Es ist kurz nach Mitternacht am Bremer Flughafen, der verspätete Flieger aus München hat die letzte brauchbare Straßenbahn soeben in ein theoretisches Konzept verwandelt. Uber rufen, warten, zahlen, ärgern? Nein, stattdessen öffne ich den Rollkoffer, schnalle mir zwei motorisierte „Beine“ um die Hüften und lege einen Großteil des Nachhausewegs zu Fuß zurück – mit maximaler Unterstützungsstufe. Es fühlte sich fast so an, als würde ich nicht nach Hause gehen, sondern nach Hause gegangen werden. Willkommen im Alltag mit dem Hypershell X Ultra S, dem Flaggschiff der neuen X-Serie, die seit dem 20. Juli auch offiziell in Deutschland erhältlich ist.
Ein Exoskelett also. Was nach Science-Fiction oder Schwerindustrie klingt, ist ein knapp zwei Kilogramm leichtes Gebilde aus 3D-gedruckter Titanlegierung und Kohlefaser, das sich nach kurzer Übung ratzfatz in nur 15 Sekunden anlegen lässt: Hüftgurt schließen, Oberschenkelmanschetten festziehen, fertig. Zwei Motoren an den Hüften unterstützen dann mit bis zu 1.000 Watt Spitzenleistung das Anheben der Beine – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Wer geht, geht weiterhin selbst. Nur leichter.
Bei der Benennung seiner Modelle spricht Hypershell die Sprache Apples. Die neue X-Serie umfasst drei Modelle: Das getestete Flaggschiff X Ultra S (1.999 Euro) bietet 1.000 Watt, zwölf Modi, Titanrahmen, die größte Geländevielfalt und als einziges Modell zwei Akkus im Lieferumfang – erste Wahl für anspruchsvolle Touren. Der X Max S (1.499 Euro) liefert dieselbe Spitzenleistung mit zehn Modi und eignet sich für gemischtes Gelände und lange Strecken. Der X Pro S (999 Euro) begnügt sich mit 800 Watt und reduzierter Reichweite – ausreichend für Alltagswege und leichte Ausflüge. Wer vor allem spazieren geht, spart mit dem Pro S also 1.000 Euro, wer regelmäßig wandert, fährt mit Ultra S oder Max S besser.
Premiere am Taylor-Swift-Hügel
Kennengelernt habe ich das Gerät auf dem Testevent des Herstellers in München, wo es standesgemäß den Olympiaberg hinaufging – jene Erhebung, die seit den Gratiskonzert-Lauschern der Eras-Tour auch unter „Taylor-Swift-Hügel“ firmiert. Der erste Eindruck: verblüffend. Sobald die Steigung beginnt, schiebt das System spürbar mit, als hätte jemand die Schwerkraft um ein Viertel heruntergeregelt. Genau dort liegt die Paradedisziplin des X Ultra S: bergauf und auf Treppen. Auf ebener Strecke ist die Hilfe dezenter, an Anstiegen dagegen so deutlich, dass man unwillkürlich grinst. Mein Trainingszustand hätte mich „unmotorisiert“ schnaufen lassen, so aber ließ es sich oben angekommen problemlos plaudern – und der Puls blieb dort, wo er sonst nur im Flachland verweilt.
Ganz ohne Eingewöhnung geht es nicht. In den ersten Minuten läuft man leicht staksig, weil der Motor die Beine aktiv anhebt. Der Trick besteht darin, sich führen zu lassen, statt gegen die Unterstützung anzuarbeiten. Nach einer halben Stunde hatte sich mein Gang normalisiert, nach zwei Tagen dachte ich über das Gerät nicht mehr nach. Das wohl beste Kompliment, das man Technik am Körper machen kann.
Künstliche Intelligenz, die mitdenkt
Das Herzstück der neuen Gerätegeneration heißt Hyperintuition: Ein Netzwerk aus 22 Sensoren erfasst kontinuierlich Gangmuster, Gelände, Geschwindigkeit und Gelenkwinkel, ein KI-Chip interpretiert daraus die Bewegungsabsicht und steuert die Motoren – laut TÜV Rheinland mit einer Reaktionszeit von 0,31 Sekunden und einer Gangsynchronisation von 97,5 Prozent. Solche Laborwerte liest man sonst mit gepflegter Skepsis, doch in der Praxis decken sie sich mit dem Erlebnis: Die Unterstützung kommt genau dann, wenn der Schritt sie braucht, nicht einen Wimpernschlag später.
