MAC- UND IPHONE-AFFINE BLOGGER IM MAC-LIFE-GESPRÄCH

Blogging 2.0: Interviews aus der Blogosphäre

01.02.10 | 11:56 Uhr - von
(Bild: istockphoto.com, mattjeacock)

Für viele Blogger ist der Mac „die Waffe der Wahl“. Ergänzend zu unserem umfangreichen Blogging-Special in der Mac-Life-Ausgabe 03/2010 haben wir einige bekannte Namen der deutschen Blogosphäre für Sie interviewt. Neben grundsätzlichen Fragen zur Motivation eines „Bloggers“ wurden hierbei auch Mac- und iPhone-spezifische Themen zur Technik hinter einem Blog angesprochen.

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Blogger Jörg Kantel, „Der Schockwellenreiter”

„Ich wollte schon immer mit Alternativen zu den etablierten Medien arbeiten”

Jörg Kantel ist Leiter der EDV-Abteilung des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Er betreibt den Schockwellenreiter, eines der auch für Mac-Nutzer anregendsten, deutschsprachigen Blogs. Dort trägt er seine und andere kritischen Ansichten zu Politik, Macs, Software, Netzen und Wissenschaft zusammen.

Mac Life: Du bloggst schon sehr lange. Seit wann genau und warum?

Jörg Kantel: Meine ersten Blogversuche unternahm vor 10 Jahren, ich am 19. Januar 2000, mit einer frühen Ausgabe des Rollbergs. Es sollte eine Art politisches Magazin im Netz werden und wir wußten damals auch noch nicht, das so etwas „Weblog“ heißt.

»Richtig« zu Bloggen begann ich am 24. April 2000 mit dem »Schockwellenreiter«. Soweit ich weiß, war ich damals das erste deutschsprachige Weblog in Deutschland. Es gab allerdings schon eine Handvoll englischsprachiger Blogs und in Österreich auch schon eine kleine, aber feine deutschsprachige Weblogszene rund um den Österreichischen Rundfunk.

Und warum? Ich wollte immer schon mit Alternativen zu den etablierten Medien arbeiten. So habe ich Stadtteilzeitungen und Fanzines herausgegeben, teilweise mit einer eigenen Druckerei in Berlin-Wedding, habe in der freien Radioszene mitgemischt und – wider besseren Wissens – das Ghetto des Offenen Kanals unsicher gemacht. So war es nur natürlich, daß ich im Netz ein neues Betätigungsfeld sah, das frei von vielen Zwängen der vorherigen Versuche (teuerer Vertriebsweg im Printbereich, illegales Radio, komplizierte, (zeit-) knappe und teure Technik im Offenen Kanal) war. Hier konnte jeder unmittelbar, sofort und ohne Chefredakteur publizieren und das mit einfachsten Mitteln und ohne großes technisches Wissen mitbringen zu müssen.

  • Der Schockwellenreiter

ML: Hast Du mit gleich mit einer eigenen Seite angefangen? Damals gab es ja noch nicht einmal Wordpress als Weblog Publishing System, mit dem Du heute bloggst.

JK: Im ersten Jahr war es gar keine eigene Seite, sondern der Schockwellenreiter wurde bei Dave Winers EditThisPage.com gehostet,
eine Entscheidung, die ich bald bereute -- zumal ich seit ein paar Jahren sowieso schon einen Premium-Account bei Strato hatte. Aber es
gab damals noch keine Software, die ein unkompliziertes Bloggen auf gemietetem Webspace erlaubte. Erst Radio UserLand (ebenfalls von Dave
Winer) gab mir die Möglichkeit. Radio UserLand war eine Art Webserver auf dem Desktop, der statische Weblogseiten auf einen gemieteten Webserver eigener Wahl herausrendern konnte.

Da mir Winers Vermarktungsstrategien damals aber bedenklich vorkamen, habe ich kurz darauf eine eigene Weblogsoftware in Python geschrieben,
im Prinzip nur eine Art Template Toolkit, mit der ich dann den Schockwellenreiter produzierte. Das Schreiben einer eigenen Template Engine scheint übrigens etwas zu sein, was jeder Programmierer in jeder Programmiersprache mindestens einmal durchgemacht haben muß. Nur so sind die tausende von verschiedenen und meist unausgereiften Template Toolkits zu erklären.

