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„Von Rechts wegen“: Die Geschichte einer Falschmeldung

Nicht nur die Online-Ausgabe der „Welt“, auch so ziemlich jedes andere Online-Nachrichtenmedium wusste Mitte September von einem spektakulären Fall zu berichten: Da verklagen Kinder ihre eigenen Eltern wegen unmöglicher Facebook-Fotos! Aber ist der Fall eigentlich wahr? Und viel wichtiger: Kommt es darauf überhaupt an?

Die 18-Jährige Anna Meier (Name geändert) hielt es ganz einfach nicht mehr aus. Sie ging, entnervt von einem Jahre andauernden Martyrium, mit der Hilfe von Anwälten und Gerichten auf die eigenen Erzeuger los. Die hatten sie nämlich, angeblich, jahrelang mit ihren elterlichen Facebook-Aktivitäten in geradezu stalkerhafter Weise traktiert. Indem Sie Kinder- und Babyfotos von Anna online stellten und dabei „keinerlei Grenzen“ kannten. Nackt am Strand und auf dem Töpfchen, im Urlaub und in der Sandkiste – in jeder Lebenslage hatten Annas Eltern, wie die meisten anderen Eltern auch, Anna abgelichtet. Und die Ergebnisse dann bei Facebook veröffentlicht. Endlich volljährig, ging Anna nun dagegen vor.

Diese Geschichte fand auch in den sozialen Medien großen Anklang. Es dauerte allerdings nicht lange, da wuchsen erste Zweifel: Weder die in der Meldung zitierte Anwaltskanzlei noch das angeblich befasste Gericht kannten Anna und ihren Fall. Offenbar eine Ente. Abhaken, nächstes Thema. Oder?

Was man so „normal“ findet

Ihr Rechtskolumnist mit Spezialgebiet „Medienrecht“ hat möglicherweise eine etwas andere Vorstellung von „ungewöhnlichen“ Sachverhalten, als Sie selbst sie pflegen. Zum Beispiel findet er nichts Besonderes daran, wenn Kinder ihre Eltern, Eltern ihre Kinder und Onkel ihre Tanten abmahnen, mit einstweiligen Verfügungen überziehen, verklagen oder sonstwie gegeneinander rechtlich zu Felde ziehen und sich beharken. Nicht, dass er dies in jedem Fall begrüßen würde. Aber so ist nun einmal die Realität: Gerade Familienmitglieder schenken sich in der rechtlichen Auseinandersetzung gegenseitig meist nichts. Die Bandagen, mit denen hier gekämpft wird, gehören zu den härtesten. Und zwar auch und gerade, wenn es um Äußerungen im Internet, die Nutzung von Bildmaterial, das Aufsetzen irgendwelcher Webauftritte zur Schmähung des jeweils anderen und ähnliches geht. Diese Dinge sind, ich sage es frei heraus, mein täglich Brot. Kurz: Der Verdacht der Falschmeldung kam mir nicht für eine Zehntelsekunde.

Eine unerwartete Pointe

„Reingefallen, der Herr Advokat“, denkt jetzt vielleicht mancher und meint, das wäre schon die Pointe gewesen. Aber weit gefehlt, die kommt erst jetzt: Das einzige, was (zumindest nach deutschen Maßstäben) an der Geschichte nicht stimmig ist, ist das Alter der jungen Frau Meier. Denn hierzulande müsste sie nicht einmal bis zur Volljährigkeit damit warten, ihre Eltern auf Unterlassung in Anspruch zu nehmen. Sie hätte das bereits mit 14 Jahren tun können. Denn dies ist das Alter, ab welchem die meisten deutschen Gerichte das Recht auch von minderjährigen Persönlichkeiten anerkennen, über ihre Persönlichkeitsrechte – hierin der speziellen Ausprägung des Rechts am eigenen Bild aus § 22 Kunsturhebergesetz – mitzubestimmen.

Mit anderen Worten: Schon ab der jugendlichen Flegelzeit der Sprösslinge dürfen Eltern nicht mehr allein darüber bestimmen, welche Fotos der lieben Kleinen sie über WhatsApp, Facebook oder Instagram der Weltöffentlichkeit preisgeben. Jugendliche haben also wenigstens ein Veto, wenn es um die Veröffentlichung ihrer „Bildnisse“ über die Sozialen Medien geht.

Die Pointe der (wahrscheinlichen) Falschmeldung ist also die: Sie könnte die letzte Warnung sein. Denn die Rechtslage gibt heute schon her, was die Meldung von vorletzter Woche noch skurril findet. Allzu zeigefreudige Eltern von heute sollten einmal mehr daran denken, dass der Nachwuchs sich morgen wenig erfreut über die öffentlich in sozialen Netzwerken verfügbare Dokumentation der eigenen Kindheit zeigen könnte.

Dass dieser Appell viel Anklang findet, glaubt natürlich auch ihr Kolumnist nicht im Ernst. Viel eher glaubt er, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ein echter Fall „Anna Meier“ in Deutschland tatsächlich ein Gericht befasst.

Der Autor: Rechtsanwalt Stephan Dirks

Stephan Dirks ist Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht in Kiel und Hamburg. Wenn er nicht gerade an Fällen arbeitet bloggt er unter www.dirks.legal/blog.

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