AAPL unter $400: Die Wall Street hat Apple aufgegeben | Mac Life

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Autor: Nils Jacobsen

Datum: 28.06.13 - 12:43 Uhr

AAPL unter $400: Die Wall Street hat Apple aufgegeben

Das erste Börsenhalbjahr 2013 ist zu Ende: Für Apple-Aktionäre fällt die Bilanz desaströs aus. Um fast 140 Dollar oder 26 Prozent liegt die Apple-Aktie seit Januar hinten – und das in einem deutlich steigenden Marktumfeld. Tatsächlich befindet sich AAPL nun schon seit neun Monaten im scharfen Abwärtstrend: Die letzten drei Quartale endeten alle im Minus, nicht mal die 400-Dollarmarke hat gehalten. Wie konnte Apple nur so brutal abstürzen?

Minus, Minus, Minus: Auch in diesem Quartal wie im Gesamthalbjahr 2013 müssen Apple-Aktionäre mit ihrem Investment Kursverluste im zweistelligen Prozentbereich hinnehmen. Die Aktie sinkt tiefer und tiefer und tiefer. Wie ein angeschlagener Boxer, der nichts mehr entgegenzusetzen hat und um den finalen Knockout bettelt, steckt das Papier seit nunmehr neun Monaten Schlag für Schlag ein. In neun der letzten zehn Handelstage kam die Apple-Aktie unter den Hammer. Der Zugewinn des einzigen Plus-Tages: 9 Cents höhere Kurse als am Vortag.

Das Ausmaß von Apples Absturz ist so tragisch wie historisch: Seit über einer Dekade ist Apple nicht mehr so drastisch und vor allem nachhaltig abgestürzt wie in den vergangenen neun Monaten. Bei 705 Dollar markierte Apple noch am 21. September sein Allzeithoch, symbolischerweise am Tag des iPhone 5 Launchs: Es sind Kurse wie aus einer anderen Zeit – Kurse, die Apple vermutlich niemals wieder sehen wird.

Börsenwert: 250 Milliarden Dollar Vorsprung verspielt

Seit den Allzeithochs ist nichts mehr, wie es war. Auch den Titel des wertvollsten Konzerns der Welt hat Apple im Zuge seiner erdrutschartigen Verluste wieder an Exxon hergeben müssen – vor neun Monaten lag Apple noch mit 250 Milliarden Dollar Börsenwert vor dem Ölmulti und war mit einer Marktkapitalisierung von 665 Milliarden Dollar gar so wertvoll wie kein anderer Konzern in der Wirtschaftsgeschichte.

Und ein Ende des Apple-Absturzes an der Börse ist immer noch nicht in Sicht. Tatsächlich ist Apple das fragwürdige Kunststück gelungen, nunmehr drei der letzten Quartale in Folge im Minus zu beenden. Von Kursen um 700 Dollar stürzte die Aktie im vierten Quartal krachend auf 532 Dollar ab. Im ersten Quartal setzte sich der Aderlass ungebremst auf 441 Dollar fort.

Und nicht mal in den vergangenen drei Monaten, in denen Tim Cook mit einem gigantischen Aktienrückkaufsprogramm in Höhe von 60 Milliarden Dollar die größte Stützungsaktion der Wirtschaftsgeschichte initiierte, konnte der Abwärtstrend gestoppt werden. Apple fiel diese Woche sogar wieder unter die 400-Dollarmarke und ist bei 393 Dollar nunmehr von den Jahrestiefs im April bei 385 Dollar nur einen weiteren schwachen Handelstag entfernt. Als Investment scheint Apple an der Wall Street inzwischen vollkommen verbrannt.

Samsung liefert, Apple seit Oktober 2012 ohne neue Produkte

Alles läuft seit neun Monaten gegen Cupertino. Die Gewinne brechen dramatisch ein, die Konkurrenz aus Asien, allen voran Samsung, setzt den Trend und vergrößert seine Marktanteile immer weiter – Apple fällt von Quartal zu Quartal zurück. Das liegt vor allem daran, dass Apple einfach keine Produkte zu bieten und den Phablet-Trend verpasst hat. Wieso kann Samsung im selben Zeitraum seine Absätze verdoppeln, während Apples iPhone-Verkäufe fast stagnieren?

