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Radiacode 110 im Test: Willkommen im Rabbithole

Der Radiacode 110 macht die unsichtbare Radioaktivität des Alltags sichtbar und das iPhone als dessen Verlängerung zum Mini-Labor. Ein Hands-on-Test, der harmlos beginnt und in einem Rabbithole endet.

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Es beginnt harmlos. Sie richten den kleinen Radiacode 110 auf einen alten Ionisationsrauchmelder, ein Relikt, das hierzulande längst durch strahlungsfreie optische Melder ersetzt ist, und auf dem iPhone wächst eine Kurve in die Höhe, wo eben noch Ruhe herrschte. Wenig später halten Sie das Gerät an eine Bananenschale, an die Armbanduhr vom Flohmarkt, an das Salz im Küchenschrank. Wer einmal angefangen hat, die unsichtbare Radioaktivität des Alltags sichtbar machen zu wollen, hört so schnell nicht wieder damit auf.

Sommer-Angebot

Das Gerät, kein Geigerzähler, sondern ein fortschrittlicheres Spektrometer, ist an sich unspektakulär: ein kleiner mattschwarzer Riegel mit Bildschirm und USB-C-Buchse, kaum größer als einer dieser Schwangerschaftstests mit Display. Im Inneren steckt ein Szintillationskristall aus Caesiumiodid, der einfallende Gammaquanten in winzige Lichtblitze übersetzt. Als empfindlichste Variante des Sortiments, Radiacode bietet eine ganze Reihe von Messgeräten an, sammelt der Radiacode 110 deutlich mehr Signale ein und reagiert dadurch angenehm flott. Allein gelassen zeigt er brav die Dosisleistung an und klickt auf Wunsch vor sich hin. Bis zu 1.000 Stunden Messdaten hält er dabei eigenständig fest, auch ohne verbundenes iPhone. Sein eigentliches Talent entfaltet er aber erst im Zusammenspiel mit dem iPhone.

An einer an einen Selfie-Stick erinnernden Verlängerung befestigt geht es auf die Suche nach Strahlungsquellen – fragende Blicke auf dem Flohmarkt sind einem so sicher.
An einer an einen Selfie-Stick erinnernden Verlängerung befestigt geht es auf die Suche nach Strahlungsquellen – fragende Blicke auf dem Flohmarkt sind einem so sicher. (Bild: Stefan Molz)

Die App macht den Unterschied

Erst die kostenlose Radiacode-App verwandelt das Messgerät in ein kleines Labor. Ein Dashboard bündelt Dosisleistung, Zählrate und Verlauf, der Spektrum-Modus zeichnet in Echtzeit auf den Bildschirm, welche Energie die Strahlung mitbringt. Aus diesem Fingerabdruck leitet die App dann das verursachende Isotop ab: hier Kalium-40 aus dem Diätsalz, dort Radium-226 im Leuchtzifferblatt, anderswo Americium-241 aus dem alten Ionisationsrauchmelder oder auch Radon über dessen Zerfallsprodukte. Wer mag, koppelt eine Apple Watch und trägt das Spektrometer am Handgelenk.

Ein Suchmodus hilft, eine verborgene Quelle im Raum gezielt aufzuspüren. Doch Abenteuerlust weckt vor allem die radiologische Kartierung. Laufen Sie mit eingeschaltetem Gerät durch die Stadt, erscheint die Route farbig auf der Karte – grün für unauffällig, rot für interessant. So wird aus einem Spaziergang schnell eine kleine Messkampagne, und der lange Tunnel auf der Urlaubsfahrt etwa entpuppt sich als kleiner Hotspot, weil das Granitgestein ringsum stärker strahlt als die freie Landschaft.

3 Anwendungsbeispiele

1: Schätze vom Flohmarkt

Grünlich schimmerndes Uranglas, Leuchtzifferblätter alter Uhren, ein thoriertes Objektiv: Auf Trödelmärkten lauert mehr Radioaktivität, als man denkt. Der Radiacode macht den Bummel zur Schatzsuche. Führen Sie das Gerät über die Auslagen, sehen Sie sofort, welches Stück strahlt.

2: Der Lebensmittel-Check

Pilze, Wildfleisch und Waldbeeren können in manchen Regionen bis heute Caesium-137 enthalten, ein Nachhall von Tschernobyl. Mit dem optionalen Marinelli-Becher legt man die Probe rund um das Gerät und lässt die App messen.

3: Strahlung kartieren

Gerät einschalten, App öffnen, losgehen: Die radiologische Kartierung zeichnet die Route farbig auf die Karte und markiert jeden Hotspot. So wird der Sonntagsspaziergang zur Messkampagne. Besonders eindrücklich sind Tunnel und Bahnsteige aus Granit, wo die natürliche Strahlung spürbar ansteigt.

Vom Spielen und Forschen

Der Radiacode 110 kann mehr als Effekthascherei. Mit etwas Geduld bauen Sie sich eine eigene Spektren-Bibliothek auf: Uranglas aus Großmutters Vitrine, ein altes thoriertes Kameraobjektiv, ein Klumpen Kaliumdünger aus dem Baumarkt. Jedes Material hinterlässt seine charakteristische Signatur. Sogar Lebensmittel lassen sich prüfen. Wer Pilze oder Wildfleisch püriert und in den optionalen Marinelli-Becher füllt, lässt die App nach Caesium-137 fahnden – ein Erbe des Super-GAUs von Tschernobyl, in manchen Regionen Süddeutschlands bis heute deutlich messbar.

