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Tipps & Praxis

Arbeiten mit Canva: Heute so … und morgen ganz anders

Bis vor zwei Jahren war die Welt noch einfach. Videoschnitt in Premiere, Layout in InDesign, Grafiken in Illustrator oder Coreldraw – fertig. Jeder hatte sein Setup, seine Tools, seine Routinen. Und die hat man nicht groß hinterfragt. Heute sieht das komplett anders aus.

Von   Uhr

In erstaunlich kurzer Zeit hat sich mein gesamter Workflow verschoben, und das spürbar. Ich arbeite nicht mehr in „meinem“ Tool. Ich arbeite einfach mit dem, was gerade am schnellsten funktioniert. Mal ist das Capcut, mal Adobe Premiere, mal ein Online-Tool wie Veed für Untertitel – weil dessen Spracherkennung zu 99 Prozent korrekt arbeitet und eingebrannte Untertitel für Instagram nur einen Mausklick entfernt sind: schick und zehnmal schneller als in Premiere erstellt.

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Jörg Rieger

Jörg Rieger arbeitet an der Schnittstelle von Kommunikation, Marketing und neuen Technologien. Als Berater, Sprecher und Kreativkopf beschäftigt er sich mit der Frage, wie Unternehmen und Menschen komplexe Themen verständlich vermitteln können. Besonders interessiert ihn dabei, wie KI und moderne Software kreative Arbeit verändern und neue Möglichkeiten schaffen.

Das klingt nach mehr Aufwand. Ist es aber nicht. Unterm Strich bin ich heute deutlich schneller und besser. Nicht, weil ein Tool alles besser kann. Sondern weil ich mir meinen Workflow aus mehreren Tools zusammenbaue und ständig beobachte, wer gerade was besser löst.

Die Kehrseite: Es ist chaotischer geworden. Updates kommen im Monatsrhythmus, Funktionen verschwinden und tauchen wieder auf. Gerade Tools wie Capcut experimentieren ständig – manchmal auch auf Kosten von Stabilität. Was gestern noch perfekt funktioniert hat, kann morgen schon wieder anders aussehen. Und trotzdem: Ich würde nicht zurückwollen. Denn nach zwei Jahren Tool-Achterbahn bleibt eine ziemlich klare Erkenntnis: Die meisten neuen Apps sind so gebaut, dass man extrem schnell zu guten Ergebnissen kommt.

Die Einstiegshürde ist niedrig, die Lernkurve überraschend flach. Und genau das ist der eigentliche Gamechanger. Man muss sich nicht mehr an ein Tool binden, weil man wochenlange Einarbeitungszeit investiert hat. Man baut sich seinen eigenen Werkzeugkasten – und tauscht einzelne Bausteine einfach aus, wenn etwas Besseres auftaucht.

Die Zeit, in der man sich einmal für ein Tool entschieden hat – und dann dabei geblieben ist – ist vorbei. Der Satz „Ich arbeite mit InDesign“ oder „Ich schneide mit Premiere“ verliert an Bedeutung. Stattdessen entstehen überall neue Player, die genau auf diese Entwicklung setzen und vorantreiben. Tools, die sowohl einzelne Aufgaben lösen als auch komplette Workflows vereinfachen und natürlich auf KI setzen. Einer der spannendsten Vertreter dieser neuen Generation: Canva.

Ein Markt, der sich permanent neu erfindet

Parallel dazu hat sich die Dynamik des Marktes massiv verändert. Neue Tools entstehen im Wochentakt, verschwinden wieder oder werden innerhalb kürzester Zeit weiterentwickelt. Die Folge: Die Arbeitsweise wird unübersichtlicher. Was früher ein klar definierter Workflow war, wirkt heute oft wie ein improvisiertes System – lokal und in der Cloud, zwischen Plattformen, die nie dafür gedacht waren, zusammenzuarbeiten. Kein Ausnahmefall mehr, sondern Alltag – inklusive Software-Abos überall.

