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Kinderfotos im Internet: Von Datenschutz und Medienkompetenz

Kinderfotos im Internet. November. Allnachmittäglich gegen 16 Uhr 45 wiederholt sich – besonders in Gegenden rund um Kindergärten und Grundschulen – dasselbe herzerweichende Schauspiel…

Gruppen von niedriger zweistelliger Personenanzahl, die Größten von Ihnen knapp unter eins zwanzig groß, machen sich auf den spärlich beleuchteten Weg und besingen ihre soeben zusammengebastelten Laternen (Und natürlich: Sonne Mond und Sterne).

Augenblick, die Szenerie stimmt nicht ganz, wir wollen ehrlich sein. Begleitet wird der Zwergenumzug leider nicht nur von rührend schiefem Gesang, sondern natürlich auch von einem Blitzlichtgewitter der 50-Megapixel-Kategorie. Und damit fängt das Elend an.

Welches Elend denn? Nunja, Sie lesen eine Rechtskolumne. Rechnen Sie auf dieser Seite also bitte stets mit rechtlichem Elend, bzw. jedenfalls rechtlichen Problemen. Zugegeben: In der Lebenswirklichkeit des Autors nehmen die einen größeren Raum ein, als das bei vielen anderen der Fall ist. Aber das hier dürfte auch Sie interessieren. Das Problem lässt sich grob in folgendem, manche vielleicht überraschenden Satz zusammenfassen: Das Fotografieren fremder Kinder ist oftmals verboten, immer heikel. Und zu Recht. Kurze Vorüberlegung: Was passierte eigentlich vor 20 Jahren während und nach dem Fotografieren mit der Ritsch-Ratsch-Kamera?

Antwort: Es wurde ein (1) Film belichtet. Man bekam einen (1) Satz Negative. vielleicht machte sich mal einer einen Abzug von dem Foto, wenn ja, dann wusste man wer und warum. Dann verschwand das Foto im Album und gilbte vor sich hin. Und was passiert heute während und nach dem Fotografieren mit der Kamera?

Ein digitaler Datenspeichervorgang findet statt. Im günstigsten Fall landen die Fotos nur auf einem USB-Stick und werden in der Kindergartengruppe herumgereicht und zigfach kopiert, gespeichert, gesichert, geteilt. Im schlechteren landen sie auf Facebook, in der Dropbox, bei Google und in den Speichermedien 20 verschiedener Online-Fotodienste. Für immer.

Soweit zum Sachverhalt. Welche rechtlichen Überlegungen spielen nun eine Rolle? Zum Beispiel die hier: § 28 Abs. 1 Nr. 3 des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) erlaubt das Erheben und Speichern von Daten (nur), soweit nicht offensichtliche Interessen des Betroffenen entgegenstehen. Richtig gehört: Datenschutzrecht. Digitale Aufnahmen, auf denen Kinder erkennbar abgebildet sind, sind personenbezogene Daten, für die in vielen Fällen das Datenschutzrecht gilt. Das bedeutet: Schon das Fotografieren eines fremden Kindes in der Öffentlichkeit (ohne eine rechtlich wirksame Einwilligung, die ein Fünfjähriger nicht erteilen kann) kann oftmals unzulässig sein.

Oder auch, noch wichtiger: § 22 Kunsturhebergesetz (KUG). Das öffentliche Zurschaustellen (meint auch: Posten auf Facebook, Instagram oder Abdrucken im Grundschuljahrbuch) verlangt eine Einwilligung des Betroffenen. Und zwar immer dann, wenn dies bei Abwägung der Persönlichkeitsrechte mit dem Veröffentlichungsinteresse geboten ist. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit irgendwelchen Ausnahmen bei „Versammlungen und Aufzügen“. Wir reden von Kindergartenkindern, da überwiegt das Recht auf mediales In-Ruhe-gelassen-Werden in solchen Fällen so gut wie immer, wenn die Kleinen erkennbar sind. Die vorsätzliche Missachtung dieser (Rechts-)Tatsache ist sogar strafbar (§ 33 KUG: Mit bis zu einem Jahr Haft oder Geldstrafe).

Ich ahne: Sie halten den Unterzeichner wieder für einen Spielverderber. Damit muss und kann er leben. Daran ist er als regelmäßiger Elternabendbesucher ohnehin gewöhnt, egal ob es die Videodokumentation eines gelungenen Kita-Tages für die Homepage oder auch den massenweisen Einsatz von SRX-Kameras beim Kinderturnen angeht.

Aber so lange viele beim Herumreichen eines Speichermediums mit 200 Kinderfotos darauf die größte Gefahr darin sehen, sich einen Computervirus einzufangen, kann man es wirklich nicht oft genug sagen: Bewusstsein für Datenschutz und Medienkompetenz beginnt in der Kita. Beim Laternelaufen und beim Kinderturnen.

Wer davon partout nichts wissen will, muss sich nicht drüber wundern, wenn der Dreijährige von heute als Teenager von morgen genauso nachlässig mit den eigenen Daten umgeht.

Der Autor: Rechtsanwalt Stephan Dirks

Stephan Dirks ist Fachanwalt für Urheberrecht und Medienrecht in der Kanzlei DIRKS.LEGAL mit Sitz in Hamburg und Kiel. Web: http://www.dirks.legal

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Mal ein gelungener Artikel. Mir gefallen vor allem die letzten drei Sätze. Fast schon zitierwürdig.