Ist Apple die Vergangenheit – und Google die Zukunft? | Mac Life

Quelle: https://www.maclife.de/panorama/leute/kommentare/ist-apple-die-vergangenheit-und-google-die-zukunft

Autor: Nils Jacobsen

Datum: 15.03.13 - 15:45 Uhr

Ist Apple die Vergangenheit – und Google die Zukunft?

Was für einen Unterschied sechs Monate machen können! Im September vergangenen Jahres lagen Apple und Google an der Börse noch gleichauf bei 700 Dollar. Heute trennen die beiden Erzrivalen 400 Dollar: Apple notiert bei 430, Google bei 830 Dollar. Wie konnte das passieren?

Es bleibt dabei: Wie festgefroren steckt die Apple-Aktie noch immer in der Nähe der Jahrestiefs in diesen Tagen bei 430 Dollar fest und bleibt damit 2013 zumindest weiter die schlechteste Aktie im Nasdaq 100.

Exakt in der Gegenwelt befindet sich dagegen unterdessen der Erzrivale Google, der seit Monaten einfach nichts falsch machen kann. Die Aktie hat einen Lauf: Allein seit Mitte November hat das Papier 30 Prozent zugelegt, 17 Prozent Plus sind es allein seit Jahresbeginn, während Apple spiegelverkehrt fast exakt in derselben prozentualen Größenordnung verlor.

Apple vs. Google in zwei Welten: Ursprung beim Maps-Debakel

Der asymmetrische Kursverlauf wirft einige Fragen auf, zumal er zeitgleich startete: Just als Apple das iPhone 5 Ende September launchte und der Absturz begann, setzte Google zum Höhenflug an. Der Ausgangspunkt ist schnell gefunden: Das Maps-Fiasko. Apple war vor der Weltöffentlichkeit blamiert. Tim Cook entschuldigte sich in der Öffentlichkeit, was einem seltsamen Eingeständnis der Schwäche gleichkam, das unter Steve Jobs so kaum vorstellbar schien.

„Halt es halt anders“, hatte der Apple-Gründer Nutzer zwei Jahre zuvor beim „Antennagate“ noch angeblafft und die Diskussion damit im Keim erstickt. Cook eröffnete sie nun erst: „Wir entschuldigen uns vielmals dafür, unsere Kunden enttäuscht zu haben, und werden alles dafür tun, um die App besser zu machen“, gab sich Cook zum Mapplegate wachsweich – es sollte nicht der einzige kommunikative Fehltritt bleiben. Google nutzte Apples neue, ungewohnte Schwäche genüsslich aus. „Nimm das, Apple“, zog Aufsichtsratschef Eric Schmidt vor Journalisten vom Leder. Es war der Beginn der konträren Entwicklung der beiden Erzrivalen.

Ein halbes Jahr später steht Apple wie ein Häufchen Elend da: Gedemütigt von der Techpresse, die Samsungs Rekordverkäufe feiert, abgeschrieben von Analysten, die nach den letzten Quartalszahlen das Handtuch geworfen und fast täglich ihre Kursziele nach unten korrigiert haben, verprügelt von Anlegern, die Apple um 270 Milliarden Dollar Börsenwert erleichtert haben – nämlich exakt um den Unternehmenswert einer Google.

Diese komplett konträre Entwicklung legt einen Schluss eines „Pair Trades“ nahe: Das Kapital, das aus Apple abgeflossen ist, wurde in Google reinvestiert. Die 180-Grad-Wetten von Hedgefonds auf Google und gegen Apple sind längst hinlänglich dokumentiert. Der wertvollste Internetkonzern ist unterdessen das Unternehmen der Stunde: IBM, Samsung, Microsoft, General Electric, Wal-Mart und sogar BHP Billiton und PetroChina hat Google in den vergangenen Monaten dank seiner furiosen Börsenrallye abgehängt. Ergebnis: Google ist nach Exxon Mobil und Apple bereits der drittwertvollste Konzern der Welt!

Google hat beim Börsenwert dramatisch aufgeholt

Tatsächlich ist der Abstand zwischen Google und Apple, der vor einem halben Jahr bei Kursen um die 700 Dollar noch enorme 400 Milliarden Dollar betrug, auf gerade mal 130 Milliarden Dollar zusammengeschrumpft! In anderen Worten: Die Wette gegen Apple ist die Wette auf Google.

