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Astrofotografie: Sternstunden mit dem ZWO Seestar S50

Deep-Sky für Einsteiger: App öffnen, einen der Beobachtungsvorschläge für diesen Abend anwählen, auf „GoTo“ tippen – fertig. Das smarte Teleskop Seestar S50 macht Astrofotografie erstaunlich zugänglich, hat aber auch seine Grenzen.

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Es gibt Momente in der Technologiegeschichte, die eine Zäsur markieren, so wie etwa die Vorstellung des ersten iPhone. Doch nicht jeder dieser Momente ist einer der breiten Massen. Auch und gerade in Nischen gibt es immer wieder signifikante Neu- und Weiterentwicklungen – aber eben unter Ausschluss eines größeren Publikums. In einer dieser Nischen sitzen smarte Teleskope. Ihr Versprechen: Ein Blick in die Tiefen des Alls für alle! Der Weg zur Astrofotografie war bis dahin nämlich über lange Zeit hinweg nicht nur kostspielig, sondern auch fachlich sehr komplex. Teure Teleskope, komplizierte Montierungen, dedizierte Kameras und viel Kabelsalat samt unzähligen Stunden des Selbststudiums standen zwischen Idee und erstem Ergebnis. Mit dem Seestar S50 haben wir uns einen der Bestseller der noch immer recht jungen Gerätekategorie genauer angesehen.

Alle Aufnahmen

Alle Aufnahmen aus unserem Test findest du online unter: app.astrobin.com.

Die Sternwarte im Schuhkarton

Der chinesische Hersteller ZWO will Astrofotografie „demokratisieren“ und bringt seine Erfahrung aus der Entwicklung dedizierter Astrokameras, Montierungen, Filtern und Steuertechnik ein. Das Konzept des S50: alle wichtigen Komponenten in einem kompakten Gerät vereinen.

Geliefert wird der kleine Monolith im Styropor-Koffer. Optisch erinnert hier wenig an ein klassisches Teleskop: ein schwarzer Quader mit abgerundeten Ecken, kleiner als ein Schuhkarton. Das mitgelieferte Carbon-Stativ ist federleicht, wobei die Beigabe im Alltag Schwächen zeigt. Das Stativ ist extrem niedrig, für den Einsatz im hohen Gras oder auf dem Balkon braucht es eine Erhöhung – oder ein vorhandenes Fotostativ, ein entsprechendes Gewinde ist vorhanden.

Der Prozess der ersten Inbetriebnahme ist verblüffend simpel. Zunächst stellt man das Stativ auf und nivelliert es grob. Anschließend wird das Teleskop aufgeschraubt, eingeschaltet und grob in Richtung Polaris aufgestellt. Danach genügt es, die App auf dem Smartgerät zu öffnen. Neben einer Version für iPhone und iPad wird auch eine Android-Variante der Seestar-Anwendung angeboten. Die erste Kontaktaufnahme erfolgt via Bluetooth. Anschließend fordert das Seestar dazu auf, sich mit seinem eigenen WLAN zu verbinden. Alternativ steht der sogenannte „Station Mode“ bereit, über den sich das Teleskop in das vorhandene Heimnetz einzuwählen vermag. Praktisch: Teleskop draußen, Steuerung drinnen. Die Reichweite aber bleibt begrenzt: In unserem Test riss die Verbindung durch eine Balkontür Richtung Sofa bei mehr als fünf Metern Abstand ab.

Per Fingerzeig zu den Sternen

Die Seestar-App dient zugleich als Bedienpanel und Bildschirm. Ein Okular fehlt dem S50, im Kern arbeitet hier eine robotische Kamera, bei der der Bildschirm des Smartphones den Blick durch das Okular ersetzt. Die Oberfläche der Anwendung ist aufgeräumt und auch für Neulinge im Thema verständlich, sie liegt leider nur nicht auf Deutsch vor. „Stargazing“ dient Stern- und Deep-Sky-Zielen, „Solar“ der Sonne (nur mit dem beiliegenden Filter), „Lunar“ dem Mond, „Scenery“ macht ein digitales Spektiv aus dem S50. Besonders hilfreich aber ist die Option „Tonight’s Best“. Basierend auf Standort und Uhrzeit schlägt die App Himmelsobjekte vor, die sich aktuell besonders gut beobachten lassen. Ein Tipp auf „GoTo“ und das S50 richtet sich aus. Dazu fährt es die grobe Position des Objekts am Himmel an, macht ein Foto und gleicht das Sternmuster mit einer Datenbank ab („Plate Solving“). Binnen Sekunden korrigiert es nach, bis das Ziel in der Bildmitte sitzt – das funktioniert auch bei Vollmond oder städtischer Lichtverschmutzung. Danach stellt der Autofokus präzise scharf.

