Apples traditionelle Produktpräsentation im Rahmen der Macworld-Messe sollte im Jahr 2007 Geschichte schreiben. Im Januar fand stets die Apple-Messe in San Francisco statt. Steve Jobs nutzte die Eröffnungs-Keynote gerne für die ersten großen Produktankündigungen des neuen Jahres. Ein selbstbewusster Steve Jobs betrat am 9. Januar 2007 die Bühne und verkündete nicht weniger als einen historischen Moment. Doch bevor er die Welt verändern und das Publikum verzaubern konnte, gab es ein paar Updates zum Tagesgeschäft.
„Lasst uns Geschichte schreiben.“
Steve Jobs begrüßte das Publikum mit diesen großen Worten und einer sichtbaren Vorfreude. Doch bevor es an das iPhone gehen konnte, marschierte er mit einem enormen Tempo durch die wichtigsten Neuigkeiten rund um Apples Geschäfte. Der erfolgreiche und abgeschlossene Wechsel von PowerPC-Chips zu Intels CPUs war ebenso Teil des Tagesgeschäftes wie Werbeclips und Statistiken zum Mac-Geschäft. Jobs präsentierte weiterhin stolze Zahlen zu iTunes und dem iPod. Mehr als 2 Milliarden Songs konnte Apple bis dato im iTunes Store verkaufen. Darüber hinaus verzeichnete Apple 50 Millionen verkaufte TV-Shows (unklar, ob Jobs damit Sendungen oder Episoden meinte) sowie 1,3 Millionen Filme innerhalb von vier Monaten nach Verkaufsstart. Jobs war sich nicht zu schade, das rasant wachsende iTunes- und iPod-Geschäft mit Microsofts gerade erst gestartetem Zune-Konkurrenten zu vergleichen. Der Zune konnte sich nur magere 2 Prozent Marktanteil sichern, während Apple mehr als 60 Prozent des MP3-Player-Marktes vereinnahmte. Ebenfalls im Schnelldurchlauf stellte Jobs das neue Apple TV vor. Im September 2006 präsentierte er das Konzept und den Prototyp noch als „iTV“. Jobs präsentierte das Gerät und seine Funktionen (erneut) und verkündete einen baldigen Verkaufsstart sowie Details zum Preis und der Ausstattung.
Nach knackigen 25 Minuten war Jobs durch all diese Neuigkeiten gerannt, nahm einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche und hielt kurz inne. Vor einem leinwandfüllenden Apple-Logo markiert er den Moment als historisch und setzt zu seiner wohl besten und wichtigsten Produktpräsentation aller Zeiten an. Was folgte, war die spielfilmlange Weltpremiere des iPhone.
Apple erfindet das Mobiltelefon neu
Jobs stimmte mit einem nachdenklichen Ton in den Hauptakt seiner Präsentation ein. Auf den folgenden Moment hätte er zweieinhalb Jahre gewartet. Doch bevor es in die Zukunft gehen sollte, stimmte er völlig ungewohnt auf die Vergangenheit ein. Er erinnerte an die revolutionären Errungenschaften, die der Mac 1984 in die Welt des Personal-Computing brachte. Ebenso weltbewegend war die Einführung des iPod im Jahr 2001, die den Musikmarkt radikal veränderte.
Solch eine Revolution würde Apple erneut anstreben und dazu gleich drei Produkte ankündigen: Ein Breitbild-iPod mit Touchbedienung, ein revolutionäres Mobiltelefon sowie einen bahnbrechenden Internet-Communicator. Das Publikum jubelte sich in Ekstase, besonders die Erwähnung eines Apple-Handys verursachte eine hörbare Aufregung im Publikum. Jobs wiederholte diese drei neuen Produkte Mantra-artig und stellte pointiert fest, dass dies nicht drei verschiedene, sondern ein und dasselbe Produkt wäre. Apple will dieses neue Gerät „iPhone“ nennen und damit das Mobiltelefon neu erfinden. Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte er die versammelte Presse sowie Apple-Fans auf seiner Seite. Doch damit nicht genug. Stolz präsentierte er ein Bild des neuen Gerätes und zeigte scherzhaft eine Fotomontage eines iPod mitsamt Wählscheibe.
Bevor es dann ernsthaft an das neue Gerät gehen sollte, ruderte Jobs abermals zurück und stellte dem Publikum die Smartphone-Konkurrenz in Form von Geräten der anderen Hersteller vor. Seiner Meinung nach seien diese Geräte mit ihren kleinen Bildschirmen und physischen Tastaturen zu kompliziert und eingeschränkt. Die Lösung: Das neue iPhone sollte erstmals Apples neu patentiertes Multitouch als Eingabe nutzen. Zur Interaktion würden die eigenen Finger völlig ausreichen. Apple verzichtet bis heute auf einen Stylus als Eingabe für das iPhone.
Nachdem Jobs durch erste innovative Eigenschaften wie verbaute Sensoren und Mac OS X als Betriebssystem für die mobile Plattform geführt hatte, setzte er zum sichtbar genussvollsten Teil seiner Präsentation an: die erste Demonstration des iPhone.