Doch schon kurz danach packte mich die Zope-Begeisterung (Zope war ein Python-basiertes Framework, mit dem man sich leicht eigene Web-Programme schreiben konnte) und ich stellte auf COREblog, einem Zope-basierten Weblog-Werkzeug aus Japan um. Dazu brauchte ich einen eigenen Server (die Server-WG) und zum ersten Mal nach meinen Erfahrungen mit EditThisPage wagte ich es auch wieder, mein Blog dynamisch zu produzieren. Ein Fehler, wie sich bald herausstellte, das Serverchen war den großen Belstungen nicht gewachsen und der Zugriff auf mein Weblog daher äußerst lahm.

In der Zwischenzeit hatte Winer jedoch die Software Fronter, mit der damals sowohl EditThisPage als auch Radio UserLand lief und die mir daher sehr vertraut war (auch der frühe Rollberg war schon mit Frontier produziert) als Open Source freigegeben und so habe ich kurzerhand mal wieder eine eigene Weblogsoftware in Frontiers Programmiersprache UserTalk geschrieben und über vier Jahre, von Februar 2005 bis Mai 2009 den Schockwellenreiter damit produziert. Auch diese Software renderte wieder statische Seiten auf meinen gemieteten Webspace heraus und der Zugriff war daher schnell und unkompliziert.

Ja, und seit Mai 2009 arbeite ich nun mit WordPress. Warum? Weil ich einfach mal wieder Lust auf etwas Neues hatte und weil ich glaube, daß
die Serverleistungen mittlerweile so mächtig sind, daß sie den dynamischen Overhead verkraften sollten. Obwohl ... irgendwie unheimlich ist mir das trotz allem. Aber bisher ist ja alles gutgegangen.

ML: Wieviele Leser erreichst Du? Was kostet Dich der Blog (Zeit, Geld)?

JK: Erst einmal: Es heißt »das« Blog. Blog kommt von Weblog, das ist ein Kunstwort aus Web und Logbuch. Und da es »das« Log heißt, heißt es
nach allen Regeln der deutschen Sprache auch »das« Weblog. Aber zurück zur Frage: Zur Zeit hat der Schockwellenreiter monatlich etwa 150.000
Page Views und 80.000 Besucher. Wieviel davon täglich kommen und so Wiederholungstäter sind oder wieviele nur per Zufall über meine Seiten
stolpern, weiß ich nicht – hat mich aber auch nie wirklich interessiert. Die Kosten sind gering. Der Schockwellenreiter läuft auf gemieteten Webspace, der mich etwa 25 Euro im Monat kostet und der keine Traffic-Grenze besitzt.

Natürlich kosten mich meine Webaktivitäten und -Experimente, die ich an anderen Stellen durchführe, auch noch ein paar Euro. Aber das hat erst einmal direkt nichts mit dem Schockwellenreiter zu tun und ist zum anderen auch überschaubar.

Anders sieht es mit dem Zeitaufwand aus. Der ist bei meinem werktäglichen Output von etwa acht bis zehn Meldungen schon ziemlich hoch – zwischen drei und vier Stunden je Werktag. Aber hier habe ich das Glück, daß sich vieles, speziell bei der Recherche, mit meiner beruflichen Tätigkeit überschneidet, so daß auch dies in gerade noch erträglichen Grenzen abläuft. Man muß allerdings schon wirklich begeistert und überzeugt von seiner Blogaktivität sein, um dies tatsächlich konsequent und so lange durchzuhalten.

ML: Bringt Dir das Blog irgendwelche zusätzlichen Einnahmen, Anerkennung, Befriedigung?

JK: Einkünfte durch das Blog haben mich auch nie wirklich interessiert. Ich habe einen interessanten Beruf mit vielen Freiräumen und bin daher nicht
auf Einkünfte aus meinem Weblog angewiesen. Die direkten (Werbe-)Einnahmen sind auch kaum der Rede wert – ich habe mich aber auch nie
wirklich darum gekümmert, ich wollte lieber bloggen –, allerdings habe ich ein paar (bezahlte) Vorträge und auch einen Lehrauftrag akquirieren können, die ich ohne die Popularität meines Weblogs sicher nicht bekommen hätte. Aber auch hier überschneidet sich meine berufliche Tätigkeit an einem Forschungsinstitut mit meinem Hobby, ein Weblog zu führen. Vorträge – wie zum Beispiel „Die Wissenschaft auf Wolke Google” – habe ich sowohl im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit wie auch als Blogger gehalten.

