Das Jahr 2011 begann turbulent für Apple. Im Januar ließ sich Apple-Chef Steve Jobs von seinen Tätigkeiten freistellen. Das hatte (erneut) gesundheitliche Gründe. Bereits in früheren Jahren kämpfte Jobs mit seiner Gesundheit. 2003 erhielt er eine Krebsdiagnose. Im Sommer 2004 wurde ihm ein Tumor operativ entfernt. 2009 sollte ihn eine Lebertransplantation endgültig auf den Weg der Heilung bringen. Die Ankündigung seiner Freistellung Anfang 2011 sorgte zwar für Schlagzeilen, folgte dennoch einem bereits etablierten Prozedere. Der damalige Chef für operative Tätigkeiten, Tim Cook, übernahm erneut übergangsweise die Rolle als CEO. Jobs lieferte trotz seiner gesundheitlichen Probleme weiterhin Input. Im März 2011 führte er durch die Präsentation des neuen iPad 2. Am 6. Juni 2011 betrat er sichtlich geschwächt die große Bühne der Worldwide Developer Conference (WWDC). Dies sollte seine letzte Keynote-Präsentation für ein Apple-Event werden. Seinen letzten öffentlichen Auftritt vor seinem Ableben im Oktober 2011 lieferte er nur einen Tag später.
Der letzte Applaus
Ein sichtlich geschwächter Steve Jobs betrat die Bühne der WWDC-Eröffnung unter Standing Ovations. Das Publikum aus Presse, Entwicklern und Fans überschüttete den Apple-Chef mit Applaus, ein einzelner „Wir lieben dich“-Zuruf machte Jobs ungewöhnlich sprachlos. Allen schien klar zu sein, dass sich Jobs’ Gesundheitszustand seit dem letzten Auftritt im März noch einmal deutlich verschlechterte. Während der gesamten Präsentation fehlte Jobs einiges an Energie und er machte ungewohnt viele Fehler.
Anders als sonst stand Jobs nicht die vollen zwei Stunden auf der Bühne. Nach der Begrüßung und einem groben Überblick zu den anstehenden Themen übergab Jobs das Zepter an Marketing-Chef Phil Schiller und Jobs zog sich vorerst von der Bühne zurück. Schiller lieferte zunächst Updates zu den Verkaufszahlen des Mac. Anschließend präsentierte er das nächste große Update für das Mac-Betriebssystem. Mit OS X Lion sollten mehr als 250 neue Funktionen bereitstehen. Zehn davon präsentierte Schiller in Zusammenarbeit mit Software-Chef Craig Federighi, der für die Demonstrationen der vorgestellten Funktionen zuständig war. Phil Schiller übergab das Zepter anschließend an Scott Forstall, den damaligen Chef für die iPhone-Software. Dieser lieferte ebenfalls beeindruckende Zahlen zum iPhone und iPad. Sein Hauptthema sollten allerdings die Neuerungen von iOS 5 sein. Hier versprach Apple 200 neue Funktionen, von denen Forstall ebenfalls zehn im Detail und mit Demonstrationen genauer vorstellte.
Forstall übergab nach seiner Präsentation zurück an Steve Jobs, der Apples neue „iCloud“ genauer vorstellen sollte. Diese erwähnte Apple ungewöhnlicherweise bereits eine Woche vorher in einer Pressemitteilung als Apples „künftiges Angebot an Diensten auf Cloud-Computing-Basis“. Was genau damit gemeint war, zeigte Jobs zum Abschluss der Keynote im Detail.
„It just works“
Jobs’ letzter Akt auf einer Apple-Bühne war ein fundamentaler. In seiner Präsentation sollte es um Apples zukünftige Cloud-Strategie gehen. Apple war zu dem Zeitpunkt ein Nachzügler, was Cloud-Dienste und -Funktionen betraf. Jobs selbst gab dies in seiner Einleitung zur neuen iCloud zu. Zunächst aber erinnerte er an das Jahr 2001. Zu Beginn des neuen Jahrtausends präsentierte er Apples neue Strategie, die er damals als „Digital Hub“ bezeichnete (siehe Mac Life Nr. 294). Dabei stand der Mac im Zentrum des digitalen Alltags und kommunizierte mit anderen Geräten wie Videokameras, Digitalkameras oder dem iPod. Der Mac übernahm dabei die Rolle als zentraler Datenspeicher. Doch das hätte sich in der Gegenwart durch eine Vielzahl neuer Geräte wie dem iPhone und iPad zu einem Problem entwickelt. Das ständige Synchronisieren all dieser Geräte untereinander ist nach der Meinung von Jobs zu einem großen Problem geworden. Die Lösung: Der Mac sollte fortan ein ebenbürtiges Gerät zu allen anderen werden und die Cloud sollte fortan das neue digitale Zentrum für alle Daten werden. Apples eigene iCloud würde aber mehr sein als eine simple Festplatte in der Wolke. Durch spezielle und clevere Funktionen sollte die iCloud nicht nur Daten speichern können, sondern automatisch Änderungen an alle Geräte kommunizieren und beispielsweise neu gekaufte Musik aus dem iTunes Store auf alle Geräte drahtlos herunterladen.