Mehr als ein Spielzeug?

Klassische Geigerzähler knattern nur und melden: Hier ist Strahlung. Szintillations-Spektrometer wie der Radiacode gehen weiter, denn sie verraten auch, welches Isotop da eigentlich strahlt. Dafür sorgt ein Leuchtkristall, der Gammaquanten in messbare Lichtblitze verwandelt. Der Vorteil: hohe Empfindlichkeit, Isotopen-Erkennung und App-Auswertung zu einem Bruchteil dessen, was Laborgeräte früher kosteten. Die Grenzen: Erfasst wird vor allem Gammastrahlung, die Werte schwanken statistisch, und für den amtlichen Strahlenschutz taugt das Gerät nicht. Als Lern- und Entdeckerwerkzeug aber ist es seriös.

Hier wird gemessen: Das Radiacode-Dashboard zeigt Dosisleistung, Zählrate und Verlauf in Echtzeit.
Hier wird gemessen: Das Radiacode-Dashboard zeigt Dosisleistung, Zählrate und Verlauf in Echtzeit. (Bild: Screenshot)

Spätestens wenn Sie beginnen, im Netz nach Kalibrierproben zu schielen, ist es um Sie geschehen. Dabei sollten Sie jedoch die Kirche im Dorf lassen. Der Radiacode 110 misst vor allem Gammastrahlung – Alphateilchen erfasst er gar nicht, Betastrahlung nur eingeschränkt. Er ist ein Werkzeug für Neugierige und macht niemanden zum Strahlenschutzprofi. Die Messwerte unterliegen einer statistischen Unschärfe, wer belastbare Zahlen will, braucht Zeit zum Mitteln und vor allem Hintergrundwissen. Ein Spielzeug ist das Gerät deshalb nicht, eher ein erstaunlich ehrliches Lehrgerät, das abstrakte Physik in etwas Greifbares übersetzt.

Die Radiacode-App für die Apple Watch holt die wichtigsten Daten ans Handgelenk, auf dem iPhone hat man über eine Live-Aktivität immer einen Blick auf aktuelle Werte.
Die Radiacode-App für die Apple Watch holt die wichtigsten Daten ans Handgelenk, auf dem iPhone hat man über eine Live-Aktivität immer einen Blick auf aktuelle Werte. (Bild: Stefan Molz)

Willkommen im Rabbithole

Der Radiacode 110 ist kein Werkzeug, das man braucht – aber eines, das man nach der ersten Messung nicht mehr hergeben möchte. Er übersetzt unsichtbare Physik in lesbare Kurven, und die rundum gelungene iOS-App macht aus dem kleinen Riegel ein echtes Taschenlabor. Wer der Neugier nachgibt, ist zwar 400 Euro ärmer, dafür aber um ein außergewöhnliches Hobby reicher.

Die Alternative: Radiacode Zero

Statt feinster Empfindlichkeit setzt der Radiacode Zero auf einen nach oben hin maximalen Messbereich: Bis zu 9 Sievert pro Stunde erfasst er laut Hersteller rund das 9.000-Fache eines üblichen Geigerzählers. Möglich macht das ein Kunststoffszintillator statt des Kristalls. Dafür entfällt die Spektrometrie, Isotope erkennt der Zero also nicht. Gedacht ist er als robuster Notfalldetektor, der dort weiter misst, wo andere längst überfordert sind. Heißt: Der Radiacode Zero ist ein Gerät für Fälle, die hoffentlich nie eintreten.

Stefan Molz // Chefredakteur
Stefan Molz

Stefan beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Computern – angefangen beim „Brotkasten", dem C64, und Amiga 500, lange bevor Apple-Geräte seinen Alltag bestimmten. Der eigentliche Einstieg in die Mac-Welt führte über die Musikproduktion: Über die Magazine Keyboards, Keys und Beat führte ihn sein Weg schließlich zur Mac Life, deren Website er seit 2007 verantwortet. Seit 2023 ist er zudem Chefredakteur des gedruckten Magazins.

Besonders faszinieren ihn die Schnittstellen zwischen Technik und Kreativität – vom Mac als Werkzeug für Musik, Foto und Video hin zu neuen Apple-Technologien wie Vision Pro oder KI-Funktionen. Wenn Stefan nicht gerade neue Apple-Hardware testet, fotografiert er mit Vorliebe aus ungewöhnlichen Perspektiven, gerne per Drohne oder seiner Mittelformatkamera.

Neben der Redaktion ist er außerdem Host des Apple-Podcasts „Schleifenquadrat". Seine Begeisterung für Musik & Sounds begleitet ihn bis heute. Kein Wunder, denn Anfang der 2000er-Jahre etwa wirkte er unter anderem an Samples mit, die Teil von Logic Pro wurden.

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Schleifenquadrat-Podcast

Fazit

Ein Stück Forschung für die Hosentasche, das die Welt um den Blick auf eine unsichtbare Dimension reicher macht – genau die richtige Wahl für jemanden auf der Suche nach dem nächsten tiefen Rabbithole.

Testergebnis
ProduktnameRadiacode 110
HerstellerRadiacode Ltd.
Preis399 €
Webseiteradiacode.com
Pro
  • + empfindlicher Sensor mit Isotopen-Erkennung
  • + gute iOS-App
  • + Apple-Watch-Anbindung
Contra
  • - statistische Messunschärfe
  • - Einarbeitung ist nötig
Bewertung
2gut