Samsung schaltet Musik- und Video-Dienste klammheimlich ab: Nutzer tragen den Schaden

Vor rund 2 Jahren startete Samsung seine um knapp 10 Jahre verspätete Service-Antwort auf Apple, Google und Amazon, um Kunden durch Mehrwert-Dienste wie Musik, Videos und eBooks zu bedienen. Sämtliche dieser Dienste wurden nun klammheimlich abgeschaltet. Der Konzern äußert sich nicht aktiv, sondern nur auf direkte Anfrage seitens Journalisten und dann aber auch nur typisch vage. Käufer tragen vermutlich den Schaden, doch kaum ein Medium berichtet darüber. Grund genug, sich der Sache mal näher anzunehmen.

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Anfang 2012 hat Samsung den Samsung Music Hub als iTunes-Store-Konkurrenten an den Start gebracht. Er wurde dann im Frühjahr 2013 auf dem Galaxy S4 in den Samsung Hub überführt – die zentrale Anlaufstelle für alle verfügbaren Online-Mediendienste von Samsung. Mithilfe der entsprechenden App gab es einen noch leichteren Zugang zu Movie-Blockbustern, angesagter Musik, lesenswerten E-Books sowie Top-Spielen und sogar Lerninhalten. Auf den meisten anderen Galaxy-Smartphones wurden die einzelnen Hubs dagegen in eigenständigen Bereichen und Apps weitergeführt.

Die Idee hinter den Hubs war weder neu noch spektakulär: Samsung wollte auf den Spuren von Apple in einem großen Kontext zusätzliche Einnahmequellen erschließen und die rasche Verbreitung der eigenen Galaxy-Geräte für den Vertrieb von Medieninhalten nutzen. Bei einem damaligen Marktanteil von über 80 Prozent bei den Android-basierten Smartphones war das auch sicher eine gute Idee. Die Verzahnung der Medieninhalte schloss neben Smartphones auch Tablets und Smart-TVs von Samsung ein.

Die seinerzeit aktuelle Fernbedienungs-App WatchON besaß eine Anbindung an den Video Hub, so wie übrigens auch einige Samsung Smart-TVs. Dadurch konnte man Filme online ausleihen und sie innerhalb eines Zeitfensters anschauen. Die Bezahlung der kostenpflichtigen Inhalte – und das waren die meisten – erfolgte branchenüblich via Kreditkarte beziehungsweise über ein PayPal-Konto oder die Mobilfunkrechnung.

Die große Ernüchterung – ein Hub nach dem anderen schließt

Ein knappes Jahr später war Samsung offensichtlich um die Erkenntnis reicher, dass die eigenen Mehrwertdienste nicht so recht funktionieren wollten. Bis auf die regelmäßigen Promotion-Aktionen mit Gutscheinen für Gratisinhalte wie Musikalben und Filmen waren die Hubs wohl nicht sonderlich gut besucht. Das lag sicher nicht unwesentlich an der Qualität der angebotenen Inhalte – es gab etwa kaum Top-Filme, dafür aber viele nahezu bedeutungslose B- und C-Movies. 

Erschwerend kam hinzu, dass Google den eigenen Play Store just zu der Zeit deutlich überarbeitet und mit neuen Inhalten gefüllt hat – Musik, Videos und E-Books. Nicht auszuschließen ist, dass Google sogar massiv Einfluss auf die Schließung der Samsung-Hubs genommen hat. Eine entsprechende Anfrage an Samsung ergab das nichtssagende Statement „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir weder zu unseren Partnern, noch zu unseren Wettbewerbern eine Stellungnahme abgeben können.“ Ganz abwegig scheint der Einflussnahmeaspekt allerdings nicht zu sein. Denn Google soll seinen Android-Lizenznehmer Samsung bereits wenige Monate zuvor kräftig in die Schranken gewiesen haben. Das auf der CES 2014 vorgestellte neue Oberflächen-Design auf Basis der Android-Architektur für die Pro-Tablets landete nach einem „Gespräch unter Männern“ kurzerhand in der digitalen Mülltonne, so war es aus Insiderkreisen zu hören.

Der sanfte Druck von Google war wohl ein Grund für Samsung, seine Mehrwertdienste einzustellen. Obwohl Samsung nie Nutzerzahlen veröffentlicht hat, kann man davon ausgehen, dass es überdies um den finanziellen Erfolg nicht sonderlich gut bestellt war.

Was ist mit den erworbenen Medien-Inhalten?

Der ein oder andere Galaxy-Nutzer wird sich dennoch in den Hubs verirrt haben. Gleich, ob man ein Gratis-Musikalbum oder einen kostenlosen Film geladen beziehungsweise sogar dafür bezahlt hat – was ist mit den Inhalten nach der Schließung der Hubs eigentlich passiert?

