Quelle: https://www.maclife.de/panorama/leute/kolumnen/apple-das-neue-griechenland

Autor: Nils Jacobsen

Datum: 05.07.13 - 16:21 Uhr

Apple: Das neue Griechenland?

Welch einen Unterschied ein Jahr machen kann: Im letzten Sommer sah es so aus, als ob Apple als wertvollster Konzern aller Zeiten nichts falsch machen kann. Der iKonzern war der ultimative Gegenentwurf zum vermeintlichen Pleitekandidaten Griechenland. Die Entwicklung der beiden höchst unterschiedlichen Investments ist ein Lehrstück über die Mechanismen der Börse – und ein Hoffungsschimmer für Apple-Aktionäre.



„Es war die beste Zeit, es war die schlimmste Zeit; es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Torheit; es war die Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens; es war die Zeit des Lichtes, es war die Zeit der Finsternis; es war der Frühling der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung; wir hatten alles vor uns, wir hatten nichts vor uns; wir gingen alle direkt in den Himmel, wir gingen direkt in die entgegengesetzte Richtung – mit einem Wort, diese Zeit war der unsrigen so ähnlich, dass ihre geräuschvollsten Vertreter im Guten wie im Bösen nur den Superlativ auf sie angewendet wissen wollen.“


So epochal beginnt Charles Dickens A Tale of the two Cities, Eine Geschichte aus zwei Städten aus dem Jahr 1859 – einer der bemerkenswerten Romane der Weltliteratur, der übrigens kostenlos im iBooks Store geladen werden kann. Was das mit Apple zu tun hat? Auch Apple ist Teil einer Geschichte dieser beiden Welten: Der besten und der vermeintlich schlimmsten Zeit, zwischen der ziemlich genau ein Jahr liegt.

Apples fabelhafte neun Monate 2012: Die besten aller Zeiten



Rückblende Sommer 2012: Während die europäische Schuldenkrise die Weltwirtschaft fest im Griff hatte und kein Tag verging, an dem neue Schreckensmeldungen über die Zustände in Athen die Schlagzeilen beherrschten, schien ein Unternehmen nicht von dieser Welt zu sein: Apple! 


Der iKonzern durchbrach 2012 an der Börse eine Schallmauer nach der nächsten: Die 500-Dollarmarke im Februar, die 600-Dollarmarke im März und die 700-Dollarmarke im September. In der Spitze legte Apple getrieben durch eine in diesen Dimensionen nie erlebte Umsatz- und Gewinnexplosion unglaubliche 75 Prozent zu – von 405 auf 705 Dollar bis zu jenem verhängnisvollen 21. September 2012, als das iPhone 5 debütierte.

Auch nach einer Dekade der exorbitanten Kurszuwächse waren diese neun Monate wohl die beste, die allerbeste Zeit, die Apple an der Börse gesehen habe, in der der Kultkonzern aus Cupertino fast unfassbare 300 Milliarden Dollar an Börsenwert hinzugewann und auf dem Gipfel zum wertvollsten Konzern aller Zeiten aufstieg.



Apples letzte neun Monate: Die schlechtesten aller Zeiten



Schnellvorlauf Sommer 2013: Bei 388 Dollar notierte die Apple-Aktie am vorigen Freitag im Intraday-Handel, ehe Schnäppchenjäger diese Woche zugriffen und wieder für steigende Kurse über der 400-Dollarmarke sorgten. Von 705 Dollar auf 388 bzw. im April sogar 385 Dollar: Auch wenn Apple im Zuge der Finanzkrise 2008 prozentual noch stärker an Wert verlor, ist der Absturz absolut historisch.



Mehr als 300 Milliarden Dollar hat Apple in der Spitze an Börsenwert verloren, ein in diesen Dimensionen einmaliger Vorgang, der sogar Microsofts und Ciscos Einbruch nach der Jahrtausendwende toppt. Alle Gewinne des gigantischen Aufschwungs wurden vernichtet. Und mehr noch: Apple ist bis auf wenige Dollar auf die Kurse zurückgefallen, als Tim Cook vor knapp zwei Jahren den CEO-Posten übernahm.



