WWDC 2017: Apple ist wieder da!

Großes Produktfeuerwerk zur WWDC: Apple will zurück an die Spitze

Im letzten Jahr ist Apple in vielerlei Hinsicht ins Hintertreffen geraten: Kein neuer MacPro, zu schwache Hardware für VR, wenig bahnbrechendes bei iOS und kein Konkurrenz-Produkt zu Googles und Amazons smarten Lautsprechern. Heute wurde klar: das kann, will und wird Apple nicht auf sich sitzen lassen.

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Zum ersten Mal seit Tim Cook Apple leitet hat eine Präsentation nicht pünktlich angefangen. Die Hoffnung, dass das bestimmt an Last-Minute-Verhandlungen mit deutschen Banken in Sachen Apple Pay gelegen haben wird, sollte sich im Laufe der Veranstaltung leider wieder einmal zerschlagen. Dennoch ist es Apple gelungen, Entwickler, Kunden und Fans mit einem positiven Gefühl in den Abend (deutscher Zeit), respektive in den ersten Tag der WWDC in San Jose zu entlassen.
Dass es viel zu berichten geben würde war schnell klar: Tim Cook hat das Vorspiel gestrichen und der versammelten Presse nicht in die MacBooks diktiert, wie gut sich Apple derzeit wirtschaftlich schlägt. Vielmehr ging es gleich zur Sache.

Update für macOS, riesiger Sprung für iOS

Der Star auf der Bühne war einmal mehr Craig Federighi. Kaum jemand verkörpert das Bild, das Apple gerne von sich als Firma zeichnet so sehr. Dynamisch, gewitzt, charmant und intelligent führte „Hairforce One“ durch den mit Abstand wichtigsten Teil der Veranstaltung: iOS und macOS.
Die positivste Nachricht in Bezug auf das Mac-Betriebssystem ist sicherlich, dass es zumindest auf den ersten Blick nicht viel neues gibt. Vielmehr hat man sich laut Federighi Zeit genommen, um macOS Sierra zu optimieren, statt eine wirklich neue Version an den Start zu bringen. Warum man sich in diesem Zusammenhang für den Namen „High Sierra“ anstatt des naheliegenden „Snow Sierra“ entschieden hat, wird ein Geheimnis der Marketingabteilung bleiben. macOS Sierra war bereits eine sehr ausgereifte Betriebssystemversion, hatte aber mit diversen Kleinigkeiten zu kämpfen. Von daher tut Apple dann auch tatsächlich gut daran, etwas auf die Bremse zu treten. Nicht außer Acht lassen darf man dabei allerdings die Umstellung vom inzwischen extrem angestaubten Dateisystem HFS, beziehungsweise HFS+, auf APFS. Ein Sprung, der Apple auf iPhone und iPad bereits mit Bravour gelungen ist.
Das Gaspedal voll durchgedrückt hat Apple hingegen bei iOS 11.

It goes up to eleven!

