Text und Tech

Evolution eines Romans

Als ich anfing, einen Roman zu schreiben, stand mir eine Armee an Geräten und Programmen zur Verfügung. Doch die Vielfalt an Möglichkeiten barg die Gefahr, einem Verzetteln ohne Zettel anheimzufallen. Von einem Selbstversuch.

Von   Uhr

Von dem Schriftsteller Paul Auster heißt es, er habe all seine Werke per Hand, präziser mit einem Bleistift verfasst. Auch von dem just zu einiger Prominenz gelangten Autor Ocean Vuong gibt es Fotos handgeschriebener Seiten seines letzten Romans „Der Kaiser der Freude“ (den ich wärmstens empfehle, siehe Kasten). Für mich ist diese Art ein Buch zu schreiben undenkbar, obwohl ich für Ideen und Notizen gerne Stift und Papier verwende. Was also ist das optimale technische Setup, um ein Langzeitprojekt, wie es ein Roman ist, erfolgreich zu meistern? Obwohl oder gerade weil der lange Schreibprozess, der zu meinem Debütroman „Der Flussregenpfeifer“ (C.Bertelsmann/Penguin) führte, nicht zur Nachahmung empfohlen ist, möchte ich berichten, mit welchen Mitteln ich ins Ziel gekommen bin. Über die Jahre habe ich die unterschiedlichsten technologischen Errungenschaften zur Arbeit an dem Buch genutzt, um schließlich bei einem festen System zu landen. Ein Bericht darüber erscheint mir allein deshalb sinnvoll, damit andere Fehler wie das In-der-Hocke-auf-einem-Campingplatz-auf-einem-iPad-Schreiben nicht machen müssen. Doch wie sagte schon der renommierte englische Romancier Ian McEwan: „Wenn du einen Roman geschrieben hast, hast du gelernt, genau diesen Roman zu schreiben.“ 

Tobias Friedrich

Der in Göttingen geborene und in Berlin lebende Autor ist Verfasser von Sachbüchern sowie des hier beschriebenen Romans, er arbeitet als Komponist und Musiker. Friedrich ist Mitglied der Band Husten und Teil der Musik-, Lesungs- und Video-Show „Ein Hit ist ein Hit“. Zudem schreibt er in loser Folge für die Mac Life. Aktuell liegt sein Fokus vor allem auf der Arbeit an seinem zweiten Roman.

Kein Buch, ein Berg

Zunächst muss ich dazu ein paar Informationen zum Inhalt meines Romans loswerden. Im Zuge einer Auftragsarbeit war ich vor einigen Jahren auf die wahre Geschichte des Hamburgers Oskar Speck gestoßen. Der Ingenieur stieg 1932 vollkommen mittellos in seinen einzigen verbliebenen Besitz, ein schmales, fünf Meter langes Faltboot, um auf der Donau und über das Mittelmeer nach Zypern zu paddeln, dort in einer Mine zu arbeiten und Geld zu verdienen. Um eine sehr gewundene, ungeheuerliche Geschichte sehr kurz zu machen: Es wurde viel mehr daraus, ein kaum zu begreifendes Abenteuer, monumental, aber wahr. Ich konnte damals nicht glauben, dass dieses wundersame Ereignis nicht längst in ein Buch, eine Dokumentation, in eine Serie oder einen Film gemündet war. Zu dem Zeitpunkt wollte ich mein Glück als Schriftsteller versuchen und war schon bald wild entschlossen, die Story als Grundlage meines ersten Romans zu verwenden, bevor es jemand anders tun würde. Wohl wissend, dass die Aufgabe allein aufgrund der Opulenz und der damit verbundenen Verzweigungen ein paar Kragenweiten zu groß für mich war. Nach zwölf Jahren der immer wieder unterbrochenen Arbeit an dem Manuskript und vier Versionen erschien 2022 schließlich die um einige fiktionale Bestandteile erweiterte, wahre Geschichte des Verrückten, Oskar Speck.

