sind viele Mittelständler auch global aktiv und zum Teil Marktführer in relativ spezialisierten Märkten.

Reicht ein rein soziales Engagement dieser Unternehmen aus?

Besonders Mittelständler denken oft, dass Ethik ein rein persönliches Thema ist. Es reicht aber nicht, lediglich einen guten Ruf als CEO zu genießen und vielleicht sogar hier und da etwas zu spenden. Man muss vielmehr im Unternehmen Strukturen ändern und Organisationsmaßnahmen ergreifen, um Anreize für ethisches und gegen unethisches Handeln zu setzen. Zum Beispiel sollte ein Unternehmen über einen Ethikkodex verfügen.

Um Gesetze einzuhalten, muss man also in der gesamten Unternehmenskultur Änderungen vornehmen. Daran hapert es oft. Denken Sie etwa an den aktuellen Diesel-Skandal.

„Unternehmen stehen spätestens seit Beginn des 21. Jahrhunderts viel stärker im öffentlichen Fokus als früher.“

Ethik als Geschäftskalkül

Haben traditionell gewachsene Unternehmen hier größere Defizite als etwa ein junges Start-up im IT-Bereich?

Im Start-up-Bereich scheint das Thema tatsächlich stärker in den Mittelpunkt gerückt zu sein. So manche wollen zwar gewinnoptimiert arbeiten, dabei aber auch einen Wert für andere erzielen. Trotzdem gibt es natürlich auch hier ethische Probleme.

Muss umgekehrt ein Unternehmen erst eine gewisse ökonomische Sicherheit erreichen, um sich mit ethischen Fragen auseinanderzusetzen?

Das ist eine verbreitete Meinung. Ich glaube aber, dass sie nicht zutrifft. Im Umkehrschluss würde dies bedeuten, dass die Ethik in Zeiten schlechter Konjunktur als erstes hinten runter fallen würde.

Ist das nicht auch oft so?

Ich würde etwas genauer hinsehen. Unternehmen müssen ja auch eingetretene Schäden beseitigen, um ihre Reputation neu aufzubauen. Und dazu brauchen sie eine ethische Kultur.

Es gibt zwei ökonomische Mechanismen, mit denen die Ethik für Firmen fühlbar wird: Da ist erstens die Wirkung der Reputation und zweitens die Strafzahlung von juristischer Seite. Beide gelten auch in Zeiten schlechter Konjunktur.

Gibt es so etwas wie eine ökologische Kuznets-Kurve für Unternehmen?

Nein, denn ethische Überlegungen gehören von vornherein integral zum Geschäftskalkül. Sie gehören einfach dazu, wenn man langfristig den Gewinn sichern will. Sie ist nicht etwa als eine Art „Schmankerl“ zu verstehen.

Beeindruckt Sie das Engagement von Firmen wie Apple und Google etwa im Bereich der Nachhaltigkeit?

Grundsätzlich ja. Derzeit sind ja gerade die Unternehmen des Silicon Valleys einiger Kritik ausgesetzt. Hier ist aber ein wenig mehr Augenmaß wünschenswert. Denn gerade diese Firmen haben, wie Sie erwähnen, durchaus einiges im Bereich der Nachhaltigkeit unternommen. Das Thema wird im gerade im IT-Bereich also grundsätzlich ernst genommen.

Gibt es so etwas wie einen Wettbewerb um ein ethisches Verhalten?

In Teilen, wenn auch nicht in allen die Ethik betreffenden Themenbereichen. Die Nachhaltigkeit ist jedoch ein gutes Beispiel – obwohl Ethik und Nachhaltigkeit nicht genau dasselbe sind. Hier gibt es durchaus einen Wettbewerb etwa um den kleinsten ökologischen Fußabdruck. In anderen Bereichen fehlt es hingegen noch ein wenig an der Mess- und Vergleichbarkeit.

Die Kuznets-Kurve

Die ökologische Kuznets-Kurve beschreibt den empirischen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und ökologischer Degradation. Sie besagt, dass diese während der Entwicklung eines Landes zunächst ansteigt, um danach wieder abzufallen.