Vom Tool zum System

Früher war die Logik klar: Man entscheidet sich für ein Tool – und bleibt dabei. Wer Videos schneidet, arbeitet mit Premiere, Davinci oder Final Cut. Wer Layout macht, mit InDesign. Wer Bilder bearbeitet, mit Photoshop. Punkt. Diese Denkweise funktioniert heute immer weniger. Nicht, weil diese Programme schlechter geworden wären. Sondern weil daneben plötzlich Alternativen entstanden sind, die einzelne Aufgaben schneller, einfacher oder einfach anders lösen.

Und genau hier verschiebt sich etwas Grundlegendes. Ich entscheide mich heute nicht mehr für ein Tool. Ich entscheide mich für das Ergebnis. Das bedeutet: Ich nutze jene App, die mir in genau diesem Moment den größten Vorteil bringt – unabhängig davon, ob sie Teil einer großen Suite ist oder nicht. Das Ergebnis: Mein Workflow besteht nicht mehr aus einem Programm, sondern aus Bausteinen. Und diese Bausteine sind austauschbar. Wenn morgen ein Tool auftaucht, das etwas besser oder schneller kann, wird es ersetzt. Genau das wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen.

Interessant ist dabei, wie sich der eigene Blick auf die Arbeit verändert hat. Früher habe ich meinen Workflow um die Software herum gedacht. Heute denke ich ihn vom Problem aus: Ich schaue mir gezielt an, wo ich Zeit verliere, wo etwas umständlich ist oder wo ich an Grenzen stoße – genau die Punkte, die mich im Alltag nerven oder aufhalten. Und genau da setze ich an. In den meisten Fällen gibt es inzwischen jemanden, der genau dieses Problem schon gelöst hat – oft als spezialisiertes Tool. Die eigentliche Arbeit besteht dann darin, die passende Lösung zu finden und sinnvoll in den eigenen Workflow zu integrieren.

Interessant ist dabei, dass sich moderne Workflows in zwei Richtungen entwickeln: Auf der einen Seite stehen Plattformen wie Canva, die möglichst viele Aufgaben in einem Tool bündeln. Auf der anderen Seite entstehen immer mehr hochspezialisierte Anwendungen, die jeweils nur ein Problem lösen – dafür aber besonders gut und damit nahezu jedem Möglichkeiten eröffnen, die bisher Spezialisten vorenthalten waren.

Künstliche Intelligenz

Kaum ein Werkzeug im kreativen Bereich kommt heute noch ohne KI-Funktionen aus – und genau das verändert die Arbeitsweise grundlegend.

Was vor ein paar Jahren noch spektakulär war, wirkt heute fast banal. Als Programme wie Luminar erstmals den Himmel per Mausklick austauschen konnten, war das eine kleine Sensation. Maskierungen, Ebenen, manuelle Anpassungen – all das wurde plötzlich überflüssig. Heute ist das Standard. Und in vielen Fällen in wenigen Sekunden erledigt, das macht selbst die Gratis-Version von Gemini oder ChatGPT. Doch die eigentliche Veränderung geht deutlich weiter.

Canva als Treiber des Wandels

Wenn man verstehen will, warum sich kreative Arbeit gerade so stark verändert, kommt man an Canva kaum vorbei. Was ursprünglich als einfaches Online-Tool für Einladungen und Präsentationen gestartet ist, hat sich zu einer Plattform entwickelt, die einen großen Teil kreativer Arbeit abdeckt – Layouts, Grafiken, Präsentationen, einfache Videos. Der entscheidende Punkt: Eine extrem intuitive Bedienung verbindet sich mit einem großen Funktionsumfang zu niedrigen Kosten. Was früher hieß: entweder einfach, aber eingeschränkt – oder leistungsfähig, aber komplex – funktioniert hier plötzlich gleichzeitig.

