Test: John Bowen Solaris

Beat 708.2012 - von Henning Schonvogel

Solaris

Bewertung:
sehr gut (6.0)
Preis: 3590 Euro
Hersteller: John Bowen
Alternative: Arturia Origin Keyboard 2990 Euro, Radical Technologies Accelerator 1998 Euro, Roland Jupiter-80 3925 Euro
absolut hochwertiger Aufbau
durchdachte Bedienoberfläche
abwechslungsreiche Wellenformen
viele Filtermodelle
Routing frei wählbar
außergewöhnlich viele Modulationsquellen
externe Audio- und Steuersignale
viele Parameter modulierbar
durchsetzungsfähiger Sound
kompromisslose Klangqualität
gute Auswahl an Controllern
Eckdaten:
• VA-Synthesizer mit sechs DSPs
• vier Oszillatoren und zwei Rotoren
• AM-Modulatoren
• vier Filter
• vier Mixer
• zwei Vectormixer
• sechs DADSR-Hüllkurven
• loopbare Multistage-Hüllkurve
• fünf LFOs
• Arpeggiator
• vierspuriger Sequenzer
• vier Lag-Prozessoren
• Insert- und Send-Effekte
• 61-Tasten-Keyboard

 

Der Name John Bowen ist unter Synthesizerfreunden schon lange bekannt. Bereits in den Achtzigerjahren entwickelte er erfolgreiche Instrumente, darunter den Sequential Prophet VS oder Korgs Wavestation. Nun möchte Herr Bowen mit dem Solaris sein Meisterstück vorstellen, einen virtuell analogen Klangerzeuger, der die Flexibilität eines Modularsystems bietet. Verschiedene Arten von Oszillatoren und Filtern sollen unterschiedliche Klangcharakteristika kombinieren lassen und dank sechs leistungsfähiger DSPs ist Polyphonie auch bei komplexen Verschaltungen stets gegeben. Solche Features ließen die Musikergemeinde schnell hellhörig werden, das Erscheinungsdatum wurde über die letzten Jahre allerdings immer wieder verschoben. Nun ist der Solaris endlich verfügbar, die Spannung steigt. Hat John Bowen hier wirklich eine einzigartige Kombination aus Flexibilität und Klangqualität geschaffen?

 

Irgendwie anders

Bereits optisch unterscheidet sich der Solaris deutlich von anderen VA-Synthesizern. Diese besitzen meist nur ein Display, das Gerät aus dem Hause Bowen bietet hingegen ganze sechs LCDs. Jedes ist einem oder mehreren Funktionsbereichen zum Beispiel den Oszillatoren, Mixern und Insert-Effekten oder den Hüllkurven zugeordnet. Darunter befinden sich Endlosencoder, welche die Bearbeitung der gerade angezeigten Parameter übernehmen. Zusätzlich steht ein großes Datenrad bereit, die Auflösung sämtlicher Drehregler kann wahlweise grob oder feinfühlig verlaufen. Weiterhin ist eine große Anzahl an Tastern verbaut, mit denen einzelne Instanzen virtueller Baugruppen und verschiedene Edit-Seiten ausgewählt werden können. Direktes Spielen ist mit einer 61 Tasten umfassende Klaviatur mit Anschlagdynamik und Aftertouch möglich. Zusätzlich steht ein vielseitig einsetzbarer Ribbon Controller bereit. Pitch- und Modulationsrad sowie ein Joystick runden die Auswahl an Bedienelementen ab, hier dürfte für jede Anwendung das Richtige dabei sein. Die Anschlüsse sind gleichsam vielfältig. MIDI-Daten können per DIN-Trio oder USB empfangen oder gesendet werden. Acht 6,3-mm-Klinkenbuchsen dienen der Ausgabe von Summen- oder Teilsignalen. Über vier Eingänge gleichen Formats lässt sich nicht nur Audiomaterial an den Solaris senden, auch CV-Steuerspannungen von modularem Equipment sind verwertbar. Ein erstes wirklich einzigartiges Feature, das den Synthesizer auch für Analogfreaks interessant macht. Die digitale Seite bedient eine S/PDIF-Schnittstelle, zu guter Letzt sind auch Pedalbuchsen mit von der Partie.