Motivation ist zweitrangig

Apple will – anscheinend auch auf Kosten der Gewinnmaximierung – auf die Monetarisierung von Kundendaten verzichten. Ist so ein hoher ethischer Standard langfristig haltbar oder auch nur ratsam?

Oft wird Firmen wie Apple ja unterstellt, dass sie auf diese Monetarisierung verzichten, weil sie es sich aufgrund ihrer Gewinne in anderen Bereichen sowieso leisten können. Die Motivation eines Unternehmens, zum Beispiel etwas für den Umweltschutz oder für die Menschenrechte zu tun, ist aus ethischer Sicht jedoch zweitrangig. Wenn aus diesen Anstrengungen ein Mehrwert für andere entsteht, ist dies wichtiger.

Apples Beispiel könnte aber Schule machen – und zwar insofern, als andere diesen Verzicht von vornherein in ihr unternehmerisches Kalkül einbeziehen könnten. Das kann wiederum bedeuten, dass es weniger Start-ups gibt, zu deren Geschäftsmodell es gehört, mit Kundendaten Geld zu verdienen.

Nochmals gefragt: Kann sich Apple diese Haltung in Zukunft leisten?

Ich vermute nicht, denn Apple ist ja auch im Bereich des autonomen Fahrens und der Künstlichen Intelligenz maßgeblich aktiv. Die Kundendaten sind hier das wichtigste Gut.

Das Problem der Nutzung stellt sich allerdings erst seit wenigen Jahren, wir sind also erst am Anfang der Diskussion und lernen ständig dazu. Ich bin zuversichtlich, dass man zu einem vernünftigen Umgang mit den Kundendaten kommt. Umgekehrt wird man gerade aus deutscher Sicht zu Zugeständnissen bereit sein müssen – man muss hier etwas realistischer vorgehen und die Vorteile durch die Nutzung der Daten sehen. Wer etwa komplett die Ortungsdienste seines Smartphones abschaltet, verzichtet auf viel Komfort. Ich bezweifle zudem, dass man mit solch einem Verzicht viel für die Ethik tut.

Wie viel Verantwortung sollte ein Unternehmen für die eigenen Schöpfungen überhaupt übernehmen? Ist etwa Apple für die Smartphone-Sucht in der modernen Gesellschaft mitverantwortlich?

Ich halte Begriffe wie Smartphone- oder Internet-Sucht für problematisch. Abhängig ist man in der Regel von einem Gegenstand, etwa von Medikamenten, aber bei Smartphones geht es zentral um Kommunikation mit anderen. Ich bin zwar schon der Meinung, dass Unternehmen für Folgewirkungen ihrer Produkte verantwortlich sind, aber nicht im Sinne eines Suchtphänomens.

Welche Schritte könnte etwa Apple unternehmen, um sich weiter ethischen Idealen anzunähern?

Es ist wichtig, einen Ethikkodex aufzustellen und diesen umzusetzen. Auch Firmen wie Apple und Google kommen auf Dauer nicht umhin, externe Expertisen von Fachleuten einzuholen und sich von außen in die Karten schauen zu lassen. Gerade an dieser Transparenz hapert es oft. Unternehmen müssen sich dem Thema der Ethik übergreifend stellen und Programme auflegen, die nicht nur Details bearbeiten, sondern der Öffentlichkeit den Stellenwert des Themas insgesamt signalisieren.

„Apple tut also im Sinne der eigenen Reputation gut daran, sich sehr genau mit dem Thema der Steuern auseinanderzusetzen.“

Grüner Apfel

Im Bereich der Nachhaltigkeit gehört Apple zu den weltweit führenden Unternehmen. Das bestätigt nicht zuletzt der „Guide to Greener Electronics“ der Umweltschutzorganisation Greenpeace aus dem Jahr 2017: Apple belegt nach Fairphone den zweiten Rang.