Einfach anfangen statt lange lernen

Die große Stärke von Canva ist nach wie vor der Einstieg. Man öffnet die App im Web, am Mac oder Smartphone – und legt los. Vorlagen spielen dabei eine zentrale Rolle. Für jedes noch so exotische Thema gibt es eine enorme Auswahl, die sich mit wenigen Klicks anpassen lässt. Ob Einladung, Magazinseite oder Präsentation: Sie starten nicht bei null, sondern arbeiten auf einer bestehenden Struktur auf. Gleichzeitig sind Sie aber nicht an diese Vorlagen gebunden. Wenn Sie komplett frei arbeiten möchten, können Sie jederzeit mit einer leeren Fläche beginnen und Ihr Layout von Grund auf selbst entwickeln. Dazu kommt ein Bedienkonzept, das konsequent auf Intuition setzt. Viele Funktionen erschließen sich von selbst, ohne dass Sie lange suchen oder sich einarbeiten müssen. Das führt dazu, dass auch Einsteiger erstaunlich schnell zu brauchbaren Ergebnissen kommen – während Fortgeschrittene trotzdem genug Spielraum behalten.

Plattform statt Einzeltool

Parallel dazu hat Canva sein Angebot konsequent erweitert. Heute ist es weniger ein einzelnes Programm als vielmehr eine Plattform. Millionen von Grafiken, Fotos und Symbolen stehen direkt zur Verfügung und lassen sich nahtlos integrieren. Funktionen wie das Freistellen von Bildern oder einfache Bildanpassungen laufen im Hintergrund und nehmen viele klassische Arbeitsschritte ab. Auch KI ist inzwischen fester Bestandteil des Systems – etwa bei Textvorschlägen, Bildgenerierung oder automatischen Anpassungen. Dabei gilt allerdings: Die Ergebnisse sind solide, qualitativ ChatGPT, Claude & Co. aber deutlich unterlegen. Für viele Anwendungsfälle reicht das trotzdem völlig aus – vor allem, weil alles direkt im selben Workflow passiert.

Canva layoutet KI-gestützt vom Banner bis zur Webseite einfach alles. Freisteller, Grafikelemente, Mockups und tausende Vorlagen unterstützen auch Nicht-Grafiker.
Canva layoutet KI-gestützt vom Banner bis zur Webseite einfach alles. Freisteller, Grafikelemente, Mockups und tausende Vorlagen unterstützen auch Nicht-Grafiker. (Bild: Screenshot)

Zusammenarbeit statt Einzelarbeit

Ein Aspekt, der oft unterschätzt wird: Canva richtet sich längst nicht mehr nur an Einzelanwender. Die Plattform ist darauf ausgelegt, im Team zu funktionieren – und genau darin liegt ein großer Unterschied zu klassischen Kreativ-Tools. Gerade in Unternehmen, etwa in Marketing-Abteilungen, entstehen Inhalte selten isoliert. Ein Designer entwickelt die Grundlage, andere Mitarbeitende passen Inhalte an, erstellen Varianten oder bereiten Materialien für unterschiedliche Einsätze vor. Genau hier setzt Canva an. Markenelemente lassen sich zentral hinterlegen – Logos, Farben, Schriften oder komplette Designrichtlinien. Teams greifen darauf zu und arbeiten innerhalb dieser Vorgaben weiter. Das sorgt für einen konsistenten Auftritt, ohne dass jede Anpassung wieder über spezialisierte Fachkräfte laufen muss.

Die Affinity-Übernahme als strategischer Schritt

Spannend wurde es, als Canva die Affinity-Suite 2024 übernommen hat. Programme wie Affinity Photo, Affinity Designer und Affinity Publisher galten lange als preiswerte Alternativen zur Adobe Creative Cloud für Nutzer, die sich nicht an ein Abo-Modell binden wollten. Jetzt ist sie kostenlos.