 

Groß aber klein

Mit 98 mal 42 mal 15 Zentimetern ist der Solaris ein ausgewachsenes Instrument, das zudem satte 15 Kilo auf die Waage bringt. Im Gegensatz zu seinen analogen Kollegen wirkt die Neuerscheinung trotzdem fast schon zwergenhaft, ein ähnlich ausgestattetes Modularsystem würde wesentlich sperriger ausfallen.

Zur grundlegenden Klangerzeugung stehen vier Oszillatoren bereit. Hierfür lassen sich nicht nur verschiedene Wellenformen, sondern auch Klangcharakteristika auswählen. Die VA-Seite wird durch Emulationen von Minimoog und dem CEM-Curtis-Chip abgedeckt, der in vielen klassischen Analogboliden verbaut wurde. Beide bringen typischen Vintage-Sound mit, wobei die Schwingungen nach Vorbild des Moog von Natur aus brachialer und fetter daherkommen. Als Ergänzung ist zudem ein hauseigener Multi-Mode-Oszillator an Bord. Er klingt wesentlich aufgeräumter, neben einer großen Anzahl Standardwellen sind hier auch eine Supersaw sowie zwei Morph-Varianten anwählbar. Digitale Sounds können mit 64 Wavetables aus Waldorfs Microwave-Synthesizer sowie 94 Schwingungen vom Prophet VS gleichsam leicht realisiert werden. Zu guter Letzt ist auch die Verwendung von Samples möglich, das Einladen erfolgt via CF-Karte.

Derzeit ist diese Funktion zwar noch mit etwas Arbeit verbunden, ein entsprechender Editor befindet sich aber bereits in Planung. Als Zusatz sind weiterhin Rauschgeneratoren und zwei sogenannte Rotoren zu vermelden, die vier Wellenformen verketten beziehungsweise überblenden können. Speziell für experimentelle Sounds eine super Ergänzung. Die Parameterauswahl sämtlicher Bausteine ist üppig und steht spezialisierten Synthesizern in nichts nach. Mittels AM-Modulatoren sind auch einfache FM-Experimente machbar. Der Klangqualität können wir nur Bestnoten ausstellen. Abgesehen von beabsichtigten Ungereimtheiten der Vintage-Oszillatoren ist der Sound des Solaris glasklar und hochauflösend. Besonders der Bassbereich weiß zu brillieren, kaum ein anderer VA-Klangerzeuger bringt nach Meinung der Redaktion so volle Bässe hervor.

 

Los geht’s

Als erste Verarbeitungsstufe durchlaufen Klangerzeugung und externe Eingänge einen oder mehrere Mixer. Die Verschaltung kann völlig beliebig erfolgen, bis zu vier Instanzen sind nutzbar. Zusätzlich stehen zwei Vector-Mixer bereit, die per Joystick beziehungsweise X- und Y-Achse Überblendungen nach Art des Prophet VS erlauben. Dank Feedback-Wegen lässt sich der weitere Signalfluss frei wählen. Auch die Rückführung in bereits durchlaufene Stufen ist möglich. Hier sollte man allerdings sehr vorsichtig arbeiten, denn hohe Pegel summieren sich schnell auf. In geringen Dosen können aber schöne Sättigungseffekte erzeugt werden.

Die Filter sind abermals in verschiedenen klanglichen „Geschmacksrichtungen“ verfügbar. Neben Multi-Mode- und Moog-Varianten finden sich hier Emulationen alter Oberheim- und SSM-Schaltungen, weiterhin sind Kamm- und Vocal-Filter integriert. Die Klangqualität ist abermals über jeden Zweifel erhaben, von klassischen Sounds über neuartige VA-Kreationen bis hin zu abgefahrenen Spezialeffekten kann jeder Anspruch leicht befriedigt werden. Allein die Multi-Mode-Sektion enthält ganze 23 Filtertypen und Kombinationen. Neben Standards sind auch Allpass-Modelle inkludiert. Durch serielle und parallele Verschaltungen lassen sich unglaublich lebendige Klangverläufe erzeugen, integrierte Verstärker machen bereits hier erste Pegelmodulationen möglich.