Wir haben bereits im vergangenen Jahr bei Samsung nachgefragt, wie Nutzer neuerer Galaxy-Smartphones an Medieninhalte gelangen, die sie etwa auf dem Galaxy S4 bei Samsung gekauft haben? Denn auf dem Galaxy S5 war das entsprechende Icon für den Samsung-Hub verschwunden, eine Zugriffsmöglichkeit fehlte. Was war da los? Wir haben bei der Samsung-Pressestelle angefragt, zwei Wochen später kam ein offizielles Statement:

Nutzer, die bereits Inhalte im Samsung Hub erworben haben, können ihre Inhalte entweder erneut herunterladen oder erhalten einen Gutschein. Beispielsweise stehen Spiele zum erneuten Download unter Samsung Apps bereit, Musikinhalte können die Nutzer über die App unseres Partners 7Digital auf ihr neues Gerät laden. Auch eine Übertragung von Musikinhalten per Backup-Funktion ist möglich. Für Inhalte, die aufgrund von Lizenz- und Kompatibilitätsbeschränkungen nicht übertragen werden können, wie z. B. Videos, eBooks und Lerninhalte, erhalten die Nutzer einen Gutschein. --- Samsung

Am 25. Juni 2014 machte es Samsung dann mit einer E-Mail offiziell:

Samsung Music ist ab 1. Juli 2014 nicht mehr verfügbar. Ab diesem Datum stehen die Musikdateien Ihrer Samsung Music-Bibliothek nicht mehr zum Download zur Verfügung. Laden Sie daher alle gekauften Musikdateien von Samsung Hub herunter und lösen Sie restliche Gutscheine für Samsung Music vor dem 1. Juli 2014 ein. Als Alternative bieten wir Google Play Music an, einen neuen interessanten Musikdienst, der Ihnen unserer Meinung nach neue Musikerlebnisse mit Samsung-Produkten bietet. --- Samsung

Tatsächlich wurde Samsung Music dann zum 31. Juli 2014 eingestellt. Wer das Herunterladen innerhalb des angegebenen Zeitfensters versäumt hat, schaute in die Röhre. Und wer keine Zugriffsmöglichkeit (mehr) auf den Musikdienst hatte, musste sein legal erworbenen Musikarchiv ebenfalls abschreiben. Die Domain www.musichub.com wurde abgeschaltet.

Bis Ende 2014 – also etwas länger – hielt der Videodienst von Samsung durch. Um seine Inhalte vor der Abschaltung zu retten, mussten die betreffenden Videos zur Freischaltung mindestens 30 Sekunden lang angespielt werden. Im Anschluss wurden die Videodateien lokal in der Videothek unter „Eigenen Dateien“ auf dem Smartphone beziehungsweise Tablet abgelegt. Ein durchaus aufwendiges Prozedere, das natürlich auch noch ausreichend Speicherplatz auf dem Zielgerät voraussetzte.

Der Book-Store von Samsung wurde in das Projekt „Kindle for Samsung“ mit Amazon transformiert. Eine entsprechende App steht zur Verfügung. Der Hinweis von Samsung:

Für Fragen zu Büchern welche Sie zuvor auf Samsung Books gekauft haben, wenden Sie sich bitte an den Kunden-Support“. Nicht gerade kundenfreundlich – gut, wenn man keine Bücher bei Samsung gekauft hat. Denn auf der genannten Webseite findet sich zum Punkt „Was geschieht mit dem Dienst nach dem 30. Juni 2014?“ der schon fast freche Hinweis „Der Samsung Books-Dienst wird zum 01. Juli eingestellt. Danach ist Samsung Books nicht länger verfügbar. Inhalte können dann nicht mehr heruntergeladen oder wiedergegeben werden. --- Samsung

Und was ist nun mit den Inhalten? Also doch Mail schreiben oder anrufen – zuviel Aufwand für unseren Geschmack. Das werden sich sicher auch viele Samsung-Book-Store-Kunden gedacht haben und haben die Sache nicht weiter verfolgt.

Für Samsung-Verhältnisse recht unkompliziert ging es bei den Spielen vonstatten. Die wurden aus dem Spiele-Hub in Samsung-Apps umgeparkt und stehen dort weiterhin zur Verfügung.

Es bleibt ein fader Beigeschmack

Interessant ist, wie Samsung sein Problem „Samsung Hub“ nach der Abschaltung der Dienste auf den betroffenen Geräten aus der Welt schafft. Erst wird die korrespondierende App nach dem Aufruf aktualisiert, dann folgen Hinweise zur Einstellung der Dienste und ein Neustart. Der führt schnurstracks in den Google Play Store – das Icon für den Samsung Hub wird automatisch gelöscht. Somit ist der Samsung Hub endgültig Geschichte und wird allenfalls die Samsung-Finanzabteilung beschäftigen, die offensichtlich hohe Millionenbeträge abschreiben muss.

Unterm Strich ist das Vorgehen von Samsung insgesamt alles andere als kundenfreundlich, weil man die Galaxy-Nutzer in die Pflicht nimmt, sich gefälligst selbst um ihre Inhalte zu kümmern. Bei einigen wenigen Liedern, Filmen und E-Books mag das noch halbwegs in Ordnung gehen, nicht aber bei umfangreichen Sammlungen. Und wer zu spät kommt, den bestraft nicht das Leben, sondern Samsung. Was weg ist, ist weg – verschwunden im digitalen Orkus.

Fazit

Gut, dass man Chat-Protokolle für gewöhnlich nicht mehr benötigt. Denn auch seinen hauseigenen Messenger ChatON hat Samsung außerhalb von Amerika kalt gestellt. Auch für ChatON hat man aus vollen Rohren Marketing-Gelder rausgeblasen, das Thema stand vor gar nicht langer Zeit recht weit oben auf der Prioritätenliste. Warum man einen Dienst mit angeblich über 100 Millionen Nutzern dann auf den US-amerikanischen Markt reduziert, bleibt unklar. Aber eines lehrt uns die Vergangenheit ¬– verstehen muss man bei Samsung vieles nicht.

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