Die neuen KI-Funktionen, die auf Canva basieren, erfordern dann aber doch ein Abonnement. Der Schritt von Canva ist nur logisch: Die Affinity-Suite bleibt das Werkzeug für detaillierte Bildbearbeitung, Grafik und Layout für Profis und Ambitionierte. Andererseits werden sie zunehmend Teil eines größeren Systems – inklusive Cloud-Anbindung und KI-Funktionen. Canva ist dann die Wahl für schnelle und intuitive Ergebnisse und quasi als verlängerter Arm zu sehen, wo Marketingabteilungen auf Basis der in Affinity erstellten Vorlagen schnell entsprechende Projekte realisieren können. Dank umfassender Team- und Zusammenarbeitsfunktionen können Sie quasi in Echtzeit mit beliebig vielen anderen an Projekten arbeiten. Auch preislich setzt Canva ein klares Signal. Mit einem vergleichsweise günstigen Abo-Modell positioniert sich die Plattform deutlich unterhalb klassischer Kreativ-Suiten. Und dass man Affinity einfach komplett gratis anbietet, ist schon ein krasser Marketing-Coup. Damit spricht Canva eine Zielgruppe an, die lange zwischen zwei Welten lag: zu ambitioniert für einfache Tools, aber nicht bereit für komplexe und teure Profi-Software.

Workshop: in wenigen Schritten zum perfekten KI-Workflow mit Ton, Thumbnail und Untertitel

Schritt 1

(Bild: Screenshot)

Schneiden Sie Ihr Video in Capcut, am besten in der Desktop-App auf dem Mac. Die Oberfläche fühlt sich vertraut an, arbeitet flott und bietet viele Effekte, die Sie ohne große Einarbeitung direkt nutzen können.

Schritt 2

(Bild: Screenshot)

Sind Sie fertig, exportieren Sie für den perfekten Ton zunächst nur die Audiospur als WAV-Datei aus Capcut. So können Sie die Sprache separat optimieren, ohne den fertigen Bildschnitt noch einmal anfassen zu müssen.

Schritt 3

(Bild: Screenshot)

Laden Sie die WAV-Datei bei Adobe Podcast hoch. Der Dienst verbessert Sprache automatisch, reduziert Störgeräusche und liefert eine deutlich klarere Tonspur, die Sie anschließend wieder als WAV exportieren.

Schritt 4

(Bild: Screenshot)

Ziehen Sie die optimierte WAV-Datei als neue Tonspur in Capcut. Platzieren Sie sie passgenau und prüfen Sie durch gleichzeitiges Abspielen beider Audiospuren. Gibt es kein Echo, blenden Sie die ursprüngliche Audiospur aus. 

Schritt 5

(Bild: Screenshot)

Erstellen Sie ein Vorschaubild für das Video in Canva. Nutzen Sie Vorlagen, Freisteller und klare Typografie, damit Ihr Clip schon vor dem Start professionell und wiedererkennbar wirkt. Exportieren Sie es als PNG oder JPG.

Schritt 6

(Bild: Screenshot)

Fügen Sie das Vorschaubild nun als allerersten Frame in Ihr Capcut-Projekt ein. Viele Plattformen nutzen diesen Startframe am Anfang eines Videos als Vorschau – so vermeiden Sie ein zufälliges Standbild am Anfang des Clips.

Schritt 7

(Bild: Screenshot)

Exportieren Sie das fertige Video aus Capcut. Für die meisten Plattformen ist MP4 die richtige Wahl; achten Sie auf eine passende Auflösung und eine gute Bildqualität. 4K im Querformat und 2K im Hochformat sind meist ausreichend.

Schritt 8

(Bild: Screenshot)

Laden Sie das exportierte Video zu veed.com hoch und erstellen Sie automatische Untertitel. Sie können falsche Wörter manuell anpassen und eine Vorlage wählen. Achten Sie bei der Positionierung darauf, nichts zu verdecken.

Schritt 9

(Bild: Screenshot)

Exportieren Sie das Video aus Veed, so können Sie Untertitel direkt einbrennen. Das ist für Instagram und Tiktok perfekt. Für Youtube sollten Sie eine SRT-Datei exportieren, denn Youtube nutzt lieber die interne Funktion.

Interview mit Oliver Pailer von MSP Networks GmbH

»Jede Woche ganz neu denken.«

Oliver Pailer ist IT-Spezialist mit Fokus auf Automatisierung und KI und begleitet mit seiner MSP Networks GmbH verschiedenste Unternehmen – vom Mittelstand bis zum Großkonzern – bei ihrer digitalen Transformation.
Oliver Pailer ist IT-Spezialist mit Fokus auf Automatisierung und KI und begleitet mit seiner MSP Networks GmbH verschiedenste Unternehmen – vom Mittelstand bis zum Großkonzern – bei ihrer digitalen Transformation.