Online-Recherche – Segen und Fluch

Allein die Nachforschungen zu Specks Leben verliefen schwierig, online war nur wenig über ihn und sein Abenteuer zu finden. Zudem musste ich mir umfangreiches Wissen über die historischen Zusammenhänge, über geografische, soziale, politische und kulturelle Gegebenheiten jener Zeit aneignen und in Belletristik verwandeln. Ich habe jüngst von ein paar Schriftstellern gelesen, die für ihre Recherche KI einsetzen, und sicher hat das hier und da seinen Sinn. Abgesehen davon, dass es dieses Hilfsmittel noch nicht gab, als ich 2008 die Arbeit an meinem Buch begann, würde ich bei der Verwendung von künstlicher Intelligenz zu äußerster Vorsicht raten. Zumindest, wenn das Ergebnis einer gewissen Akkuratesse unterliegen soll. Allein Specks Todesdatum wurde, wie ich erst an seinem Grab stehend erfuhr, online ein ums andere Mal falsch abgeschrieben. Nicht nur aus diesem Grund gehörten neben dem Internet bald auch bei Ebay ersteigerte, alte Zeitungen, Bücher über die Donau oder Indonesien und haptische Anleitungen zu Faltbooten zu meinen Informationsquellen. Ich strebte einen doppelten, besser dreifachen Check an, um Wahrheit und Fiktion möglichst authentisch verschmelzen zu lassen. 

Weitere Produkte, die ich täglich nutze

Neben der genannten Apple-Hard- und Software habe ich im Laufe der Jahre, was essenzielle weitere Produkte betrifft, verschiedene Hersteller und Modelle ausprobiert. Unterm Strich waren die folgenden die wichtigsten.

Drucker

Obwohl ich die meisten Zwischenergebnisse am Bildschirm gegenlese, empfehle ich die Anschaffung eines Druckers. Man liest einfach anders, wenn man einen Text in der Hand hält. An einen Printer habe ich wenige, aber entscheidende Ansprüche. Er sollte platzsparend und flach sein (womit schon mal circa achtzig Prozent aller Drucker ausscheiden). Er sollte einfach in der Bedienung und schnell funktionsbereit sein, flott seinen Dienst verrichten sowie drucken, kopieren und scannen können. Nach dem Kauf von Tintenpatronen sollte außerdem noch Geld für Lebensmittel übrig bleiben. In dieser Schnittmenge siedelten sich der HP DeskJet 2820e (50 Euro) sowie der DCP-J1360DW (110 Euro) von Brother an. Gut gefallen hat mir der „Lieferservice“ von HP, der rechtzeitig erkennt, wenn die Tinte in den Patronen zur Neige geht und automatisch Nachschub liefert. Das damit einhergehende Abo von sieben Euro pro Monat macht das Drucken zusätzlich günstig.

Zubehör

Für mich unerlässlich ist eine Powerbank, die mehr als eine volle Ladung garantiert und die mit einem Magnet ausgestattet ist, der stark genug ist, um auch an einem iPhone in einer stoßsicheren, dicken Hülle haften zu bleiben. Der 10.000 Milliampere starke Akku P269D von Marstek (29 Euro) erfüllt dies, obwohl auch er einen noch stärkeren Magneten vertragen könnte.

Schreibtisch

An meinem Arbeitsplatz benötige ich keine zusätzlichen technischen Werkzeuge, doch auf den Wireless Charging Stand (100 Euro) von Peak Design würde ich nur ungern verzichten. Wie jedes andere Produkt der Firma, ist auch er ein kleiner Funktions-, Design- und Qualitätsheld. Der magnetische Ständer hält das iPhone bombenfest, rutscht dank Gummifüßen nicht auf dem Tisch herum und lässt sich über ein starkes Gelenk in alle wünschenswerten Winkel verstellen. Auch für Reisen und somit den Wechsel des Arbeitsplatzes eignet sich der Ladeständer, zusammengeklappt ist er kaum einen Zentimeter hoch.

Hardware: Macs & Monitor

Parallel zu einer Ansammlung technischer Geräte vertraue ich seit jeher auf ein nicht zu knappes Konvolut an Notizbüchern. Während der Zeit des Verfassens war ich in der glücklichen Situation, zwei Orte zum Schreiben nutzen zu können. Das bedeutete allerdings nicht nur, dass ich all meine Hefte hin und her tragen musste. Auch ein auf Dauer sinnvolles, miteinander kooperierendes technisches Set-up musste her. In meinem Fall war dies ein stationärer iMac, glücklicherweise noch mit einem 27-Zoll-Bildschirm, sowie ein 16-Zoll MacBook Pro. 