ML: Wie weit erleichtertn der Mac und das iPhone Dein Blogging? Welche Mac-Software setzt Du dazu ein?

JK: Mein damaliges Übertool Frontier war ursprünglich eine reine Mac-Angelegenheit, der Windows-Port kam erst später. Mein Wechsel zu
WordPress war aber auch von der Überlegung getragen, mal so ein nettes, kleines Netbook mit Linux einsetzen zu können und nicht mehr auf reine Mac-Software angewiesen zu sein.

Ansonsten nutze ich sehr intensiv BBEdit als Texteditor und Torsten Lemkes GraphicConverter  – das sind heute die einzigen kommerziellen
Softwarepakete, die meine Macs noch bevölkern, alles andere ist Open Source. Und das meiste davon läuft auch auf allen wichtigen Plattformen. Fürs Bloggen wichtig sind da noch der Cyberduck als SFTP-Client und natürlich Safari und Firefox als Browser. Für die Videobearbeitung und Konvertierung nutze ich, seitdem in meinen Augen iMovie unbedienbar geworden ist, MPEG Streamclip und ffmepgX.

Der Mac ist eher für mich wichtig, weil er mir eine angenehme Arbeitsumgebung bietet, die intuitiv zu bedienen ist und die mich nicht wirklich zwingt, mich mit der darunterliegenden Technik auseinanderzusetzen – obwohl das natürlich auch Spaß machen kann. Aber ich mußte während meiner beruflichen Tätigkeiten bisher schon soviel EDV-Support leisten, dass ich das nicht auch noch unbedingt zu Hause haben möchte.

Das iPhone ist in der Regel für den Kernbereich des Bloggens (ohne Twitter, Posterous oder Facebook) eigentlich nur nützlich, um auch von unterwegs schnell mal ein paar Kommentare freischalten zu können. Aber ich habe auch schon einmal zwei Wochen lang aus dem Sauerland und ganz ohne WLAN-Zugang nur vom iPhone (mit der Hilfe von Posterous) aus gebloggt. Das ging auch, allerdings war der zusätzliche Zeitaufwand schon beachtlich. Das Tippen geht nämlich auf der Winztastatur nicht so flott von der Hand.

ML: Verändert sich das Blogging durch Twitter und Posterous?

JK: Meines zumindest nicht. Twitter und Posterous sind zusätzliche Dienste, die ich in Anspruch nehme, um zum Beispiel auf interessante Blogposts hinzuweisen. Außerdem hat sich meiner Meinung nach die Weblogszene so weit aufgefächert, daß es „den“ Blogger schon lange nicht mehr gibt. Weblogs sind alles, vom persönlichen Tage- oder Notizbuch bis hin zum ambitionierten Magazin (wie zum Beispiel Netzpolitik.org). Und man muß nicht mehr unbedingt bloggen, um im Netz Gehör zu finden. Das ist auch gut so ... Aber wer – wie ich – unbedingt weiter bloggen will, der kann und wird das natürlich auch weiterhin können. Und auch das ist gut so ...

ML: Welchen Tipp hast Du für Blog-Beginner?

JK: Nur einen: Alles, was ich darüber weiß, steht in meinem Buch »Per Anhalter durch das Mitmach-Web. Publizieren im Web 2.0: Von Social
Networks über Weblogs und Wikis zum eigenen Internet-Fernsehsender«. Es ist im letzten Jahr im mitp-Verlag erschienen und kostet 24,95 Euro. Ich habe mir wirklich sehr viel Mühe gegeben, alles einfach und auch mit ein wenig Witz zu beschreiben. Wer dieses Buch kauft und liest, kann danach sofort loslegen. Das haben mir etliche meiner Leser – alles blutige Internet-Anfänger – bestätigt. Ich bin daher auch ein wenig Stolz auf dieses Werk.

ML: Vielen Dank für Deine Geschichte des Bloggens. Das wird unseren Lesern gefallen. Und sicher auch Dein Buch, das wir gerade Einsteigern tatsächlich sehr empfehlen können. Es ist sogar voller Mac-Screenshots …

Das Interview führte Ralf Bindel

Jörg Kantel Jörg Kantel aus Berlin bloggt als „Der Schockwellenreiter“ unter www.schockwellenreiter.de

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