Carl Icahns Apple-Investment: Segen oder Fluch?

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Quelle: https://www.maclife.de/panorama/leute/kolumnen/carl-icahns-apple-investment-segen-oder-fluch

Autor: Nils Jacobsen

Datum: 19.08.13 - 10:05 Uhr

Carl Icahns Apple-Investment: Segen oder Fluch?



Was für einen Unterschied nicht mal 140 Zeichen machen können: Der Tweet des Star-Investors Carl Icahn, „eine große Position“ in Apple zu halten, sorgte vergangene Woche für eine regelrechte Kursexplosion bei Apple. Der iKonzern legte binnen nur dreier Handelstage um 50 Dollar zu und hat erstmals seit Januar die 500 Dollar-Marke zurückerobert. Doch wie nachhaltig ist der Kurssprung?

Plötzlich schien Apples verheißungsvoller Sommerrallye die Luft auszugehen. Kryptische Spekulationen, sogar der eigene Aufsichtsrat sei über die Innovationsgeschwindigkeit des Jobs’-Nachfolgers Tim Cook besorgt, zirkulierten Ende der vorvergangenen Woche – wohlgemerkt, von Fox News initiiert, das nicht unbedingt als beste Quelle für die IT-Branche bekannt ist.

Ausgerechnet der Jobs-Vertraute Larry Ellison prophezeite Apple tags darauf ohne seinen ikonischen Gründer eine ziemlich problematische Zukunft. Es reichte, um den Höhenflug, den die Apple-Aktie seit den Juni-Quartalszahlen aufgenommen hatte, erst mal zu stoppen. Sollte der vierte Anlauf über die 450-Dollarmarke binnen sechs Monaten erneut scheitern?

Investoren-Legende Carl Icahn hält große Position in Apple

Dann sickerten die an Sicherheit grenzenden Spekulationen durch, das iPhone-Event würde am 10. September stattfinden und sorgten für neue Zuversicht. Die eigentlich frohe Kunde für Apple-Aktionäre, die zumindest eine sechsmonatige Leidenszeit beenden sollte, war ganze 136 Zeichen lang und verbreitete sich am vergangenen Dienstag um 14:21 Uhr Ostküstenzeit wie ein Lauffeuer: „Wir haben aktuell eine große Position in APPLE. Wir glauben, dass das Unternehmen extrem unterbewertet ist. Habe mit Tim Cook gesprochen. Mehr in Kürze.“ Versendet von: Carl_C_Icahn an seine 65.000 Follower. Carl C. Icahn? Ist nach Warren Buffett der wohl größte US-Investor der Gegenwart.

Der inzwischen 77-Jährige ist eine lebende Legende: Icahn ist das heimliche Vorbild des Finanzhais Gordon Gekko im Klassiker „Wall Street“ – ein Finanzjongleur der alten Schule, der milliardenschwere Wetten eingeht und dabei den Infight mit Konzernchefs nicht scheut.

Icahn: „Apple ist extrem unterbewertet“

Für Apple könnte das Icahn-Investment ein Segen und Fluch zugleich sein. Die positive Note ist unverkennbar: Einer der smartesten Anleger der vergangenen 50 Jahre, der es mit seinen Spekulationen auf ein Vermögen von mehr als 12,5 Milliarden Dollar gebracht hat, hält den inzwischen wieder mit Abstand wertvollsten Konzern der Welt für „extrem unterbewertet“.

Icahns Investment ist der Ritterschlag, der der angeschlagenen Apple-Aktie das ganze problematische Börsenjahr 2013 über gefehlt hat. Icahns Anlagehistorie spricht für den Börsenaltmeister: Erst im vergangenen Jahr las Icahn auf Empfehlung seines Sohnes den abgestürzten US-Streaming-Anbieter Netflix zu Kursen von 50 Dollar auf. Kurse heute: mehr als 250 Dollar. Carl Icahn bewies einmal mehr Stockpicker-Qualitäten.

„Apple sollte zumindest bei 625 Dollar notieren“

Wiederholt sich die Geschichte, stünde der Apple-Aktie erhebliches Aufwärtspotenzial bevor. Genau das hatte Icahn dann auch schnell ausgemacht. „Apple sollte zumindest bei 625 Dollar notieren“, erklärte der Multimilliardär der Nachrichtenagentur Reuters. Warum? Allein aus der Möglichkeit heraus, Aktienrückkäufe im Wert von 150 Milliarden Dollar zu stemmen – und sei es mit Hilfe des Anleihemarktes bei einer Verzinsung von nur 3 Prozent.

An dieser Stelle zeigt der Groß-Investor Icahn indes sein anderes Gesicht: Nicht die Aussicht auf das nächste „one more thing“ hat den Multimilliardär zum Einstieg in den iPhone-Hersteller bewogen, sondern das günstige Chance-Risiko-Profil eines Unternehmens, das weiter über Barreserven von 150 Milliarden Dollar verfügt – und damit so viel wie kein anderer Konzern der Welt.

Spektakuläre, aber auch geräuschvolle Konzernbeteiligungen

Wie sooft in der Vergangenheit sucht der Corporate Raider Icahn offenbar auch bei Apple die renditeträchtigste Verwendung des Tafelsilbers. Wie unsentimental Icahn dabei auch mit dem Management von Aktiengesellschaften umgeht, in die er in großem Stil investiert hat, haben die Vorstände von Dell, Yahoo, Motorola, Time Warner und TWA erlebt.

Icahn kauft sich mit seinen Anteilen Einfluss – und versucht das Unternehmen danach im Sinne der Kapitalmärkte entsprechend umzubauen. Völlig unsentimental ringt Icahn etwa seit Monaten mit Michael Dell um dessen Lebenswerk. Die Washington-Weisheit “Wenn Du einen Freund brauchst, kauf Dir einen Hund“, soll tatsächlich auf den knorrigen 77-Jährigen zurückgehen.

„Ein nettes Gespräch mit Tim Cook“

Insofern sollte sich Tim Cook nach den warmen Worten zum Einstieg eher keine Illusionen über ein herzliches Verhältnis zu seinem neuen Groß-Investor machen. Für Icahn gibt es eine einzige Währung, die zählt: Rendite, Rendite, Rendite. Steigt die Apple-Aktie stetig weiter, feiern Cook und Icahn gemeinsam eine rauschende Börsenparty.

Aber wehe, der iPhone-Hersteller schwächelt in den kommenden Monaten an der Wall Street wie im vergangenen halben Jahr. Vergleiche, wie sie Larry Ellison eher verklausuliert und mit Respekt vor dem früheren, aber auch heutigen Apple-CEO formuliert hat („Cook ist ein guter CEO“), dürften dann noch die höflichsten Zeichen von Ansporn sein – eine Nachfolge-Debatte könnte stattdessen dann von eigenen Großinvestoren befeuert werden.

Carl Icahns Apple-Investment ist insofern eine ziemlich ambivalente Angelegenheit: So sehr es die Wall Street elektrisiert und die Aktie beflügelt, so sehr erhöht es auch den Druck auf Tim Cook. „Ein nettes Gespräch“, habe Icahn mit dem Apple-Chef gehabt, teilte der Großinvestor in seinem zweiten Tweet mit. Ob Steve Jobs für Icahn den Telefonhörer überhaupt abgenommen hätte, erscheint höchst fraglich.