Apple scheint Vergangenheit, Google die Zukunft – das ist das Credo der Wall Street, die bereit ist, für Google Premiumpreise mit einem saftigen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 26 zu bewilligen, während Apple mit einem KGV von nicht mal 10 aktuell von allen höher kapitalisierten Tech-Konzernen der USA die depressivste Bewertung aufweist und nach Abzug des Bargeldanteils gar in Dimensionen einer peruanischen Minenaktie gehandelt wird.

Der Markt schreibt den iKonzern also ab und setzt voll auf den Internetriesen. Aber geht es wirklich so schnell: War es das nun für Apple? Zumindest volkswirtschaftlich sind die beiden Tech-Rivalen in der Gegenwart noch Lichtjahre voneinander entfernt: Google setzte im Weihnachtsquartal mit 14 Milliarden Dollar gerade mal leicht mehr um als Apple verdiente.

Befeuert wird die Debatte ausgerechnet von Apples größtem Befürworter der vergangenen Jahre: Staranalyst Gene Munster rollte in der vergangenen Woche regelrecht den roten Teppich für den Internetriesen aus: "Auf Sicht der nächsten 10 bis 20 Jahre ist Google mit weitem Abstand am besten in der Unterhaltungselektronikwelt positioniert", glaubt Munster und hob hastig das Kursziel um 100 Dollar auf 938 Dollar an.

Munster prognostiziert tatsächlich ein enormes Aufwärtspotenzial von unglaublichen 565 Milliarden Dollar im Börsenwert binnen der nächsten zehn Jahre. Damit müsste Apple Google beim schier unaufhaltsamen Gipfelsturm zumindest nach aktuellem Stand wohl passieren lassen. Googles enormes Potenzial erklärt Munster vor allem mit zwei zukunftsweisenden Trends, die schon heute ihre Schatten vorauswerfen: Google Glass und selbstfahrende Autos.

Google Glass: Das neue iPhone?

Tatsächlich bestimmte kein anderes Thema die Techpresse in den vergangenen Wochen so sehr wie der Hype um die Datenbrille Google Glass, die schon Ende des Jahres den Massenmarkt erreichen könnte. Gleichzeitig wirft Glass Fragen auf: Wird eine Datenbrille, in einer Welt, in der eine Milliardenindustrie davon lebt, durch Kontaktlinsen und Lasern, Brillen zu vermeiden, plötzlich zum Trend-Accessoire? Ist Glass überhaupt schon technisch ausgereift und versucht keine Kopferschmerzen oder gar Augenprobleme?

Will ich dauernd mit meiner Brille sprechen und wie ein Freak ins Nichts herein diktieren: „Ok Glass, record a video?“ Wird also genau der Kritikpunkt an Siri plötzlich zum Selbstläufer bei Google Glass? Und was ist mit der Privatsphäre: Ist in einer Welt, ein einzelner Schnappschuss mit Google Streetview ein Problem war die Daueraufnahme wie Glass plötzlich keines mehr?

Der Markt tanzt um Google wie um das goldene Kalb

Der Markt ignoriert all diese Einwände aktuell komplett und tanzt wie um das Goldene Kalb um die scheinbar goldene Google-Aktie herum. Glass sieht wie die Zukunft aus – wie das iPhone Anfang 2007. Dass Apple durchaus eine Antwort – ob in Form der iWatch oder in welcher Form auch immer – parat haben könnte, wird geflissentlich ignoriert. Google sieht in diesen Tagen wie das Apple des letzten Jahrzehnts aus.

Und doch lehrt die Vergangenheit, dass es in der Zukunft sehr oft dann doch ganz anders kommt als vorgesehen. „Schon für ein bisschen Gewissheit muss man einen hohen Preis zahlen“, wusste schon die Investorenlegende Warren Buffett zu berichten. „Unsicherheit ist deshalb der Freund von Langfrist-Investoren.“ Vielleicht ja auch irgendwann wieder der von Apple-Aktionären. Wer weiß schon, wie die Börsenwelt in einem halben Jahr aussieht? Wir werden den Apple-Google-Vergleich dann noch einmal aufstellen…