Und das nicht ohne Grund: 100 Prozent der eigenen Standorte betreibt Apple aktuell mit erneuerbaren Energien. Bis 2020 will der Konzern 4 Gigawatt sauberer Energie in seiner Lieferkette beziehen – das ist ungefähr ein Drittel des aktuellen CO 2 -Fußabdrucks seiner Produktion. Spezialisierte Robotersysteme demontieren gebrauchte iPhone-Modelle, um die Rohstoffe für neue Geräte zu verwenden.

Trotzdem gibt es laut Greenpeace Nachholbedarf: Grund dafür ist das Design der Apple-Produkte, die oftmals nur schwer oder gar nicht zu reparieren sind – der Austausch von Batterien oder auch Upgrades der Hardware gestaltet sich schwierig. Apple ist außerdem Gegner des „Right to Repair“-Gesetzesentwurf, den in den USA bereits acht Bundesstaaten unterstützen.

Apples Recycling-Roboter Daisy kann aus 100.000 alten iPhones etwa 1 Kilogramm Gold und 7,5 Kilo Silber gewinnen – in 18 Sekunden pro Gerät.
Apples Recycling-Roboter Daisy kann aus 100.000 alten iPhones etwa 1 Kilogramm Gold und 7,5 Kilo Silber gewinnen – in 18 Sekunden pro Gerät. (Bild: Apple)

Das Unternehmen als eigener Staat

Firmen wie Facebook, Apple und Google fungieren heute fast wie eigene Staaten. Sind ihre Entscheidungen daher auch wichtiger als Entscheidungen auf politischer Ebene, da sie die Utopie einer globalisierten Gesellschaft ja praktisch in ihrer DNA tragen?

Grundsätzlich kann man das durchaus sagen. Das gilt seit Jahren für viele multinationale Unternehmen und heute ganz besonders im IT-Bereich. Das hat sowohl positive wie auch negative Auswirkungen. Zum einen können sie sich bis zu einem gewissen Grad staatlichen Kontrollen entziehen. Andererseits können sie in Ländern, in denen etwa die Arbeitsbedingungen nicht allzu gut sind, aus Angst um ihre Reputation höhere Standards setzen als die lokalen Firmen.

Wenn die Staaten heute global agierende Unternehmen kaum noch kontrollieren können, wer tut es denn dann?

Diese Aufgabe kommt heute häufig den Nichtregierungsorganisationen, also den NGOs wie zum Beispiel „Transparency International“, zu. Diese beobachten sehr genau, was die Unternehmen tun und verbreiten dies auch mithilfe der sozialen Online-Netzwerke. Konnten sich früher Unternehmen noch eine ganze Menge an Vergehen leisten, funktioniert dies heute nicht einmal mehr im Ansatz – etwa beim Umweltschutz.

Werden Vergehen von IT-Unternehmen auch deshalb so unmittelbar wahrgenommen, weil sie so weit in den privaten Bereich vordringen?

Da gebe ich Ihnen natürlich Recht. Die Entscheidungen von IT-Unternehmen sind für die Menschen im täglichen Leben fühlbar – und deshalb haben diese Firmen auch eine ganz besondere Verantwortung, sich mit ethischen Anliegen auseinanderzusetzen. In diesem Bereich gibt es für die Unternehmen noch einiges zu lernen.

Wir haben vorhin die Frage der Monetarisierung von Kundendaten gestreift. Trifft hier ein neues ethisches Empfinden auf ein letztlich veraltetes von Privatsphäre?

Historisch gesehen mag das durchaus in einem gewissen Sinne zutreffen. Denn unser Begriff von Privatsphäre existierte vor zweihundert oder dreihundert Jahren so noch nicht. Denn letztlich war damals fast das ganze Leben öffentlich sichtbar.

Ich würde trotzdem sagen, dass der heutigen und zukünftigen Gesellschaft nicht die gänzliche Abschaffung der Privatsphäre bevorsteht. Unternehmen, die glauben, dass mit dem Abhaken der Nutzungsbedingungen alles erledigt ist, handeln letztlich naiv. Ebenso naiv ist es zu glauben, mit einer Form des Sich-Abkoppelns von technischen Entwicklungen, wie es vielleicht noch in den 1970er- oder 1980er-Jahren möglich war, in der heutigen Ökonomie weiter tätig sein zu können – egal, ob als Anbieter oder Nutzer.

