Kein Transparenzmodus, kein ANC, kein Silikonstöpsel im Gehörgang: Der Accentum Clip löst das Problem der Umgebungswahrnehmung rein mechanisch. Zwei 6,8 Gramm leichte Clips schnappen an die Ohrmuschel, der 12-Millimeter-Treiber spielt von außen ins Ohr. Für 179,90 Euro tritt Sennheiser damit gegen Sonys LinkBuds Clip und die Shokz OpenDots an – und liefert einen Kopfhörer ab, der sich beim ersten Aufsetzen ungewohnt anfühlt und nach ein paar Tagen plötzlich sehr logisch.
Warum plötzlich alle offen hören
Open-Ear ist derzeit die am schnellsten wachsende Gattung im Kopfhörermarkt – und das nach Jahren, in denen sich alles um immer bessere Geräuschunterdrückung drehte. Sony hat mit den LinkBuds Clip vorgelegt, Shokz mit den OpenDots, dazu drängen Huawei, Bose, Anker und eine ganze Reihe Anbieter aus der zweiten Reihe in das Segment. Der Grund ist simpel: Wer den ganzen Tag Ohrhörer trägt, will irgendwann nicht mehr abgeschottet sein, sondern ansprechbar – im Büro, im Verkehr, beim Sport. Sennheiser steigt spät ein, dafür mit klarer Haltung: kein elektronischer Transparenzmodus, der Umgebungsgeräusche über Mikrofone durchschleift, sondern ein physisch offenes Ohr.
Verarbeitung und Sitz
Die Verarbeitung ist über jeden Zweifel erhaben: sauber gefügte Kanten, ein flexibler Silikonbügel mit gut abgestimmtem Anpressdruck, ein wertig schließendes Ladecase. Der Sitz überzeugt uns im Test durchweg. Die Clips sitzen fest genug, um beim Radfahren, Treppensteigen oder beim Sprint zur Bahn nicht zu verrutschen, ohne nach Stunden Druckstellen zu hinterlassen. Das typische Verschlussgefühl im Ohr entfällt komplett – wer In-Ears nach 2 Stunden herausnehmen muss, wird das zu schätzen wissen.
Wichtig ist allerdings die exakte Positionierung. Weil der Treiber nicht im Gehörgang sitzt, entscheidet jeder Millimeter über den Bassanteil. Sitzt der Clip schief, klingt die Musik dünn und kraftlos. Einmal richtig platziert, holt der Accentum Clip erstaunlich viel Fundament aus seiner offenen Bauform.
Genau daraus entsteht allerdings ein Alltagsärgernis: Wer den Sitz nachkorrigiert – und das tut man mehrmals täglich –, fasst zwangsläufig an die Touchflächen. Die reagieren ausgesprochen empfindlich, entsprechend häufig pausiert unfreiwillig die Musik oder springt die Lautstärke. Dass Sennheiser in Smart Control Plus die Möglichkeit vorsieht, die Touchbedienung komplett zu deaktivieren, wirkt deshalb weniger wie ein Extra als wie ein eingestandenes Problem. Immerhin: Die Option ist da, und wer ohnehin über das iPhone steuert, sollte sie nutzen.
Klang
Sennheiser stimmt den 12-Millimeter-Treiber warm und stimmenbetont ab, die Höhen bleiben angenehm zurückhaltend. Dynamic EQ hebt bei geringen Lautstärken Bass und Details an und nimmt sich mit steigendem Pegel zurück – das funktioniert unauffällig und wirkt genau da, wo offene Systeme sonst blutleer klingen. Über die App Smart Control Plus stehen ein Fünf-Band-Equalizer, speicherbare Klangprofile und eine geführte Sound-Check-Routine bereit.
Der Schallaustritt nach außen fällt geringer aus als befürchtet: Die Bauform bündelt den Ton spürbar Richtung Gehörgang. Bei hohen Pegeln hört der Sitznachbar im Zug trotzdem mit, das lässt sich bauartbedingt nicht vermeiden.
Ein echter Kritikpunkt ist die Windempfindlichkeit. Weil die Treiber frei am Ohr liegen, erzeugt schon mäßiger Gegenwind ein deutliches Rauschen – beim Radfahren oder an der Küste geht Musik zeitweise darin unter. Ein Windschutzalgorithmus fehlt.
Alltag: die Umwelt bleibt im Bild
Der interessanteste Effekt zeigt sich erst nach ein paar Tagen. Anders als bei In-Ears rückt das Gehörte generell in den Hintergrund. Die Umwelt bleibt jederzeit präsent, die Musik wird zum Soundtrack des Alltags statt zur akustischen Hauptsache. Wer aufmerksam Album um Album hören will, ist mit klassischen True Wireless besser bedient. Wer nebenbei hören, telefonieren, im Büro ansprechbar bleiben oder im Stadtverkehr Fahrräder und Autos wahrnehmen will, gewinnt hier eine Menge Komfort – ohne ständiges Herausnehmen, Umschalten oder Leiserdrehen.
Ausstattung und Akku
Technisch ist der Accentum Clip aktuell: Bluetooth 6.0 mit Multipoint für zwei Geräte parallel, SBC, AAC und LDAC, Hi-Res Audio Wireless-Zertifizierung und Einzelohr-Nutzung. Vier Mikrofone mit KI-gestützter Rauschunterdrückung sorgen für Telefonate, die auch an belebten Straßen verständlich bleiben. IP54 schützt vor Staub und Spritzwasser.
Der Akku hält bis zu 9 Stunden, mit dem Case sind bis zu 36 Stunden drin; 10 Minuten am USB-C-Kabel liefern rund zwei Stunden Wiedergabe. Ärgerlich in dieser Preisklasse: Das Case lässt sich ausschließlich per Kabel laden, kabelloses Laden per Qi fehlt.
Fazit
Der Accentum Clip ersetzt keine abschottenden In-Ears – und will das auch nicht. Er löst ein Problem, das viele gar nicht als Problem wahrnehmen: die ständige Entscheidung zwischen Musik und Umgebung. Verarbeitung, Sitz und Klang sind für ein offenes System stark, Ausstattung und Laufzeit stimmen. Wind bleibt der wunde Punkt, die überempfindliche Touchbedienung und das fehlende Qi-Laden sind vermeidbare Makel. Wer beim Spaziergang, im Büro oder auf dem Rad ansprechbar bleiben will, findet hier eine der rundesten Open-Ear-Lösungen am Markt.
| Produktname | Accentum Clip |
|---|---|
| Hersteller | Sennheiser |
| Preis | 179,90 € |
| Webseite | www.sennheiser.de |
| Pro |
|
| Contra |
|
| 2,1gut |








