DESKTOPSYNTHESIZER

Test: AI Tinysizer

Beat 708.2011 - von Henning Schonvogel

Tinysizer

Bewertung:
sehr gut (6.0)
Preis: 1299 Euro
Hersteller: Anyware Instruments
Alternative: MFB Kraftzwerg 555 Euro www.mfberlin.de Doepfer Dark Energy 398 Euro www.doepfer.de
hochwertiger Sound
vielseitige Oszillatoren und Filter
zahlreiche Modulationsquellen
erstklassige Baugruppen
350 Patchpunkte
kompakte Maße
Schwanenhalslampe
Störgeräusche durch Litzenbewegungen
Eckdaten:
• zwei Oszillatoren
• drei Suboszillatoren
• Waveform-Prozessor
• zwei Slew-Limiter
• Ringmodulator
• Multimode-Filter
• zwei ADSR-Hüllkurven
• drei LFOs
• Envelope-Follower
• Sample & Hold
• Delay und Reverb-Effekte
• vier VCAs
• zwei Mixer, drei Multiples
• CV-MIDI-Interface
• elf Audioein- und -Ausgänge

In den letzten Jahren konnte man einen klaren Trend zu Desktopsynthesizern beobachten, denen sich nur Modularsysteme widersetzten. Passen diese mit dem Tinysizer nun doch in eine Tasche?

Neben hochwertigem Sound und weitreichender Klangformung zeichnen sich Modularsynthesizer vor allem durch stattliche Maße und sattes Gewicht aus. Der Transport fällt damit je nach Umfang schwer und ist alleine in der Regel nicht zu bewältigen. Dieser Hürde möchte der Tinysizer entgegenwirken, ein komplettes Modularsystem im Laptop-Format. Größe und Verarbeitung können bereits bei der ersten Berührung überzeugen, wie aber ist es um Bedienung und Klang bestellt?

Sanfte Schwingungen

Die Oszillatoren basieren auf der Schaltung des Oberheim SEM-Synthesizers. Dieser ist für seinen sanften Klangcharakter bekannt, der sich auch im Tinysizer schnell bemerkbar macht. So klingen beide VCOs zwar dick und rund, aber kaum aggressiv, eine ideale Grundlage für vielseitige Weiterverarbeitungen. Die Palette an Wellenformen wirkt zunächst eher reduziert. Lediglich Rechteck- und Sägezahn können pro Instanz abgegriffen werden, ein Umstand, der sich dank des Waveform-Prozessors aber schnell in Wohlgefallen auflöst. Denn dieser erlaubt Veränderungen der Obertonstruktur, womit neben weiteren Standardwellen auch komplexere Formen möglich werden.

Weiterhin sind neben (Fein-)Stimmung auch FM- und Sync-Funktionen an Bord, ebenso wie zwei Slew-Limiter für Glide-Effekte. An den zweiten VCO angeschlossen finden sich drei Suboszillatoren, die ein bis zwei Oktaven tiefer spielen. Generatoren für Weißes und Rosa Rauschen runden die Klangerzeugung ab.

Subtraktives Vergnügen

Die Filtersektion ist ebenfalls stark an den SEM angelehnt. Im Gegensatz zum Vorbild geht die Schaltung bei hohen Eingangspegeln und Resonanzeinstellungen allerdings härter zu Werke, was dem Klangspektrum sehr zugute kommt. Neben eher schmeichelnden Eingriffen können Signale so auch gezielt mit ein wenig Overdrive versehen werden, Eigenoszillation durch hohe Resonanzwerte ist ebenfalls möglich. Das Filter arbeitet mit einer Flankensteilheit von 12 dB pro Oktave, Tief-, Hoch- und Bandpasscharakteristik sind separat abgreifbar. Im Test war die Filterschaltung neben den VCOs das größte Highlight und kann ohne Übertreibung als gelungene Weiterentwicklung des bekannten Oberheimsounds angesehen werden.

Mehr Bewegung

In puncto Modulation stellt der Tinysizer zwei Hüllkurven im ADSR-Format, drei LFOs, eine Sample-&-Hold-Stufe sowie einen Instrumenteneingang mit angeschlossenem Envelope-Follower bereit. Die Hüllkurven bieten zwei Grundgeschwindigkeiten, womit sich auch perkussives Klanggut umsetzen lässt. Die LFOs kommen ebenfalls in zwei Varianten daher. Während die ersten beiden mit Sägezahn, Dreieck und Rechteck sowie Sync- und Reset-Funktionen ausgestattet sind, fehlt der dritten Instanz der Sägezahn. Sie wartet dafür aber mit einem FM-CV-Eingang auf. Die Geschwindigkeit der LFOs lässt sich von rund 2,5 Minuten bis weit in den hörbaren Bereich regeln, genug um neben Klangverläufen auch Frequenzmodulationen zu erstellen. Sämtliche Modulationsquellen bieten zusätzlich invertierte Ausgänge, was die Flexibilität verdoppelt.

Stecken und Schrauben

Die weiteren Bearbeitungsstufen umfassen einen Ringmodulator, zwei Mixer sowie vier Verstärker, zudem sind ein Delay- sowie ein Halleffekt mit von der Partie. Verbindung zur DAW findet das Gerät mittels umfangreichem MIDI-CV-Interface, das sogar per PC-Editor bearbeitet werden kann. Wirklich einzigartig ist das Stecksystem zum Verbinden einzelner Baugruppen. Während herkömmliche Modularsysteme zumeist auf große oder kleine Klinkenbuchsen setzen, werden hier einfache Lötlitzen als Kabel verwendet. Dieses Konzept ermöglicht den winzigen Formfaktor und funktioniert in der Praxis erstaunlich gut. Flüssiges Arbeiten ist bereits nach wenigen Minuten möglich, die Anzahl an Konnektoren ist mit 350 Patchpunkten großzügig ausgelegt. Jeder Ein- und Ausgang steht mindestens zweimal zur Verfügung, drei Multiples erweitern das Steckvergnügen weiter. Einen kleinen Haken hat das Konzept dennoch: Da man bei wilden Schrauborgien relativ leicht an die eingesteckten Litzen stößt, führt das schnell zu kleinen Störgeräuschen. Mit ein wenig Disziplin lässt sich dieses Problem aber auf ein Minimum reduzieren. Für optimale Übersicht ist zu guter Letzt eine Schwanenhalslampe im Lieferumfang enthalten, die an das Gerät angesteckt werden kann.

Fazit

Mit dem Tinysizer hat Anyware Instruments einen wirklich außergewöhnlichen Klangboliden geschaffen, der sich in Ausstattung und Sound nicht hinter großen Systemen zu verstecken braucht und klanglich etwa Curetronic oder Doepfer auf Augenhöhe begegnet. Der Synthesizer ist dank einprägsamem Sound eine ideale Spielwiese sowohl für Einsteiger als auch für erfahrene Soundtüftler – zu einem durchaus fairen Preis.

 

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