Nachhören

Das gesamte Interview können Sie sich auch als Podcast anhören. Gehen Sie dazu auf die Internetseite:
maclife.de/schleifenquadrat

Apple-CEO Tim Cook will sein Unternehmen zum Vorreiter in Sachen Ökologie machen – der Apple Campus etwa gewinnt allen Strom aus Solaranlagen.
Apple-CEO Tim Cook will sein Unternehmen zum Vorreiter in Sachen Ökologie machen – der Apple Campus etwa gewinnt allen Strom aus Solaranlagen. (Bild: Marcio Jose Sanchez)

„Die Motivation eines Unternehmens, zum Beispiel etwas für den Umweltschutz oder für die Menschenrechte zu tun, ist aus ethischer Sicht jedoch zweitrangig. Wenn aus diesen Anstrengungen ein Mehrwert für andere entsteht, ist dies wichtiger.“

Beeindrucken heute viele Unternehmen etwa durch ihr ökologisches Engagement, entziehen sie sich auf anderer Ebene – etwa in steuerlicher Hinsicht – ihrer Verantwortung. Woher rührt dieses Spannungsfeld?

Das ist eine sehr wichtige Frage, mit der sich Unternehmen beschäftigen müssen, das aber am Beispiel Apple in den Mittelpunkt gerückt ist. Rein rechtlich gesehen, handeln Unternehmen wie Apple und Google im Grunde korrekt, sie profitieren von derzeit geltenden europäischen Rechten – wie übrigens auch deutschen Firmen.

Tatsächlich sind Unternehmen wie Apple ja, wie bereits erwähnt, etwa im Bereich der Nachhaltigkeit, recht engagiert und gehen hier sogar über die bestehenden Standards hinaus. Man kann dann in steuerlicher Hinsicht aber nicht guten Gewissens argumentieren, dass man eben lediglich bestehende gesetzliche Rahmenbedingungen einhält. Unter anderem Apple tut also im Sinne der eigenen Reputation gut daran, sich sehr genau mit dem Thema der Steuern auseinanderzusetzen.

Welche ethischen Maßnahmen würden Sie sich von Apple für die Zukunft wünschen?

Ich würde etwas mehr Transparenz begrüßen. Vieles, was Apple tut, soll anscheinend das Unternehmen nicht verlassen. Hier hat Apple klare Defizite.

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Persönlich beanstande ich zudem – trotz aller Zufriedenheit mit dem Mac –, dass viele Komponenten der Apple-Hardware nur schwer oder gar nicht auszutauschen sind und der Kunde somit zu mehr oder minder regelmäßigen Neukäufen angehalten ist. Möchte ich etwa den Speicher meines iPhone erweitern, muss ich mir ein anderes Modell zulegen – bei der Konkurrenz lege ich einfach eine Speicherkarte ein. Es stellt sich schon die Frage, ob das Modell der System-Geschlossenheit bei Apple aktuell noch vertretbar ist.

Herr Professor Lütge, vielen Dank für das Teilen Ihrer Einsichten und Ihre Zeit.

Zur Person

Prof. Dr. Christoph Lütge
Prof. Dr. Christoph Lütge (Bild: Robert Geisler)

Prof. Dr. Christoph Lütge forscht auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Unternehmensethik. Er ist zudem Inhaber des Peter-Löscher-Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsethik an der Technischen Universität München. Er vertritt den Ansatz einer Ordnungsethik, der ethisches Handeln unter den ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen der Globalisierung erforscht. Die Rolle des Wettbewerbs und der von Ordnungen ausgehenden Anreize stehen dabei ebenso im Vordergrund wie die Prüfung ethischer Kategorien auf Angemessenheit.

Mehr: www.professoren.tum.de/luetge-christoph/

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