Ganz anders verhält sich das beim Betriebssystem für iPhone und iPad, iOS, das im Herbst in Version 11 erscheinen wird. Nachdem Tim Cook schon iOS 10 als die „Mutter aller Updates“ ankündigte, stellt der Nachfahre die Mutter nochmals in den Schatten. 
Allein daran lässt sich schon ablesen, wie Apple derzeit die Prioritäten setzt – und wo Apple derzeit den größten Handlungsbedarf sieht. Denn auch wenn praktisch niemand die aktuelle Android-Version nutzt (Tim Cook ließ es sich nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass 86 Prozent der iPhone-Besitzer iOS 10 verwenden, während gerade einmal 7 Prozent der Android-Smartphone-Nutzer Android 7 nutzen würden), darf Apple sich hier natürlich nicht die sprichwörtliche Butter vom Brot nehmen lassen. Und genau das drohte zu passieren. Während Google mit neuen Ideen und Funktionen um sich wirft, sah Apple in den letzten Monaten alt aus. Auch wenn das sicherlich zu einem großen Teil den eben nicht identischen Update-Zyklen von Android und iOS geschuldet ist.
iOS 11 überzeugt zumindest auf dem iPhone weniger durch gigantische Neuerungen, sondern durch intelligente Verbesserungen und Erweiterungen. Ausgerechnet auf dem zuletzt stark in die Kritik geratenen iPad hingegen brilliert iOS 11. Mit dem Update, das Entwicklern sofort, Beta-Testern Ende Juni und Otto-Normal-Verbrauchern im Herbst zur Verfügung steht, spendiert Apple dem iPad ein Dock, das sowohl in Aussehen als auch Funktionsumfang mit dem von macOS vergleichbar ist. Außerdem gibt es nun echtes Multitasking inklusive Drag & Drop und einen neuen App Switcher.
Apple setzt hier ein klares Zeichen: „Wir glauben an den Erfolg des iPad und lassen uns von vermeintlich schwachen Verkaufszahlen nicht irritieren.“ Es ist beruhigend, dass Apple hier nicht nur einen langen Atem beweist, sondern sogar den Fokus der nächsten iOS-Generation bewusst nicht auf den absoluten Bestseller, das iPhone, setzt.
Allerdings ist iOS 11 natürlich nicht ausschließlich ein iPad-OS, das irgendwie auch auf dem iPhone laufen wird. Besonders Siri erfährt diverse Neuerungen, die aufmerksamen Beobachtern von Android bekannt vorkommen dürfen. So wird Siri mehr zu einem proaktiven Assistenten, anstatt nur auf Kommando Informationen zu präsentieren. Diese Erweiterung erstreckt sich auch auf die Apple Watch, wo Siri ein eigenes Ziffernblatt erhält und dynamisch personalisierte Informationen anzeigen kann. Alles, was Siri dazu über den Anwender wissen muss, lernt Siri auf dem Gerät selbst und nicht etwa in der Cloud. So sollen private Daten privat bleiben. Genau dieser Umgang mit Informationen über die eigenen Kunden ist es, der Apple ganz klar von den Kontrahenten Google und inzwischen auch Amazon unterscheidet. Und so wurden dann auch die Präsentatoren auf der Bühne nicht müde bei jeder Gelegenheit zu erwähnen, welche Daten alle privat bleiben, was alles verschlüsselt passiert. Ein Aspekt, dem in der Post-Snowden-Welt und in einer Welt, in der selbst Supermärkte ihre Kunden filmen, um mehr über sie zu erfahren, in der Breite viel zu wenig Aufmerksamkeit zukommt.