Irgendwann ging der iMac den Weg alles Irdischen, zu einem Zeitpunkt, als es keine 27-Zoll-Modelle mehr gab. Für mich war der große Bildschirm eine Gewohnheitssache und wichtig, also sattelte ich auf einen Mac mini mit zusätzlichem, leider durchschnittlichem Monitor um. Was Bildschirme betrifft, kann ich nur raten, einen möglichst hochwertigen zu erwerben und auf die Parameter Bedienung und Einstellungen zu achten. Während meiner Arbeit wurde die Anzahl der Steckplätze und vor allem deren Position an meinem Gerät zu einem dauerhaften Ärgernis, da sie sich unter einer sehr schlecht schließenden, anfälligen Plastikabdeckung befinden. Auch sind sie versteckt im Dunkel des Gehäuses platziert, so dass das Einstecken und der Austausch von Kabeln an die Montage eines Abwasserrohres erinnert. 

Apples Studio-Display (ab 1.699 Euro) würde ich – sollte Geld keine Rolle spielen – als Master-Lösung empfehlen. Aber auch der UltraFine evo 32U990A-S von LG (1.999 Euro) sowie Samsungs ViewFinity S9 (1.009 Euro) erleichtern einem mit leicht zugänglichen Eingängen, einem soliden, schönen und stabilen Gehäuse sowie hoher Bildqualität das Arbeitsleben.

Die Tage meines MacBook scheinen ebenso gezählt. Bei einem Besuch im Apple Store hat mich überrascht, wie teuer nahezu alle Geräte-Optionen geworden sind. Bei einer Neuanschaffung wird mein Griff daher zum MacBook Air gehen. Es ist angenehm leicht – Autoren können schließlich im Prinzip überall schreiben –, und man braucht als Schriftsteller keine Unmengen an Speicher. 

Mein Freund, die Wolke

Mein vielleicht wichtigster technischer Partner war und ist die iCloud. Externe Festplatten, die via Time Machine alles sichern, sind großartig und sinnvoll, können aber verloren- oder – wie jedes Gerät, das funktioniert – kaputtgehen. Die Cloud hing bei meiner Arbeit über Jahre direkt über mir. Hatte ich eine spontane Idee beim Kaffeeholen, notierte ich sie auf der Straße. Egal an welchem Platz ich danach weiter arbeitete, jeder festgehaltene Gedanke wartete bereits auf mich.

Mein Feind, das Wort

Selbstverständlich war im Laufe der Jahre nicht nur ein Wort mein Feind, sondern derer viele, immerhin habe ich den Roman, der in jeder Fassung um die achthundert Seiten umfasste, viermal geschrieben, bis ich halbwegs zufrieden war. „Wort“ steht hier aber für das Programm Word, und ich oute mich gerne als Feind der in die Jahre gekommenen Software. Für mich ist der ganze Aufbau, die Anordnung, der Look und die Struktur des Microsoft-Produkts ein Grauen. Apples Pages hingegen folgt der alten Devise „Wenn du nichts mehr weglassen kannst, ist es perfekt“. Selbst die Nutzung von Pages auf dem iPhone in Verbindung mit iCloud ist beruhigend übersichtlich und funktioniert großartig einfach – it just works.

Besonders degoutant verhielt sich Word beim Lektorat. Mein Verlag arbeitet, wie viele, der Einfachheit halber für diesen Prozess mit dem Gates’schen Werk, also transferierte ich murrend meinen Text von Pages ins Feindesland. Waren die Anmerkungen der Lektorin in der ersten Korrekturrunde noch wohlsortiert, verlor Word schon ab dem zweiten Mal hin und her den Kopf, verschob ganze Kapitel, verlor Absätze, baute leere Seiten in das Dokument ein und richtete ein Chaos an, das mit jedem verstreichenden Tag nur schlimmer wurde. Nur dem heroischen Einsatz eines Technikers mit jahrelanger Erfahrung ist es zu verdanken, dass am Ende alles gerettet werden konnte. Bei einer derartigen Sabotage und diesem Seitenumfang den Überblick zu behalten, war eine Herausforderung, die in meinem Leben gern einmalig bleiben darf.

Was ich nicht benutze

Dies ist keine Rubrik, in der ich Produkte oder damit verbundene Methoden herabwürdigen möchte, sondern im Gegenteil anmerken, dass die nachfolgenden Geräte und Apps zwar bei mir nicht zum Einsatz kamen, sie aber sehr wohl von großem Nutzen für andere (oder auch in Zukunft für mich) sein können.