Die Bedienoberfläche der App ist leicht verständlich, nur leider nicht auf Deutsch. Man findet sich dennoch leicht zurecht: „Best right now“ etwa führt zu den lohnenswertesten Zielen des jeweiligen Abends.
Die Bedienoberfläche der App ist leicht verständlich, nur leider nicht auf Deutsch. Man findet sich dennoch leicht zurecht: „Best right now“ etwa führt zu den lohnenswertesten Zielen des jeweiligen Abends.

Der wahre Zauber

Der wahre Zauber zeigt sich im Stargazing- und Planungs-Modus. Das S50 nimmt fortlaufend länger belichtete Bilder auf und verrechnet sie, sodass Details und Farben sichtbar werden, die das Auge kaum oder erst gar nicht wahrnimmt.

Im sogenannten „Station Mode“ klinkt sich das Teleskop in das heimische WLAN ein, in der Testphase befindet sich zudem ein Modus zum Fernzugriff auf das eigene Teleskop.
Im sogenannten „Station Mode“ klinkt sich das Teleskop in das heimische WLAN ein, in der Testphase befindet sich zudem ein Modus zum Fernzugriff auf das eigene Teleskop.

Wir haben das Teleskop beispielsweise auf den Orionnebel gerichtet. Zehn Sekunden später ist im Bildrauschen ein grauer Fleck zu erahnen. Nach zwei Minuten tauchen die ersten Farben auf und das Rauschen wird weniger. Zehn Minuten später sind komplexere Strukturen der Gaswolken sichtbar.

Weil das S50 lediglich azimutal nachführt, dreht sich das Bildfeld. Ein äquatorialer Modus reduziert das, setzt aber eine Polhöhenwiege als Zubehör voraus. Integriert ist ein Dual-Band-Filter, das primär Wasserstoff- und Sauerstofflinien durchlässt, in dem viele Nebel leuchten. Die App zeigt an, wann der Filter sinnvoll vorgeschaltet werden kann. Für die Sonnenbeobachtung liegt ein Aufsteckfilter bei, außerdem ist eine Tauheizung integriert, die ein Beschlagen der Optik verhindert.

Technische Daten und Grenzen

ZWO setzt auf ein apochromatisches Triplet-Linsensystem mit 50 Millimetern Öffnung und 250 Millimetern Brennweite bei einem Öffnungsverhältnis von ƒ/5. 50 Millimeter mögen wenig klingen, doch in der Welt der smarten Teleskope ist das viel. Der direkte Konkurrent, das Dwarf 3, bietet beispielsweise nur 35 Millimeter Öffnung. Das Seestar sammelt also rein physikalisch deutlich mehr an Licht. Die Triplet-Bauweise sorgt zudem dafür, dass Farbsäume um helle Sterne auf ein Minimum reduziert werden.

Seestar S50

(Bild: ZWO)

Sensor: Sony IMX462
Auflösung: 1920 × 1080
Öffnung: 50 mm
Brennweitenverhältnis: f/5
Brennweite: 250 mm
Optisches System: apochromatisches Triplett
Speicher: 64 GB, nicht erweiterbar
Übertragungsmodus: WLAN (5 GHz und 2,4 GHz), USB-C, Bluetooth 5.0
Montagetyp: Alt-Azimut mit EQ-Modus
Batteriekapazität: 6.000 mAh
Stativgewinde: 3/8 Zoll
Nettogewicht: 2,5 kg
Maße: 142,5 × 130 × 257 mm

Beim Sensor indes zeigt sich das Alter des Systems, denn das S50 ist bereits seit knapp drei Jahren zu haben. ZWO verbaut den Sony-Chip IMX462 mit einer Auflösung von 1.920 mal 1.080 Pixeln, also gerade einmal 2 Megapixel. Das klingt in einem Zeitalter, in dem sogar Mittelklasse-Smartphones mit 48-Megapixel-Sensoren aufwarten, lächerlich. Doch in der Astrofotografie zählen Pixelgröße und Empfindlichkeit viel mehr als reine Auflösung. Der IMX462 versteht sich als Spezialist für wenig Licht und ist extrem empfindlich im nahen Infrarotbereich. Das bedeutet, er sieht Nebelstrukturen, die anderen Sensoren verborgen bleiben. Allerdings limitiert die Auflösung die Möglichkeiten beim Zuschneiden. Wer einen kleinen planetarischen Nebel auf Größe bringen will, landet unweigerlich im Pixelbrei. Ein Mosaik-Modus erweitert Bildfeld und Auflösung, indem das S50 mehrere Teilfelder aufnimmt und zusammensetzt. Das liefert drucktauglichere Dateien, kostet aber Zeit wegen hoher Überlappung – gut für Geduldige, weniger aber für den schnellen Erfolg.