Wie sieht Ihr eigener Arbeitsalltag heute aus – arbeiten Sie eher mit einem festen Tool-Setup oder stellen Sie sich Ihren Workflow aus mehreren Anwendungen zusammen? Wie aktiv beobachten Sie dabei neue Entwicklungen?
Ich arbeite mit einem stabilen Kern und einem flexiblen Rand. Der Kern – Betriebssystem, Entwicklungsumgebung, Kommunikation – ist gesetzt und ändert sich selten. Was drumherum passiert, ist dagegen sehr dynamisch. Gerade im KI-Bereich kommen wöchentlich neue Tools und Modelle, die ich aktiv beobachte und wo nötig direkt ausprobiere. Ich lese keine Blogposts darüber – ich installiere es und schaue, was es wirklich kann. Das ist ein wesentlicher Teil meiner Arbeit: zu verstehen, was praxistauglich ist und was nur gut klingt.

Wenn Sie in Unternehmen gehen und Prozesse digitalisieren oder automatisieren: Wo stehen die meisten aktuell? Haben sie bereits eine klare Vorstellung? Und wie offen sind Unternehmen wirklich für neue Tools und Arbeitsweisen?
Die Realität ist meistens ernüchternd – aber das sage ich ohne Wertung. Die meisten Unternehmen haben einzelne digitale Inseln: hier ein ERP, dort eine Cloud-Lösung, dazwischen Excel und E-Mail. Eine durchgängige Prozesslogik fehlt oft komplett. Das ist keine Frage der Größe – das sehe ich im Mittelstand genauso wie in Konzernen. Die Offenheit gegenüber neuen Tools ist prinzipiell da, aber sie endet häufig dort, where echte Veränderung beginnt. Solange es ein Add-on ist, das nichts Gewohntes anfasst, wird es angenommen. Sobald ein Prozess wirklich neu gedacht werden muss, kommt Widerstand – meistens nicht von der Geschäftsführung, sondern aus der Mitte der Organisation.

Sie sehen viele unterschiedliche Setups in der Praxis: Geht die Entwicklung aus Ihrer Sicht eher in Richtung „eine Plattform für alles“ – oder hin zu flexiblen Workflows aus vielen spezialisierten Tools?
Die Plattform-Vision ist ein Verkaufsversprechen, keine Realitätsbeschreibung. In der Praxis gewinnt der flexible Workflow – aber mit einer wichtigen Bedingung: Es braucht jemanden, der das zusammenhält. Spezialisierte Tools sind überlegen, weil sie ihren jeweiligen Job besser machen als jede Universallösung. Die Herausforderung liegt in der Integration. Wer das beherrscht – also Datenflüsse, APIs, Automatisierungsschichten –, der hat einen echten Vorteil. Plattformen wie Microsoft 365 oder Salesforce versuchen, diesen Bedarf zu absorbieren, aber sie schaffen damit neue Abhängigkeiten und neue Grenzen.

Viele unserer Leser sind keine Profis, sondern nutzen solche Tools eher punktuell – beruflich oder privat. Was wäre aus Ihrer Sicht heute ein sinnvoller Einstieg, um von den neuen Möglichkeiten zu profitieren?
Einen einzigen konkreten Schmerzpunkt nehmen – eine Aufgabe, die regelmäßig nervt oder zu lang dauert – und genau dort anfangen. Nicht mit einem generellen „Ich will produktiver werden“, sondern mit: „Diesen einen Report erstelle ich jede Woche manuell, das nervt mich.“ Dann schauen, ob ein KI-Tool oder eine einfache Automatisierung das abnehmen kann. Der Einstieg über einen echten Anwendungsfall ist nachhaltig. Der Einstieg über das Tool selbst – „ich probiere jetzt mal ChatGPT“ ohne konkreten Zweck – führt meistens dazu, dass man es nach zwei Wochen wieder vergisst.

