Apples Erfolgsgeschichte wackelte in den Neunzigerjahren. Nach dem großen Erfolg mit dem Macintosh in den Achtzigerjahren stolperte das Unternehmen durch das folgende Jahrzehnt. Das Missmanagement ging so weit, dass das Unternehmen kurz vor der Pleite stand. Die letzte Rettungsaktion sollte den Aufkauf des Konkurrenten NeXT darstellen. Damit holte Apple nicht nur Steve Jobs zurück ins Unternehmen. Das wohl wichtigste Kaufargument bestand in NeXTSTEP, dem eigens entwickelten Betriebssystem auf UNIX-Basis.
Während Apple in den Neunzigerjahren erfolglos nach einer neuen Softwarebasis für die eigenen Computer suchte, feierte Steve Jobs’ angeschlagener Computerkonzern mit seinem NeXTSTEP-Betriebssystem Erfolge. Anfang 1997 übernahm Apple dann NeXT, und damit kehrte Jobs in das Unternehmen zurück, das er 20 Jahre zuvor in der heimischen Garage mitbegründete. Aber erst im Januar 2000 präsentierte er die Früchte der Übernahme in Form von Mac OS X, dem auf NeXTSTEP basierenden Betriebssystem-Paukenschlag.
Eine Bedienoberfläche zum „Ablecken“
Am 5. Januar 2000 eröffnete Steve Jobs die Macworld-Messe in San Francisco mit einer eigenen Keynote-Präsentation. Er begann mit einer Vielzahl an Erfolgsmeldungen: Rekordverkaufszahlen des Mac im vorherigen Quartal reihten sich neben Zubehör-Ankündigungen und Apples Internet-Strategie. Damit füllte Jobs die erste von zwei Präsentationsstunden. Das Highlight kündigte er dann in der zweiten Hälfte unter großem Applaus an: Apples neues Betriebssystem Mac OS X. Dabei holte er zunächst groß aus und definierte die Ziele des neuen Systems. Apple würde künftig auf ein einziges Betriebssystem setzen und nicht mehrgleisig fahren wollen. Die Designgrundlagen von Mac OS X würden einen modernen Unterbau, grafische Qualitäten und eine umfassende Internetintegration darstellen. Dabei sollte eine behutsame Migration auf das neue System vollzogen werden, die insgesamt zwölf Monate dauern würde. Ab Januar 2001 wollte man alle neuen Macs mit Mac OS X vorinstalliert ausliefern. Dieser straffe Zeitplan konnte allerdings nicht eingehalten werden (siehe Kasten).
Steve Jobs lieferte in seiner Präsentation nicht nur grundlegende Informationen zur Architektur des neuen Mac-Betriebssystems, sondern begeisterte das Publikum mit zahlreichen Demonstrationen zu neuen Funktionen und die Bedienoberfläche im neuen „Aqua“-Design. Jobs scherzte zum Namen, dass das erklärte Design-Ziel sei, dass Benutzer beim ersten Anblick der neuen Bedienoberfläche diese „ablecken“ wollen würden.
Diese „ableckbaren“ Knöpfe, Schalter, Regler und generellen Funktionen präsentierte er dann in ausführlichen Demonstrationen. Vermeintlich simpel und besonders im Rückblick banale Funktionen wie das Speichern einer Datei oder das Schließen eines Hintergrundfensters sorgten für großen Applaus im Publikum. Jobs wusste diese Funktionen gekonnt in kleinen Mini-Monologen vorzubereiten und anschließend in der Demonstration zu präsentieren.
Den wortwörtlich krönenden Abschluss der gesamten Keynote-Präsentation lieferte Jobs dann mit der Ankündigung, dass er seinen Titel als „Interims-CEO“ kürzen und fortan als Apples dauerhafter CEO weitermachen würde. Das Publikum feierte Jobs mit lautstarkem Applaus, stehenden Ovationen und „Steve“-Gesängen.
Robustes Fundament
Mac OS X war ein bahnbrechendes Update für den Mac. Neben der neuen Aqua-Bedienoberfläche setzte das Betriebssystem auf konkrete Verbesserungen gegenüber vergangenen Mac-Systemen. So gab es einen deutlichen Fortschritt in Bezug auf Multitasking-Funktionen und Systemstabilität. Während einzelne App-Abstürze den gesamten Mac unter OS 9 in die Knie zwangen, konnte Mac OS X trotzdem im gleichen Kontext weiterlaufen. Auch die grundlegende Systemarchitektur wie der an UNIX angelehnte Darwin-Kernel oder die auf PDF aufbauende Quartz-Grafikbibliothek haben sich als wegweisende Entscheidungen bewährt.