Mindestens einmal pro Jahr liebäugle ich mit einem iPad, und meistens scheitert es am Preis. Für ein halbwegs leistungsstarkes iPad Pro 13 Zoll mit Pencil und Magic Keyboard muss man knapp unter 3.000 Euro berappen, für ein iPad Air 13 Zoll immer noch etwas über 2.000 Euro. Dennoch ist das Bindeglied zwischen iPhone und MacBook eine reizvolle Alternative zu Apples Laptops. Das alternative Arbeiten mit dem Pencil und Fingern auf einem Touchscreen, eine hervorragende Kamera und die Handlichkeit sind nur ein paar der Vorzüge von Apples Tablet. Irgendwann wird es für mich unweigerlich auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen iPad und MacBook Air hinauslaufen. Vielleicht schon beim nächsten Buch … 

Das sich zu einem veritablen Apple-Konkurrenten gemauserte Tablet von reMarkable, das bewusst auf Einfachheit und den Fokus auf Textarbeit setzt, war ebenso immer wieder mal in meinem Blickwinkel. Würde ich nicht die Eingewöhnungszeit scheuen und seit Jahrzehnten vom Apple-Universum absorbiert sein, könnten reMarkable und ich Freunde werden. Ein interessantes Werkzeug für Autoren scheint mir das reMarkable Paper Pro (699 Euro) in jedem Fall zu sein.

Jenseits von Einkaufslisten findet Apples Notizen-App bei mir keine Verwendung, obwohl sie Stift und Zettel unterwegs gut ersetzen könnte. Ich hätte mir immer mehr Fähigkeiten multimedialer Natur gewünscht, die Erinnerungen und Ideen verschiedenster Art innovativ zusammenführt. Dann kam Apples Freeform-App, die mehr oder weniger genau das darstellt – und ich habe sie trotzdem nicht genutzt. Womöglich auch eine Frage der Gewöhnung, denn die Kombination aus endloser Notizfläche, in die man zeichnen, Symbole, Bilder und Videos einsetzen und andere Notizen hinzufügen kann, klingt perfekt. 

Mitten in einem Buch das Medium oder die Methodik zu wechseln, halte ich für keine gute Idee. Mir wurden immer wieder mal Schreib-Apps wie Ulysses oder Scrivener empfohlen, und sicher sind dies wohldurchdachte und im Laufe der letzten Jahre stetig verbesserte Werkzeuge. Doch schreibe ich nicht, wie ein Ermittler die Fäden an einer Pinnwand spannt, sondern leider erratisch, bauchgesteuert und damit chaotischer. Für disziplinierte Schriftsteller sind diese Helfer sicher wertvoll, allein die damit entstehende Ordnung dürfte einem einige Zeit und Mühe ersparen. Trotzdem: in meine Arme, all ihr Notizbücher!

Was Reader angeht, bin ich auf eine sonderbare Art zu alt, selbst für den Klassiker Kindle. Auf dem iPad habe ich früher gerne gelesen und mir in digitalen Büchern Notizen vermerkt. Doch auch diese Zeiten sind vorbei. Ich möchte blättern, ich mag Post-its und Eselsohren, sorry.

Der Assistent, das iPhone

Jeder Autor dürfte es kennen: In den unmöglichsten Situationen kommen einem die besten oder wichtigsten Einfälle. Hält man diese nicht fest, haben sie sich, zurück am Schreibtisch, in Luft aufgelöst. Dieser Falle bin ich mit dem iPhone doppelt entkommen. Jedoch nicht mit der Notizen-App oder ähnlichen Anwendungen anderer Anbieter. Da ich ungern viel Text auf dem iPhone tippe, habe ich für schriftliche Memos stets ein kleines Old-School-Notizbuch und einen EDC-Kugelschreiber dabei. Das iPhone kam dutzendfach auf andere Weise zum Einsatz. Denn auch wenn ich den Klang meiner aufgezeichneten Stimme nicht mag, war Apples Sprachmemos-App während meines Arbeitsprozesses Gold wert. Einmal tippen und ich konnte Einfälle festhalten, selbst abwegige, umständlich formulierte Gedanken, und diese später einarbeiten. Das zweite für mich nützliche iPhone-Werkzeug war die Foto-App beziehungsweise die Screenshot-Funktion: In traditionellen, aber auch in sozialen Medien tauchten in all den Jahren immer wieder Artikel, Bilder und Videos auf, die für meine Geschichte zu wichtigen Anregungen führten und die ich zur Erinnerung schnell knipste. Natürlich erfordert diese Arbeitsweise eine strenge Auswertungsdisziplin, ansonsten sammeln sich nur Daten und Informationen mit kurzem Ablaufdatum an.