Wie stark verändert Künstliche Intelligenz den Arbeitsalltag aktuell wirklich – ist das eher ein Hype oder schon ein echter Produktivitätsfaktor?
Beides – je nachdem, wie man damit umgeht. Ich erlebe täglich, wie KI echte Arbeit abnimmt: Dokumentation, Code-Reviews, Klassifizierung von E-Mails, Erstentwürfe von Angeboten. Das sind keine Randthemen, das ist Kernarbeit. Gleichzeitig sehe ich Unternehmen, die einen ChatGPT-Zugang einrichten, das „KI-Projekt“ abhaken und sich dann nichts ändert. Der Unterschied liegt nicht im Tool, sondern in der Frage, ob jemand wirklich bereit ist, Arbeitsprozesse neu zu denken. Wer das tut, sieht heute schon massive Produktivitätsgewinne und erzielt damit einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber den „KI-Verweigerern“. Wer es nicht tut, zahlt Lizenzkosten und spricht auf Konferenzen über Digitalisierung.

Was sind aus Ihrer Erfahrung die häufigsten Fehler, wenn Unternehmen oder auch Einzelpersonen anfangen, mit neuen Tools oder KI zu arbeiten?

  1. Zu breit anfangen. Man will sofort alles automatisieren und verliert sich in Komplexität, bevor irgendetwas läuft. 
  2. Dem Output blind vertrauen. KI halluziniert, macht Fehler, klingt aber immer überzeugend. Wer das nicht versteht, produziert Fehler in industriellem Maßstab. 
  3. Das ist der unterschätzteste Punkt: kein klarer Prozess und keine Datenbasis. KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie arbeitet. Wer unstrukturierte, veraltete Daten hat, bekommt unstrukturierte, inkonsistente Ergebnisse – nur schneller. Vereinfacht gesagt: Ein neuer Mitarbeiter, der nicht eingearbeitet wird, keinen Datenzugriff hat und mit veralteten Dokumentationen arbeitet – was wird da wohl rauskommen?

Würden Sie sagen, dass klassische „Tool-Treue“ ausgedient hat – oder gibt es nach wie vor gute Gründe, bei einem System zu bleiben?
Tool-Treue aus Gewohnheit hat ausgedient. Tool-Treue aus strategischen Gründen ist nach wie vor sinnvoll. Wenn ein System tief integriert ist, verlässlich funktioniert und der Wechsel mehr kostet, als er bringt – dann bleibt man, hält aber Ausschau nach Erweiterungen, um es gegebenenfalls doch „KI-Ready“ zu bekommen. Das ist keine Schwäche, das ist Pragmatismus. Was ich allerdings ablehne, ist die Loyalität gegenüber einem Hersteller, die dazu führt, dass man bessere Alternativen ignoriert. Die Frage sollte immer sein: Löst dieses Tool mein Problem am besten – und zu welchem Preis? Technisch, finanziell und organisatorisch.

Wenn Sie ein wenig in die Zukunft blicken: Was wird aus Ihrer Sicht das nächste große Thema im Bereich Software und KI sein – und worauf sollte man heute schon achten, um nicht den Anschluss zu verlieren?
Agentische KI – also Systeme, die nicht nur antworten, sondern eigenständig Aufgaben ausführen, Entscheidungen treffen und mit anderen Systemen interagieren. Das verändert die Rolle des Menschen im Prozess fundamental. Was ich heute schon beobachte: Unternehmen, die ihre Prozesse gut dokumentiert und ihre Daten sauber strukturiert haben, werden davon massiv profitieren. Alle anderen werden merken, dass KI ihr Chaos nur schneller macht. Der Rat für heute: Prozesse aufschreiben, Daten bereinigen, Schnittstellen verstehen. Das klingt langweilig – ist aber die Grundlage für alles, was kommt.

Was macht eigentlich Apple?