Neu iMacs, iPads, MacBooks und ein neuer Pro-Computer

Seit vielen Jahren ist es quasi Tradition, dass auf Apples Entwickler-Konferenz auch neue Hardware-Produkte vorgestellt werden. Auch in diesem Jahr ließ Apple sich hier nicht lumpen. Bei den MacBooks gab es praktisch keine Überraschungen. Sie alle erfahren ein Prozessor- und GPU-Update und kommen jetzt mit schnelleren SSDs. Irritierend ist höchstens, dass auch das eigentlich schon ausgemusterte MacBook Air nochmal einen neuen Prozessor erhält. Hier liegt die Vermutung nahe, dass Apple das Gerät im Programm halten will, Intel die bislang verwendeten Prozessoren aber nicht länger mit sich herum schleppen will. Ein erzwungenes Update also.
Dass die iMacs ein deutlich signifikanteres Update erhalten, ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass Apple de facto kein aktuelles, nicht-mobiles Pro-Gerät mehr im Portfolio hat. So erhalten die iMacs per sofort nochmals bessere Displays, schnellere Prozessoren, ein Fusion Drive als Standardkonfiguration, performantere SSDs und zwei USB-C-Schnittstellen mit Thunderbolt-3-Kompatibilität. Besonders krass ist der Sprung bei der Grafikleistung. Der Einstiegs-iMac macht einen Sprung um 80 Prozent, der 4K-iMac verdreifacht seine Fähigkeiten hier sogar.
Ähnlich verhält es sich beim iPad Pro. Auch hier kümmerte man sich vor allem um das Display und die Grafik. Das Display im kleinen iPad Pro wächst von 9,7 auf 10,5 Zoll Bildschirmdiagonale und verfügt somit um rund 20 Prozent mehr Displayfläche. Dabei wird es um bis zu 50 Prozent heller und dank „ProMotion“ kann die Bildwiederholfrequenz dynamisch von 24 Hertz auf bis zu 120 Hertz geregelt werden. Bislang lag das Limit hier bei 60 Hertz. Natürlich erfordert das ein wenig mehr Power, so dass CPU und GPU Leistungszuwächse von 30, respektive 40 Prozent verzeichnen können. 
Der Hauptdarsteller im Hardware-Teil der Show ist allerdings noch nicht zu haben. Nicht wenige Beobachter hatten erwartet, dass Apple sich nach dem Mac-Pro-Debakel zumindest mit einem Ausblick auf den Nachfolger zu Wort melden würde. Stattdessen stellte man mit dem iMac Pro eine weitere Variante des Desktop-Bestsellers vor, die ihresgleichen sucht! Der „most powerful Mac ever“ verfügt in seiner Spitzenkonfiguration über 18 Xeon-Kerne, Radeons neueste Vega-Grafikchips, 128 GB Arbeitsspeicher und hat damit genug Power, um zwei externe 5K-Displays zu bespielen. Mit einem Einstiegspreis von rund 5.000 US-Dollar wähnt sich Apple 2.000 Dollar unter dem Mitbewerb.
Apple hat sich außerdem entschieden, diesem Mac Pro eine besondere Ehre zuteil werden zu lassen: Er ist nicht silbern, sondern schwarz. Und nicht nur das Gerät selbst ist schwarz, auch die zugehörige Tastatur (kabelfrei, mit Nummernblock!) und die mitgelieferte Magic Maus sind schwarz. Wir können nur hoffen, dass es dieses Zubehör demnächst auch solo zu kaufen geben wird! (Eine weiße Version des kabelfreien Nummernblock-Keyboards hat Apple bereits bekanntgegeben – und gleichzeitig die Produktion der kabelgebundenen Tastatur eingestellt.)
Dieser iMac Pro, auch wenn er im iOS-Feuerwerk, etwas in den Hintergrund geriet, ist ein klares Statement Apples. Der Mac ist weiterhin wichtig, der Mac kann weiterhin ein „Wow!“-Gerät sein. Entwickler und Anwender in der Grafik- und Filmbranche werden sicherlich trotzdem skeptisch bleiben. Denn bereits 2013 verhielt es sich mit dem damals neu vorgestellten Mac Pro ganz ähnlich …

One Last Thing

Zum Abschluss der mit rund 2 Stunden und 30 Minuten unglaublich langen und dennoch sehr kurzweiligen Veranstaltung führte Tim Cook, unterstützt von Phil Schiller, dann nach der Apple Watch das zweite Post-Steve-Jobs-Produkt ein. Vielleicht auch deshalb wählte Cook die Worte, es gäbe da noch „one last thing“, eine Abwandlung von Jobs’ oft verwendeten „one more thing“ als Intro für den vermeintlichen wahren Knaller der Präsentation.
Apple hat sich den Erfolg von Amazons „Echo“, einem smarten Lautsprecher, der auf Sprachbefehle reagiert, viel zu lange angeschaut. Zu populär ist Siri, zu viel hat man in diese Technologie investiert, um jetzt nicht mitzuhalten.
Interessanterweise wählte Apple aber einen komplett anderen Ansatz als Amazon oder auch Google (mit Google Home). Man bewirbt den HomePod nicht in erster Linie als Siri-Gerät für zuhause, sondern zunächst einmal als sehr guten Lautsprecher. Hier gibt es eine parallel zur Apple Watch. Auch diese kündigte Tim Cook nicht mit all den großartigen smarten Funktionen an, sondern betonte gleich mehrfach, dass die Apple Watch zunächst einmal eine wirklich gute Uhr sei.
So verwendete Phil Schiller dann auch den Großteil der Zeit darauf zu erklären, wie gut die Musikwiedergabe des HomePod funktioniere. Apple scheint seine Kunden gut zu kennen und um deren Skepsis in Sachen Datenschutz wissen. Denn fast mehr Zeit als auf die Vorstellung der Siri-Funktionen des HomePod verwendete man darauf, zu erklären, dass die Codewort-Erkennung („Hey, Siri!“) selbstverständlich lokal auf dem Gerät passiere. Außerdem werden die dann gesammelten Sprachdaten vollkommen anonymisiert und verschlüsselt übertragen.
Gerade für deutsche Apple-Fans, die zu diesem Zeitpunkt bereits mit gezückter Kreditkarte nervös auf dem Sofa hin und her rutschten gab es dann aber noch zwei heftige Nackenschläge: Apples HomePod wird erst im Dezember verfügbar sein und das zunächst auch nur in den USA, dem Vereinigten Königreich und Australien.