Der interne Speicher (64 Gigabyte, etwa 50 Gigabyte frei) ist nicht erweiterbar. Für Fotos reicht das lange, Videos im Sonnen- oder Mondmodus füllen ihn schneller. Verbindet man das S50 per USB-C-Kabel mit einem Computer, wird es als externes Laufwerk erkannt. Im Ordner „MyWorks“ finden sich die einzelnen Aufnahmen im Rohdatenformat FITS (das Speichern der Einzelaufnahmen sollte man zuvor unbedingt aktiviert haben).

Das erste Licht auf dem Sensor unseres S50 stammt von Messier 45, den Plejaden, hier mit etwas über zwei Stunden Integrationszeit.
Das erste Licht auf dem Sensor unseres S50 stammt von Messier 45, den Plejaden, hier mit etwas über zwei Stunden Integrationszeit.

Ein wenig Kritik gibt es am Akku. Er soll laut Hersteller sechs Stunden halten, in unseren kalten Januar- und Februarnächten waren es meist zwischen vier und sechs Stunden. Das S50 kann jedoch während des Betriebs geladen werden. Das haben wir genutzt, um eine Powerstation anzuschließen. Mit ihr kann das Teleskop je nach Kapazität theoretisch mehrere Nächte durchlaufen. Aufnahmereihen nämlich lassen sich automatisiert erstellen, die Fotos in der App bearbeiten. Fortgeschrittene bearbeiten die Aufnahmen aber besser in Photoshop, Lightroom oder aber dedizierter Astro-Software wie dem kostenfreien Siril oder der 360 Euro teuren Profisoftware PixInsight.

Für wen lohnt es sich?

Mit einem smarten Teleskop gelingt der Einstieg in die Astrofotografie im Verhältnis zum klassischen „Turm“ aus teurer Technik verhältnismäßig günstig, mit einer recht flachen Lernkurve und schnellen, wirklich beeindruckenden ersten Ergebnissen. Wer mit Freude fotografiert, im Bildungsbereich arbeitet oder Kinder hat, findet hier den Einstieg in die unendlichen Weiten mit ungeschlagener Einfachheit.

„Eye candy“ am Himmel: Der Orionnebel (M42) ist ein besonders dankbares Himmelsobjekt, diese Aufnahme war bereits nach weniger als sechs Minuten „im Kasten“.
„Eye candy“ am Himmel: Der Orionnebel (M42) ist ein besonders dankbares Himmelsobjekt, diese Aufnahme war bereits nach weniger als sechs Minuten „im Kasten“.

Wer eine Kaufentscheidung treffen möchte, muss auch einen Blick auf den Mitbewerb werfen. Der härteste Rivale ist das DwarfLab Dwarf 3. Es kostet etwas weniger, punktet mit einem modernen 4K-Sensor sowie einem echten Weitwinkel-Objektiv zum Aufsuchen von Objekten. Ihm fehlt jedoch die lichtsammelnde Fläche des Seestar, weshalb es bei leuchtschwachen Objekten stärker rauscht. Eine weitere Alternative kommt aus dem eigenen Hause in Form des Seestar S30 Pro. Mit 30 Millimetern Öffnung versteht es sich aber eher auf ganze Sternbilder, Galaxien wie Andromeda und Bilder der Milchstraße. Wer Details in Objekten wie dem Orionnebel möchte, ist und bleibt mit dem S50 gut beraten.

Trifft einen Nerv

ZWO trifft mit dem Seestar S50 einen Nerv: Astrofotografie wird ohne das Respekt einflößende Set-up aus Teleskop, Kamera, Montierung, Steuercomputer und Kabeln deutlich zugänglicher. Wer mit der geringen Auflösung leben kann, bekommt hier ein kompaktes „Ticket zu den Sternen“ – und das zum fairen Preis.

Fazit

Fazit: Das Seestar S50 demokratisiert die Astrofotografie. Es ist kein Profi-Instrument, aber es ist das Teleskop, das man tatsächlich benutzt, weil es in wenigen Minuten startklar ist. Für den verlangten Preis gibt es derzeit kaum mehr Spaß am Nachthimmel.

Testergebnis
ProduktnameSeestar S50
HerstellerZWO
Preis675 €
Webseiteseestar.com
Pro
  • + extrem einfacher Aufbau
  • + Live-Stacking macht Deep-Sky-Objekte sofort sichtbar
  • + gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
  • + eingebauter Filter
  • + kompakt und reisetauglich
Contra
  • - geringe Auflösung und WLAN-Reichweite
  • - nicht für Planetenfotografie geeignet
Bewertung
1,3sehr gut

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