Wieso zücken die Südkoreaner alle drei Monate neue Produkte aus dem Zylinder und bringen scheinbar spielerisch in viel schnelleren Abständen neue Smartphone-, Tablet, Ultrabook-Modelle und sogar Innovationen wie eine Systemkamera mit mobilem Betriebssystem und LTE-Verbindung auf den Markt, während Apple seit 250 Tagen mit Ausnahme eines MacBook-Upgrades einfach nichts Neues mehr präsentieren kann?

Doch das ist nur die eine Baustelle. Wegen der immer günstigeren Konkurrenz aus dem Android-Lager ist Apple gezwungen, mit günstigen Angeboten seiner Bestseller zu kontern, um konkurrenzfähig zu bleiben – das iPad mini ist das Musterbeispiel dafür. Das für Verbraucher großartige Gerät wird zu Einstiegspreisen von 329 Dollar gut verkauft, setzt aber drastisch die eigene Gewinnmarge unter Druck.

Die Folge ist die stärkste Erosion der Gewinnspanne in 15 Jahren: Um 1000 Basispunkte gab die Ertragsmarge binnen eines Jahres zuletzt nach. Das ist der Hauptgrund für den dramatischen Einbruch der Aktie mit fast einer Kurshalbierung: Apple schmelzen die Milliardengewinne weg.

Börse sieht in Google die Zukunft und in Apple die Vergangenheit

Apple 2013: Das ist ein Konzern, der vor den größten Herausforderungen seit der Rückkehr von Steve Jobs 1997 steht. Das Wachstum geht zu Ende, die Gewinne brechen ein, neue Produkte sind nach der größten Produktlücke seit Mitte der Nullerjahre immer noch nicht in Sicht – und wenn, werden sie wie in Form von iOS 7 mit extremer Skepsis aufgenommen.

Die Börse hat ihr Urteil längst gesprochen und traut dem Management des Nachfolgers Tim Cook offenkundig nicht zu, die Trendwende herbeizuführen – das drücken die immer tiefroteren Notierungen aus. Apple ist eine Kultmarke, besitzt ein Ökosystem mit 400 Millionen meist treuen Fans und sitzt auf der 150 Milliarden Dollar Barreserve, keine Frage – das ist der Grund, warum die Aktie nicht längst unter 300 Dollar abgestützt ist.

Doch der Markt hat eine glasklare Botschaft an Apple-Aktionäre: So wie die Wall Street in Google die Zukunft sieht (die Aktie liegt seit Jahresanfang 24 Prozent vorne), sieht die Börse in Apple die Vergangenheit (minus 26 Prozent im selben Zeitraum).

Die Wall Street hat Apple de facto aufgegeben

Der einzige Weg, sich noch mal zurück in die Zukunft zu beamen, besteht für Apple in neuen Produkten. Kommen sie nicht ziemlich bald, dürfte sich das langsame Ausbluten, das nicht mal mit Aktienrückkäufen in Höhe von 60 Milliarden Dollar zu stoppen sein scheint, schleichend fortsetzen. Die jetzigen Produkte haben sich in Form des iPods überlebt, sind rückläufig wie beim Mac, stoßen an ihre Wachstumsgrenzen wie beim iPhone und können durch zu geringe Margen wie beim iPad nicht für eine Kompensation sorgen. Im jetzigen Zustand ist Apple auf lange Sicht zum Schrumpfen verdammt.

Es bleibt dabei: Das vielleicht beste Unternehmen unserer Tage ist eines der schlechtesten Investments an der Börse. Das ist die Bilanz des ersten Börsenhalbjahres 2013. Die Wall Street hat Apple de facto aufgegeben.