„Du hattest mich schon beim Scrollen überzeugt.“
Dabei führte er das Publikum zunächst durch die neuen iPod-Funktionen des iPhone. Doch das größte Staunen und Raunen galt den eigentlich banalen Funktionen wie dem Entsperren des iPhone oder dem Scrollen durch Listen via Wischgesten. Das versammelte Publikum hatte all diese Gesten und Interaktionen noch nie gesehen oder erlebt.
Weiter ging es mit den Telefonfunktionen, die für damalige Verhältnisse ebenfalls innovativ und beeindruckend waren. Besonders stolz war Jobs dabei auf „Visual Voicemail“. Das iPhone sammelte die Nachrichten des Anrufbeantworters in einer praktischen Liste, sodass Jobs jede Nachricht einzeln und in beliebiger Reihenfolge abhören konnte. Das erste öffentliche iPhone-Telefonat mit Chef-Designer Jony Ive und Marketing-Chef Phil Schiller verlief ebenfalls fehlerfrei. Bei der SMS-Demo zeigte Jobs erstmals die Software-Tastatur des iPhone. Mit der Fotoanwendung erklärte er weitere neue Gesten zur iPhone-Bedienung. Mittels Zwickgesten konnte er in Bilder reinzoomen, was erneutes Raunen im Publikum zur Folge hatte.
Das dritte iPhone-Standbein war zwar weniger beeindruckend, aber ebenso wichtig wie die anderen beiden. Als „Internet Communicator“ präsentierte Jobs die E-Mail-Funktionen und den Safari-Browser. Dabei war er besonders stolz auf den Funktionsumfang dieser Anwendungen. Mit Safari schaffte es ein (fast) vollumfänglicher Webbrowser auf das iPhone, der mit den Worten von Steve Jobs mehr als ein „Baby-Internet“ nutzen konnte. Bei der Demonstration von Google Maps zeigte sich Jobs erneut scherzhaft aufgelegt und bestellte bei einem lokalen Starbucks 4.000 Kaffees, bevor er sich entschuldigte und einfach auflegte.
Nach Jobs’ eindrucksvollen Demonstrationen übernahmen verschiedene Partner wie Eric Schmidt von Google und Jerry Yang von Yahoo die Bühne, um ihre eigenen Webdienste als wichtige iPhone-Komponenten zu beschwören. Jobs schnürte anschließend alle vorgestellten Funktionen in einer einzigen Demonstration zusammen. Dabei hörte er Musik, telefonierte, verschickte ein Foto via E-Mail und surfte im Web. Er stellte das erste iPhone-Zubehör von Apple vor, rechnete den Verkaufspreis einmal durch und brachte den Chef des exklusiven Mobilfunkpartners auf die Bühne. Abschließend präsentierte Jobs seine Verkaufspläne für das iPhone im Jahr 2008.
Um den historischen Moment vollends abzurunden, verkündete Steve Jobs die Namensänderung des Unternehmens. Aus „Apple Computer Inc.“ wurde kurzerhand „Apple Inc.“, denn mit dem Apple TV und dem neuen iPhone würde Apple keine reine Computerfirma mehr sein, so Jobs. Er beendete die Präsentation mit einem Bild von ihm und Steve Wozniak aus den Anfangstagen von Apple und betonte noch einmal Apples großes Vorhaben, mit dem iPhone das Mobiltelefon revolutionieren zu wollen. Wie wir heute wissen, ist Apple das tatsächlich gelungen. Die Macworld-Präsentation im Januar 2007 war der erste und ein wichtiger Baustein für diese Revolution.
Während Steve Jobs das versammelte Publikum mit seiner iPhone-Präsentation verzauberte, schwitzten die verantwortlichen Apple-Mitarbeiter im Publikum und hinter den Kulissen. Jobs bestand darauf, eine Live-Demonstration des neuen Gerätes zu zeigen. Bei Proben im Vorfeld der Präsentation kam es wiederholt zu Problemen und Ausfällen. Obwohl es auf der Bühne nicht so wirkte, war das iPhone alles andere als fertig. Deshalb musste sich Jobs bei der Präsentation an ein striktes Skript halten. Für den Fall der Fälle lagen mehrere Demo-Geräte auf seinem Pult zur Verfügung. Der damalige Apple-Mitarbeiter Andy Grignon, verantwortlich für die Funkverbindungen im iPhone, erzählte der New York Times später ausführlich von seinen Erlebnissen vor und während der Präsentation. Die Anspannung im Team war so groß, dass die Mitglieder bei jeder erfolgreichen Demonstration Whiskey-Shots tranken. Das Ergebnis: ein sichtbar glücklicher Steve Jobs auf der Bühne und ein betrunkenes iPhone-Team im Publikum.

Für Christian Steiner, derzeit in Wuppertal lebend, ist Apple-Geschichte kein Nostalgietrip, sondern Aufklärungsarbeit. In seiner Rubrik „Ein Blick zurück“ bei der Mac Life nimmt er die wichtigen Momente aus Apples Unternehmensgeschichte unter die Lupe, ordnet sie ein und erklärt, warum sie bis heute nachwirken. Als junger Familienvater interessiert ihn dabei auch, wie Apple-Produkte das Familienleben verbessern können.