Besonders clever agiert der Automatik-Modus. Zwölf intelligente Unterstützungsmodi decken Szenarien von Schotter über Schnee bis Treppensteigen ab, und das System wechselt selbstständig zwischen ihnen. Eindrücklichstes Beispiel: der Abstieg. Geht es bergab, schaltet das Exoskelett in einen dämpfenden Modus, der aktiv abbremst. Das entlastet die Knie spürbar und sorgt nebenbei für einen sichereren Tritt auf losem Untergrund. Gerade wer nach langen Wanderungen das bekannte Ziehen oberhalb des Schienbeins kennt, wird diesen Modus schnell ins Herz schließen. Gesteuert wird wahlweise per Taste am Gerät oder über die Hypershell-App auf dem iPhone oder der Apple Watch, in der sich Modus und Unterstützungsstufe justieren lassen.
Gassi gehen mit Motorunterstützung
Seit München vergeht kaum ein Tag, an dem das X Ultra S im Schrank bleibt. Meine Basenji-Hündin Bazu war anfangs skeptisch: Die Motoren arbeiten nämlich gut wahrnehmbar, ein sirrendes Geräusch bei jedem Schritt, das eine stille Hunderasse irritierte, die selbst grundsätzlich nicht bellt. Inzwischen hat sie ihren Frieden mit dem vor sich hin surrenden Herrchen gemacht – vermutlich, weil die Gassirunden seither großzügiger ausfallen. Die Nachbarschaft gewöhnt sich derweil an den futuristischen Anblick, die Mischung aus neugierigen Fragen und höflich unterdrücktem Staunen (oder ist es Mitleid?) gehört wohl mit dazu.
Klar ist mir nach mehreren Wochen: Das Exoskelett macht aus einem untrainierten Menschen wie mir keinen Athleten, aber es verschiebt die Grenze, ab der Strecke zu machen anstrengend wird, deutlich nach hinten. Im Gespräch bezifferten andere Testende die Ersparnis an Kraftaufwand übereinstimmend auf 20 bis 25 Prozent – das deckt sich mit meinem Eindruck. Für Menschen, die langsamer unterwegs sind, hält die App einen eigens optimierten Modus bereit, der bei geringem Tempo und kürzeren Schritten sanft unterstützt. Und wer es sportlich mag, dreht den Spieß um: Im Fitness-Modus erzeugen die Motoren Widerstand statt Schub und verwandeln den Spaziergang in ein Beintraining.
Wer das iPhone beim Wandern lieber im Daypack lässt, steuert das X Ultra S direkt von der Apple Watch. Am Handgelenk lassen sich Unterstützungsmodi wie Eco, Hyper oder Fitness umschalten, die Unterstützungsstufe anpassen sowie Akkustand, Distanz und Geschwindigkeit ablesen. Das ist mehr als Spielerei: Gerade an Anstiegen, wenn beide Hände an den Trekkingstöcken sind, ist der schnelle Blick aufs Handgelenk Gold wert.
Akku, Alltag und ehrliche Grenzen
Der flugzeugtaugliche 72-Wattstunden-Akku sitzt im Rückenteil und soll im sparsamen Eco-Modus für bis zu 30 Kilometer reichen. Realistisch ist das nur bei sehr zurückhaltender Unterstützung. Wer wie ich gern auf höheren Stufen unterwegs ist, halbiert die Reichweite schnell. Gut, dass Hypershell dem Ultra S gleich zwei Akkus beilegt – der Wechsel ist in Sekunden erledigt und rettet jede Tagestour. Geladen wird per USB-C mit bis zu 65 Watt in knapp 90 Minuten – vorausgesetzt, das Netzteil spielt mit. Am schwachbrüstigen Hotelzimmer-Ladegerät wird daraus indes eine Geduldsprobe, ein kräftiger USB-C-Lader gehört also ins Gepäck.
Auch sonst gibt es Punkte, die man kennen sollte. Sitzen ist mit angelegtem Gerät zwar möglich, entspannt ist es nicht – für Bus und Bahn legt man das Exoskelett besser ab, was dank des Faltmaßes von 38 Zentimetern verschmerzbar ist. Auch muss klar sein, dass sämtliche Hosentaschen bei umgeschnalltem Hypershell praktisch nicht mehr nutzbar sind und auch das Tragen eines größeren Rucksacks oder einer Umhängetasche Kompromisse erfordern kann. Zudem gilt: Die Betriebsgeräusche bleiben stets hörbar. Was auf Wald und Wiese niemanden stört, dürfte etwa in einem Museum zum Ärgernis werden. Und die Passform verlangt anfangs etwas Fummelei: Elf verstellbare Elemente wollen einmal sauber justiert werden, danach sitzt das System aber erstaunlich sicher. Dank Schutzklasse IP54 und einem Betriebsbereich von minus 20 bis plus 60 Grad Celsius verträgt es Regen, Staub und norddeutsches Schmuddelwetter klaglos.