Fazit

Abgesehen vom bereits eingangs erwähnten in Deutschland zumindest offiziell immer noch schmerzlich vermissten Apple Pay, gibt es nach dieser WWDC-Keynote wenig zu beanstanden. Eine souveräne No-Bullshit-Veranstaltung, bei der Apple sich auf die wichtigsten Baustellen konzentrierte. Natürlich macht das eine solche Präsentation auch gleich deutlich unspektakulärer als die immer wieder für Vergleiche herangezogene Ankündigung des iPhone aus dem Jahr 2007. Aber eigentlich ist es genau das, was die Apple Welt und allen voran die Entwickler, für die die WWDC ja schließlich immer noch primär abgehalten wird, braucht. Eine klare Marschroute, eine Vision, die sich über alle Geräte und Plattformen erstreckt und genug Neuerungen „unter der Habe“ mit denen es Entwicklern ermöglicht wird, neue, coole Apps an den Start zu bringen.
So sehr wir, wie viele andere auch, in den letzten Monaten zu Recht auf Apple eingedroschen haben: heute gibt es eigentlich nichts zu meckern – und das, was doch stört, ist diesmal wirklich ein Gejammer auf sehr, sehr hohem Niveau.

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War sehr positive von der Wwdc überrascht. Beste Apple-Show seit langem (hatte wenig Erwartung).
Man merkte in der Hektik, dass Apple viel vorstellen möchte.
Auch das Zeigen der Ausblicke fande ich nicht schlecht.

Einziges Manko (finde ich) :
Imac hätte etwas dünneren Rand vertragen. SSD als Standard.

Macbook mit Pen Unterstützung

Weiß jemand, wie groß der Ssd Speicher bei der neuen Fusion Drive ist?

Ich stimme dem Autor zu: Endlich eine Marschroute, die sich (gefühlt) nicht ausschließlich auf iPhone konzentriert.
Als langjähriger Mac Anwender habe ich auch mit Begeisterung die Änderungen an iPhoto registriert. - Es nähert sich Aperture an.
Apple hat verstanden, dass es nicht nur iPhone-Company ist.
Insgesamt seit ein paar Jahren die für mich beste WWDC.

Kann meinen Vorschreibern nur zustimmen. Alles richtig gemacht von Apple. Dass sie noch keinen Ausblick auf den neuen MAC Pro gezeigt haben, fand ich auch richtig. Man sollte dem iMAC Pro nicht gleich die Schau stehlen.
Und am höchsten bin ich ein wenig gehüpft, als Tim Cook angesetzt hat mit "...heart an soul of Apple..." und dann tatsächlich MAC und nicht iPhone gesagt hat. Das war ein gutes und wichtiges Statement.
Der iMAC Pro ist schon ein richtig geiles Stück Hardware, welches vor allen Dingen nie in die Situation kommen wird, in welcher jetzt der leider fehlkonzipierte MAC Pro steckt. Der iMAC wird wie seine kleineren Geschwister regelemäßig (vom user unveränderbare) Updates erhalten. Und der MAC Pro dann hoffentlich für die Hardcore user das erhoffte Modular Paradies werden.
Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster und behaupte, dass das nächste Weihnachtsgeschäft, das stärkste in der Geschichte von Apple wird.

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