Unter großem Gelächter und Applaus witzelte Jobs dabei über die bis dato mangelnde Qualität von Apples Cloud-Diensten. MobileMe, der Vorläufer von Apples iCloud, konnte sich nach einem desaströsen Start im Jahr 2008 nie wieder von seinem ramponierten Image lösen. Der Dienst galt als unzuverlässig und war nach Jobs’ eigener Aussage „nicht Apples beste Stunde“. Aber man habe eine Menge daraus gelernt und diese Erkenntnisse nun in iCloud gesteckt. Diese stellte Jobs dann mit neuen iCloud-Apps und -Funktionen vor.
Neben einem eigenen E-Mail-Dienst sollte sich iCloud fortan um die Synchronisierung von Kalendern, Kontakten sowie Einkäufen aus dem App Store, dem iTunes Store und dem iBookstore kümmern. Clevere Funktionen wie der drahtlose Austausch von Lesezeichen in der iBooks-App oder geteilte Kalender machten iCloud damals schon zu mehr als einem simplen Cloud-Speicher. Hinzu kamen weitere iCloud-Funktionen wie automatische Backups von iOS-Geräten, eine neue Fotostream-Funktion für iPhoto sowie Cloud-Dokumente für Apples iWork-Apps Pages, Numbers und Keynote. Einen klassischen Cloud-Speicher mit 5 Gigabyte stellte Apple ebenfalls bereit. All diese Funktionen sollten fortan kostenfrei angeboten werden. Details zu erweiterten Speichergrößen erwähnte Jobs allerdings nicht auf der Bühne.
Dafür präsentierte er eine Überraschung. Mit seiner berühmten Formulierung „One more thing“ verkündete er sonst große Neuerungen, sodass auch dieses Mal das Publikum jubelte. Er dämpfte die Erwartungen aber schnell mit der Ergänzung, dass es sich um eine „kleine“ Überraschung handeln würde. Diese war iTunes Match. Mit dem kostenpflichtigen Abo konnten Nutzer ihren gesamten Musikkatalog in die Cloud bringen und damit auf allen Geräten drahtlos austauschen und nutzen. Der Clou: iTunes Match verglich die lokale Musikmediathek mit Apples umfangreichem iTunes-Katalog und lud nur die Tracks in die Cloud, die es nicht bei iTunes gab. Das sollte die Ladezeiten verkürzen und in vielen Fällen die alten MP3-Dateien mit Apples besser codierten Songs ersetzen.
Die Eröffnungspräsentation der WWDC 2011 war zwar Steve Jobs’ letzte Apple-Präsentation, allerdings nicht seine letzte Präsentation als Apple-CEO. Einen Tag nach der WWDC-Keynote stellte Jobs dem Stadtrat von Cupertino Apples Pläne für ein neues Firmengelände vor. Das damalige Problem: Apple wuchs als Unternehmen rapide, sodass die eigene Belegschaft nur noch verstreut in Apples Heimatstadt arbeiten konnte. Apple kaufte deshalb mehrere Grundstücke auf, um dort einen neuen Firmensitz zu bauen. Jobs präsentierte die Baupläne für den neuen Apple Campus, um die nötigen Genehmigungen für den Bau zu erhalten. Diese gab es allerdings erst im Oktober 2013, also zwei Jahre nach Jobs’ Ableben. Die Präsentation vor dem Stadtrat sollte Jobs’ letzten öffentlichen Auftritt vor seinem Tod im Oktober 2011 darstellen. Der neue Apple Campus öffnete im April 2017 seine Türen für die Apple-Belegschaft.
Jobs’ letzter Auftritt
Steve Jobs brachte die Eröffnungspräsentation der WWDC 2011 mit hoffnungsvollen Gedanken zu Ende. Er beschwörte Apples Einsatz beim Ausbau der neuen iCloud-Infrastruktur, indem er Fotos vom Baufortschritt eines neuen Datencenters für genau diesen Einsatzzweck zeigte. Er beendete die Präsentation mit Zahlen und Statistiken zur WWDC-Entwicklungskonferenz. Was wie eine gewöhnliche Apple-Veranstaltung ausklang, war aber rückblickend ein besonderer Moment. Jobs war im Sommer 2011 ungewöhnlich schwach auf der Bühne. Seine Stimme war deutlich kraftloser als sonst, es fehlte ihm an Energie. Seine Ausführungen waren ungewohnt fehlerhaft, kleine Versprecher woben sich durch die iCloud-Ausführungen. Die Demonstrationen von neuen iCloud-Funktionen übergab er ebenfalls an andere, statt sie selbst zu präsentieren. Kurzum: Steve Jobs’ letzter Keynote-Auftritt konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es mit seiner Gesundheit alles andere als gut stand. Dennoch überraschten die Ereignisse der folgenden Wochen und Monate sowohl Apple-Fans als auch Freunde, Familie und Mitarbeiter von Apple. Steve Jobs verstarb am 5. Oktober 2011 an den Folgen einer Krebserkrankung.

Für Christian Steiner, derzeit in Wuppertal lebend, ist Apple-Geschichte kein Nostalgietrip, sondern Aufklärungsarbeit. In seiner Rubrik „Ein Blick zurück“ bei der Mac Life nimmt er die wichtigen Momente aus Apples Unternehmensgeschichte unter die Lupe, ordnet sie ein und erklärt, warum sie bis heute nachwirken. Als junger Familienvater interessiert ihn dabei auch, wie Apple-Produkte das Familienleben verbessern können.