Für wen lohnt sich das?
Bleibt die Frage nach der Zielgruppe – und nach den 1.999 Euro, die Hypershell für sein Topmodell aufruft. Wer nur sonntags um den Block schlendert, braucht ganz klar kein Exoskelett, günstigere Einstiege bieten die Schwestermodelle X Max S für 1.499 Euro und X Pro S für 999 Euro. Interessant wird das X Ultra S überall dort, wo Strecke gemacht wird: für Wandernde, die längere Touren mit weniger Erschöpfung gehen wollen, für Vielgeher im Beruf, für aktive Ältere, denen Anstiege zunehmend Respekt einflößen – und für alle, die abends noch Energie übrig haben möchten, wenn das Tagespensum absolviert ist. Sie alle bekommen ein Stück Zukunftstechnik, das erstaunlich alltagstauglich geworden ist – und per Software-Update weiter dazulernt: Mit „Shelly“ testet Hypershell derzeit einen KI-Assistenten, der sich künftig per Sprache steuern lassen soll.
Nicht nur ein Gimmick
Nach Wochen im Praxiseinsatz ist mein Fazit eindeutig: Das Hypershell X Ultra S ist kein Gimmick, sondern ein Stück Technik, das ich auch Menschen ohne Robotik-Faible empfehlen würde. Die KI-Steuerung funktioniert bemerkenswert unaufgeregt, die Unterstützung an Steigungen ist substanziell, der kniefreundliche Abstiegsmodus ein echtes Argument. Abzüge gibt es für die hörbaren Motoren, die eingeschränkte Sitztauglichkeit und den stolzen Preis des Topmodells. Doch wer einmal nachts vom Flughafen nach Hause „gegangen wurde“, weiß: Manche Gadgets verändern Gewohnheiten. Dieses hier verändert Reichweiten.
Wichtig zu wissen: Der Hypershell X Ultra S ist kein Medizinprodukt und besitzt keine medizinische Zulassung. Dennoch berichten international etwa Menschen mit Multipler Sklerose oder Parkinson von spürbarer Entlastung, vor allem bei schwacher Hüftmuskulatur. Zwei Voraussetzungen bleiben: Das System benötigt eine eigene Anfangsbewegung, und das Gleichgewicht muss man selbst halten können. Wer das Exoskelett aus gesundheitlichen Gründen erwägt, sollte den Einsatz vorab ärztlich oder ergotherapeutisch abklären lassen.

Stefan beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Computern – angefangen beim „Brotkasten", dem C64, und Amiga 500, lange bevor Apple-Geräte seinen Alltag bestimmten. Der eigentliche Einstieg in die Mac-Welt führte über die Musikproduktion: Über die Magazine Keyboards, Keys und Beat führte ihn sein Weg schließlich zur Mac Life, deren Website er seit 2007 verantwortet. Seit 2023 ist er zudem Chefredakteur des gedruckten Magazins.
Besonders faszinieren ihn die Schnittstellen zwischen Technik und Kreativität – vom Mac als Werkzeug für Musik, Foto und Video hin zu neuen Apple-Technologien wie Vision Pro oder KI-Funktionen. Wenn Stefan nicht gerade neue Apple-Hardware testet, fotografiert er mit Vorliebe aus ungewöhnlichen Perspektiven, gerne per Drohne oder seiner Mittelformatkamera.
Neben der Redaktion ist er außerdem Host des Apple-Podcasts „Schleifenquadrat". Seine Begeisterung für Musik & Sounds begleitet ihn bis heute. Kein Wunder, denn Anfang der 2000er-Jahre etwa wirkte er unter anderem an Samples mit, die Teil von Logic Pro wurden.
Fazit
Ein Stück Zukunftstechnik, das im Alltag überzeugt: kräftige Unterstützung bergauf, kniefreundliches Bremsen bergab und spürbar mehr Reichweite.
| Produktname | Hypershell X Ultra S |
|---|---|
| Hersteller | Hypershell |
| Preis | 1.999 € |
| Webseite | hypershell.tech |
| Pro |
|
| Contra |
|
| 1,7gut |