Überblick: Schreib-Apps

Um beim nächsten Buchprojekt optimal vorbereitet zu sein, habe ich mir einen Überblick über die wichtigsten Autoren-Apps verschafft. Die Ergebnisse sind leider wenig ermutigend.

Scrivener

Preis: 24,99 Euro
Auf den ersten Blick bietet diese App viel, von diversen Formatierungen über eine straffe Organisation der Inhalte, Stil-Rubriken wie Theaterstück, Roman oder Drehbuch bis hin zu der Verwaltung von Recherche-Material. Leider gibt es Scrivener nur auf Englisch und eine Cloud-Anbindung fehlt ebenso. Hinzu kommen ein paar kleinere Bugs sowie die Einschränkung, dass man die Anwendung nur in Verbindung mit Dropbox nutzen kann.

Ulysses

Preis: Gratis/Abo für 40 Euro pro Jahr
Ulysses bietet weniger Funktionen als Scrivener, aber dennoch genug. Entsprechend ist die Lernkurve flacher, man kann schneller loslegen – für mich ist es jedoch immer noch zu verwirrend. Und obwohl es die App schon seit einigen Jahren gibt, ist sie immer noch fehleranfällig. Abstürze, Fehler bei Formatierungen und etwas umständliche Details bei der Archivierung gehören zu diesen kleinen Ärgernissen.

Fortelling

Preis: Gratis/Abo für 75 Euro pro Jahr
Nicht gerade günstig ist dieses Schreibprogramm, das es zudem ausschließlich für iOS gibt. Schöne Ideen wie eine Zeitachsen-Rubrik oder eine Pinnwand für eine hohe Anzahl an Charakteren wechseln sich leider mit funktionalen Fehlern (man kann keine Texte importieren) und Bugs ab.

Fazit: Ziel jeder dieser und weiterer Schreib-Apps sollte es sein, Autoren etwas zu bieten, das Word, Pages und Co nicht können. Das tun die meisten auch, bieten Strukturen, Hilfen und Ideen, mit denen herkömmliche Schreibprogramme nicht aufwarten. Jedoch bietet keine der Apps, die ich probiert habe, eine wirklich ultimative, überzeugende Lösung. Eine Anwendung mit einem einfachen, intuitiv nutzbaren Aufbau in Verbindung mit ein paar herausragenden Innovationen und Arbeitserleichterungen habe ich nicht gefunden. Stattdessen Bugs und – ein absolutes No-Go – Abstürze, teure Abo-Modelle und die Ungewissheit, wann welche Entwickler eventuell mal Besseres zu tun haben werden. Und wenn es etwas gibt, das ein*e Autor*in nicht gebrauchen kann, sind es fehlende Verlässlichkeit der Werkzeuge und überraschend auftretende Fehler.

Kurzum: Die Stabilität, Übersicht, Ordnung und Kompatibilität von Pages versuche ich weiterhin mit eigenen organisatorischen Mitteln zu paaren. Sollte die eierlegende Wollmilchsau der Schreibprogramme noch entwickelt werden, gebe ich ihr vermutlich trotzdem eine Chance.

Tobias Friedrich: Der Flussregenpfeifer

»Ich habe fünfzigtausend Kilometer in einem Faltboot zurückgelegt. Hab das Paradies und die Hölle gesehen. War Gott und Gülle. Tot und wieder am Leben. Mit nur einem einzigen Gedanken im Kopf: 
Du musst ankommen, Oskar Speck.« 

Der Flussregenpfeifer erzählt die völlig unwahrscheinliche, aber wahre Geschichte eines arbeitslosen Hamburgers, der sieben Jahre mit seinem Boot um die halbe Welt fuhr. Ein humorvoller, dramatischer Roman über wahre Freundschaft und Freiheitsliebe, starke Frauen und den Zufall als Wegweiser des Lebens.