Der Start in diese neue Mac-Welt war allerdings mit vielen Hürden versehen. Apple arbeitete nach der ersten Präsentation im Januar 2000 und auch nach der Auslieferung der ersten Version (als Mac OS X 10.0) im Frühjahr 2001 weiterhin an der Stabilität, an Funktionen und an grundlegenden Konzepten. Aus heutiger Sicht irritiert etwa die erste Version des Docks als simpler Ordner für Dateien. Oder das Apple-Menü nicht links, sondern mittig in der Menüleiste zu platzieren. Im Laufe der Jahre und nach heftiger Kritik zum Start von Mac OS X 10.0 verfeinerte Apple das Betriebssystem stetig. Dabei zeigte sich in den folgenden Jahren die Weitsicht hinter dem Projekt.
Apple benötigte in den Neunzigerjahren dringend ein neues Betriebssystem für den Mac. Mit der NeXT-Übernahme sollte nicht nur dem Unternehmen neues Leben eingehaucht, sondern auch der Mac modernisiert werden. Das brauchte aber Zeit. Deshalb versuchte Apple mit dem Start von OS 9 im Oktober 1999 Zeit für die internen Arbeiten an OS X zu gewinnen. Im Januar 2000 präsentierte Steve Jobs das neue Betriebssystem erstmals auf der Bühne und versprach einen Verkaufsstart noch im selben Jahr. Apple konnte dieses ehrgeizige Ziel nicht einhalten, sodass Apple den Start auf März 2001 verschieben musste. Ab Mai 2001 gab es Mac OS X dann neben OS 9 als zweites vorinstalliertes Betriebssystem bei jedem neu verkauften Mac dazu. Im Mai 2002 beerdigte Steve Jobs dann wortwörtlich OS 9, indem er auf der WWDC-Keynote eine Trauerrede zum „verstorbenen“ Betriebssystem hielt. Inklusive offenem Sarg und Blumenablage auf der Bühne. Damit endete die Ära von „Classic Mac OS“ nach 17 Jahren.
Ein Betriebssystem für die Ewigkeit
Die Bedeutung von Mac OS X für Apple ist nur schwer in Worte zu fassen. Aus dem Mac-Betriebssystem ist nach 25 Jahren die Grundlage für alle aktuellen Apple-Plattformen geworden. Mit der Einführung des iPhone im Januar 2007 präsentierte Jobs stolz, dass OS X ebenfalls das Betriebssystem für das revolutionäre Smartphone sein sollte. Erst zum Verkaufsstart bekam dieser OS-X-Ableger mit „iPhone OS“ seinen eigenen Namen. Das heute als „iOS“ bezeichnete mobile Betriebssystem ist wiederum Grundlage für iPadOS, watchOS, tvOS und visionOS.
Der Mac setzt auch 25 Jahre und zwei große CPU-Architektur-Wechsel später immer noch auf Mac OS X. Zugegeben, der Name hat sich im Laufe der Jahre verändert. Im Sommer 2012 kürzte Apple den Namen auf „OS X“ zusammen. Vier Jahre später sollten alle Betriebssystemnamen vereinheitlicht werden, sodass der Mac fortan auf „macOS“ setzen würde. Dabei blieb es aber weiterhin bei der zehnten Versionsnummer.
Erst im Sommer 2020, also mehr als zwanzig Jahre nach der ersten Ankündigung, wagte Apple den großen Versionssprung auf das namentlich elfte Mac-Betriebssystem. Alles nur nebensächlich, denn auch 25 Jahre später bildet Mac OS X das Fundament für alle Macs und Apple-Plattformen. Nur die „ableckbare“ Bedienoberfläche musste Liquid Glass weichen.

Für Christian Steiner, derzeit in Wuppertal lebend, ist Apple-Geschichte kein Nostalgietrip, sondern Aufklärungsarbeit. In seiner Rubrik „Ein Blick zurück“ bei der Mac Life nimmt er die wichtigen Momente aus Apples Unternehmensgeschichte unter die Lupe, ordnet sie ein und erklärt, warum sie bis heute nachwirken. Als junger Familienvater interessiert ihn dabei auch, wie Apple-Produkte das Familienleben verbessern können.