Auf dem Papier klingt das neue Creator Studio nach Apples Antwort auf Creative Cloud, Canva und die neue Tool-Welt. In der Praxis ist es aber nur die Sammlung bekannter Programme und kein neu gedachtes Kreativsystem. Final Cut bleibt Final Cut, Logic bleibt Logic, Pixelmator bleibt Pixelmator. Apple bündelt und ergänzt – aber es verändert die Arbeitsweise nicht so radikal, wie es Canva mit seinem Plattformansatz macht. Sprich, eine nahtlose Verbindung zwischen den einzelnen Apps gibt es nicht, auch die Benutzeroberflächen sind nicht einheitlich gelöst und innovative KI-Funktionen sucht man vergeblich. Für Mac- und iPad-Nutzer, die ohnehin mit diesen Programmen arbeiten, ist das Paket trotzdem attraktiv. Für 12,99 Euro im Monat oder 129 Euro im Jahr erhalten Nutzende Zugriff auf Final Cut Pro, Logic Pro, Pixelmator Pro, Motion, Compressor, MainStage sowie Premium-Inhalte und KI-Funktionen in Keynote, Pages, Numbers und Freeform. Aber der große Innovationsschub bleibt aus. Während Canva kreative Arbeit stärker in Richtung Team, Vorlagen, Assets, KI und schneller Umsetzung denkt, setzt Apple vor allem auf etablierte Einzeltools unter einem gemeinsamen Abo-Dach. Apple liefert damit weiterhin sehr gute Werkzeuge. Nur ist Apple in diesem Feld aktuell eher Verwalter einer starken Pro-App-Tradition als der Treiber des Wandels, der längst begonnen hat.

Apple bündelt seine Profi-Apps seit kurzem unter dem Namen Creator Studio.
Apple bündelt seine Profi-Apps seit kurzem unter dem Namen Creator Studio. (Bild: Apple)

Mein Fazit

Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Hier passiert gerade mehr als ein weiterer Software-Trend – Künstliche Intelligenz bringt Bewegung in eine Branche, die lange ziemlich festgefahren war. Und diese Bewegung ist erst der Anfang. Wer sich jetzt damit beschäftigt, hat einen echten Vorteil. Egal ob im Job oder privat – viele Dinge gehen heute schneller, einfacher und oft auch besser als noch vor kurzer Zeit. Vor allem aber werden plötzlich Ideen umsetzbar, die man vorher gar nicht erst auf dem Schirm hatte. Wichtig ist dabei aber auch die Einordnung. Oft wird argumentiert, dass KI den Kreativen, den Profis, etwas „wegnimmt“. In der Praxis sieht das in vielen Fällen anders aus. Wenn ich mir heute einen kleinen Geburtstagssong erstelle, dann ersetze ich damit keinen Songwriter – ich hätte vorher schlicht keinen beauftragt.

Diese Form von Kreativität war für mich nicht zugänglich. Jetzt ist sie es. Das Gleiche gilt für viele andere Anwendungsfälle: Einladungen, kleine Layouts, Videos oder Designs. KI und neue Tools erweitern hier in erster Linie die Möglichkeiten – sie verschieben nicht automatisch vom Profi zum Laien. Das bedeutet nicht, dass es keine kritischen Entwicklungen gibt. Die existieren durchaus und das Thema Urheberrecht ist tatsächlich nicht zu unterschätzen. Denn dass man Gedankengut so einfach kopieren, replizieren und „remixen“ kann, ohne Rücksicht auf die Leistung des eigentlichen Erstellers, ist ganz platt gesagt Diebstahl geistigen Eigentums. Für die meisten Anwender gilt aber etwas anderes: Die neuen Werkzeuge nehmen einem die Arbeit ab – aber sie ersetzen eben nicht die eigene Idee. Denn die entsteht immer noch im Kopf. Und genau dort liegt auch der Unterschied zwischen „ganz nett“ und wirklich gut. Vielleicht ist das der größte Gewinn: Sie können heute Dinge ausprobieren, die früher schlicht zu aufwendig gewesen wären. Sie sind nicht perfekt, nicht auf Profi-Niveau – aber gut genug, um etwas Eigenes zu schaffen. Am Ende geht es also weniger darum, welches Tool Sie nutzen – sondern wie Sie damit umgehen. Wer versteht, wie sich diese neuen Möglichkeiten sinnvoll einsetzen lassen, hat heute mehr Spielraum als je zuvor.

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