Der Totalabsturz von mehr als 45 Prozent ereignete sich dann auch als singuläres Ereignis in Zeiten weltweit steigender Kurse. Bondguru Jeff Gundlach betrachtet Apples Absturz entsprechend als Lehrbuchbeispiel dafür, dass die Theorie der effizienten Märkte nicht funktioniert und nannte Apple bei Kursen von 700 Dollar Apple "one of my favorite generational shorts" mit einem Kursziel von 425 Dollar, das sich bewahrheiten sollte. Oder in einfachen deutschen Worten: Die letzten neun Monate waren die schlimmste Zeit für Apple-Aktionäre.



Griechenlands Fast-Pleite: Die Gegenwelt vom Apple-Boom



Doch die Geschichte endet hier noch nicht. Wenn man vor einem Jahr nach dem vermeintlich schlechtesten Investment der Welt suchte, so genügte ein Blick auf die großen Titelseiten: Griechenland, Griechenland, Griechenland. Nichts schien mehr zu gehen im Hellenen-Staat – die Pleite des ungeliebten Euro-Mitglieds schien unvermeidlich, „Grexit“-Szenarien, nach denen nicht mehr die Abwicklung an sich, sondern nur noch die Form diskutiert wurde, beherrschten die Wirtschaftsmedien.

Aufgebrachte Kunden stürmten die Banken, um ihr Erspartes vor einer vermeintlichen Abwertung bei Wiedereinführung der Drachme in Sicherheit zu bringen. Griechenland schien dem Untergang geweiht. Der griechische Leitindex der Börse Athen notierte auf einem 20-Jahrestief bei 480 Punkten. Die schlechteste aller Zeiten.

Apple und Griechenland: Getrennte Wege seit einem Jahr

Schnellvorlauf zum Sommer 2013: Griechenland ist nicht pleite, die Drachme wurde nicht eingeführt, dafür ist der Hellenen-Staat aus den Schlagzeilen so gut wie verschwunden, aber natürlich immer noch Euro-Mitglied. Der Athex? Notiert heute bei 850 Zählern 50 Prozent höher als vor einem Jahr – im Mai waren es sogar 90 Prozent.


Wer hätte das vor einem Jahr gedacht? Wer hätte im letzten Sommer auch nur einen Pfifferling auf griechische Aktien gesetzt? Und wer hätte ernsthaft erwartet, dass der größte Star der neuen Welt nur ein Jahr später der größte Wertvernichter von allen sein würde? In anderen Worten: Wer im Sommer 2012 Apple verkauft und stattdessen in Griechenland investiert hätte, hätte seinen Einsatz in der Spitze verdoppeln können statt ihn mit Apple fast zu halbieren.

Das offensichtlichste Investment ist oft das falscheste



Die Lehre aus der Geschichte der zwei Investments: Das offensichtlichste Investment vor einem Jahr wäre das denkbar falscheste gewesen – das wird jedoch immer erst in der Rückschau klar, wenn der alles überschattende Lärm der Gegenwart längst Vergangenheit geworden ist.


Für gebeutelte Apple-Aktionäre liegt hierin, so vermeintlich absurd es klingt, auch ein Hoffnungsschimmer: Griechenland könnte Apples Vorbild werden. Heute ist Apple an der Börse das neue Griechenland: Seit neun Monaten sieht es so aus, als könnte Apple nichts richtig machen, als wäre der andauernde Abwärtstrend kaum zu stoppen, als würden nach den Gewinnen nun auch die Umsätze schrumpfen und sich auch die iPhone-Absätze rückläufig entwickeln. Als wäre Apples Erfolgsstory so was von zu Ende, ein für alle Zeiten. So klingen die schlechtesten Zeiten.



Doch wer weiß schon, wie die Börsenwelt im nächsten Sommer aussieht? Vielleicht hat sich die schlimmste Zeit nach neun Monaten ohne neue Produkte dann wieder in die beste Zeit verwandelt. Um an der eigenen Legende weiterzustricken, braucht Apple allerdings eins: Neue Produkte, neue Produkte, neue Produkte.