C.Bertelsmann, 512 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-570-10433-0

Meine Buch-Empfehlungen

Ocean Vuong: Der Kaiser der Freude (Hanser)

„Auf Erden sind wir kurz grandios“, das Debüt dieses vietnamesischstämmigen Amerikaners, fand ich bereits beachtlich, poetisch und strukturell auffallend anders. Sein letztes Jahr veröffentlichter Roman „Der Kaiser der Freude“ ist noch außergewöhnlicher. Die Geschichte speist sich aus Vuongs Erfahrungen als Einwanderer in einer Kleinstadt Amerikas, in der keiner der Protagonisten eine Chance auf Aufstieg hat. Seine Herangehensweise an dieses angenehm zurückhaltende, aber gleichzeitig tragische, komische und mitfühlende Werk fasste Vuong so zusammen: „Ich bin weniger am amerikanischen Traum interessiert als an Amerikanern, die träumen.“

David Szalay: Was nicht gesagt werden kann (Claassen)

Der ungarische Autor wurde letztes Jahr zu Recht mit dem Booker Prize bedacht. „Was nicht gesagt werden kann“ erzählt in verschiedenen Episoden das Leben von István, der aus einer Plattenbausiedlung in den Krieg und später in die Londoner oberen Zehntausend trudelt. Szalays Sprache ist karg und auf den ersten Blick schlicht. Bei genauerer Betrachtung erkennt man jedoch, dass diese nahezu chirurgisch feine Erzählart den Weg und das Dasein des Protagonisten wunderbar unprätentiös vor uns ausbreitet. 

David Benioff: Stadt der Diebe (Heyne)

Neben den beiden neueren Büchern möchte ich zwei Romane vorstellen, die ich immer wieder zur Hand nehme. Benioffs „Stadt der Diebe“ führt zwei sehr unterschiedliche junge Russen im härtesten aller Winter 1942 im belagerten Stalingrad zusammen. Um ihrem sicheren Tod zu entgehen, müssen sie zwölf Eier für einen Kommandanten besorgen, in einer Stadt, in der man längst alle Tauben gegessen hat. Stark erzählt, brutal, humorvoll, melancholisch.

Carson McCullers: Das Herz ist ein einsamer Jäger (Diogenes)

Dieser Roman der leider 1967 bereits mit fünfzig Jahren verstorbenen Schriftstellerin soll nur stellvertretend für all ihre Bücher, speziell auch für ihre Kurzgeschichten stehen. Zentrale Themen in McCullers Werken sind unter anderem Einsamkeit, Würde und Hoffnung, und ihre mit diversen Unzulänglichkeiten versehenen Außenseiter erweckt sie in jeder Geschichte mit großem Mitgefühl zum Leben.

Fazit

Seit die gute, alte Schreibmaschine als beste Freundin aller Autoren ausgedient hat, gibt es sprichwörtlich hunderte Wege zum Ziel zu kommen. Ich bin für die romantische Schreibmaschine zu spät und gerade zum richtigen Zeitpunkt geboren, um noch den „Würfel“, den ersten Mac, benutzt zu haben. Und bin anschließend schnell zum überzeugten Appleianer geworden. Die schiere Anzahl an Geräten, Programmen oder Speicherlösungen ist einerseits großartig, andererseits kann sie schnell vom Wesentlichen ablenken, fordert Prokrastination geradezu heraus.

Daher habe ich mich für meinen Schreibprozess für eine schlanke, funktionale Lösung entschieden. Ein Mac mini in Verbindung mit einem Monitor, ein MacBook Pro, ein Drucker, iCloud, iPhone und eine möglichst übersichtliche Ordnerstruktur. Flankiert wird die technische Ausstattung von diversen, thematisch sortierten Notizbüchern, unter anderem, weil ich schöne Hefte und das Schreiben per Hand sehr liebe.

Der wichtigste Mosaikstein, den ich während der Arbeit am Roman entdeckt habe, ist allerdings kein technisches Gerät, sondern eine in den Tiefen des Internet gefundene Losung: Wenn Schreiben nach Schreiben klingt, schreib’s nochmal.

Masterclass

Inzwischen wohl bekannt sind die Video-Online-Kurse der Masterclass. Hochwertig inszenierte Anleitungen und Erfahrungsberichte von Schriftstellern wie Salman Rushdie, Margaret Atwood oder Joyce Carol Oates. Für ein einjähriges Abonnement (Mindestlaufzeit) erhält man ab zehn Euro monatlich nicht nur Autoren-Tutorials, sondern auch Prominenten-Vorlesungen aus vielen anderen Disziplinen. Zwar konnte ich aus diesen nur bedingt einen echten Nutzen für das Verfassen meines Romans ziehen, ich würde ein Abo dennoch empfehlen, da die Videos sehr aufwendig produziert und ständig erweitert werden und außerdem unterhaltsam und kurzweilig sind. Zudem machen einem die renommierten Romanciers Mut, und sie geben teilweise lehrreiche Ratschläge.

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