Inserteffekte können vor oder hinter die Filter geschaltet werden. Zur Auswahl stehen Decimator, Bitchopper oder Verzerrer. Neben der Verwendung für typische LoFi-Klänge wussten sie vor allem in Verbindung mit Vowel- und Kammfilter zu begeistern, da sich so sehr intensive Klangfärbungen realisieren lassen. Natürlich sind auch dedizierte Verstärkersektionen im Solaris enthalten, finale Klänge können zudem mit Send-Effekten veredelt werden. Vier Effektwege stehen hierfür bereit, die Auswahl an Algorithmen umfasst einen Chorus beziehungsweise Flanger, Phaser und Echo sowie einen Equalizer.

 

Bewegung

Natürlich wäre der Solaris nicht komplett, hätte er nicht auch eine umfassende Auswahl an Modulatoren im Programm. Hier sind zunächst fünf LFOs zu nennen, wobei eine Instanz speziell auf Vibratos ausgelegt ist. Ihre Frequenz reicht bis in den hörbaren Bereich hinein, die Wellenformen decken alle üblichen Spielarten ab. Lag-Prozessoren erlauben das Glätten von Steuerspannungen, sechs Hüllkurven mit DADSR-Charakteristik liefern weitere Klangverläufe. Die Attack-Zeit ist knackig genug, um auch perkussive Sounds zu gestalten. Komplexe Veränderungen sind mithilfe einer loopbaren Multistage-Variante und einem vierspurigen Sequenzer ebenfalls möglich. Letzterer kann auch für Notenwerte gebraucht werden, die maximale Länge beträgt 16 Schritte. Das Tempo lässt sich intern einstellen oder per MIDI-Clock bestimmen, eine Tap-Funktion soll in einem Firmware-Update nachgeliefert werden. Als weitere Spielhilfe ist ein Arpeggiator vorhanden. Dieser erweist sich zwar als gut ausgebaut, an aufwendige Phrasen-Rekorder gängiger Workstations kommt er trotzdem nicht heran. Dieser Umstand tut dem Solaris aber keinen Abbruch, da er nicht primär auf die Simulation akustischer Instrumente getrimmt ist. Speziell für externe Eingangssignale dürfte schließlich der Envelope-Follower sehr interessant sein. Wem diese Auswahl nicht ausreicht, kann auch analoge Steuerspannungen im Solaris nutzen.

 

Fazit

Mit dem Solaris hat John Bowen ein echtes Ausnahmeinstrument geschaffen. Der Formfaktor ist vielleicht nicht geeignet, um ihn immer und überall dabei zu haben, im Gegensatz zu seinen analogen Brüdern erscheint er trotzdem durchaus handlich. Die Auswahl an Funktionsgruppen dürfte auch Hardcore-Schrauber voll zufriedenstellen, die Bedienung ist trotz der knapp 1300 verfügbarer Parameter sehr einfach. Die (digitale) Klangqualität kann vom Start weg mit großem Detailreichtum begeistern. Im Gegensatz zu manch anderen VA-Synthesizern ist Aliasing hier nicht zu hören. Speziell der Bassbereich präsentiert sich außerordentlich wuchtig. Dank der schier grenzenlosen Modulationsmöglichkeiten lassen sich auch wunderschön wabernde Flächen in Windeseile erzeugen. Leads und Effektsounds sind gleichsam in riesigem Umfang machbar. Die Polyphonie sackt auch bei komplexen Verschaltungen und Unison-Modus nie unter zehn Stimmen. Spätestens hier hängt der Solaris alle digitalen Mitbewerber gnadenlos ab. Der hohe Preis scheint damit durchaus gerechtfertigt. Wer über die entsprechenden Mittel verfügt, kann also hemmungslos zugreifen.

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