Amazon@Purdue: Online-Versandgigant eröffnet erstes Ladengeschäft - Marktmacht ausbauen und Mitbewerber verdrängen?

Viele klassische Einzelhändler suchen aufgrund der starken Online-Konkurrenz von Amazon und Co. und dementsprechend sinkenden Umsätzen ihr Heil in eigenen Internet-Shops. Der Online-Primus Amazon geht nun den umgekehrten Weg und eröffnet in den USA seine erste „Offline-Filiale“. Amazon wäre aber nicht Amazon, wenn dabei einfach Regale mit Büchern, CDs und Zahnbürsten aufgefüllt würden. Es steckt viel mehr ein Konzept dahinter, das bald weltweit Schule machen könnte.

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Am Dienstag, den 03.02.2015, war es soweit: Amazon eröffnete in Kooperation mit der Purdue University in Indiana, USA, seine erste Filiale für Endkunden. Universitätspräsident Mitch Daniels und Amazon-Vizepräsident Paul Ryder waren bei der feierlichen Eröffnung anwesend und betonten die Vorteile des „Pick Up Points“ für die Studenten.

Der Shop befindet sich im zentral auf dem Uni-Campus gelegenen Krach Leadership Center der ingenieurwissenschaftlich ausgerichteten Universität unweit vieler stark frequentierter Universitätsgebäude und Studentenverbindungshäuser.

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Konzept von Amazon@Purdue

Im Amazon-Ladengeschäft auf dem Campus gibt es keine mit Waren bestückten Regale, sondern frei zugängliche Automaten und Amazon-Mitarbeiter hinter einem Tresen, die den Studenten, Alumni und Universitätsmitarbeitern die bestellten Waren aushändigen. Die mit Touchscreens ausgestatteten Selbstbedienungsautomaten scheinen dabei den Amazon-Locker-Stationen zu gleichen, an denen in den USA Kunden ihre Amazon-Pakete abholen können, ähnlich den hierzulande bekannten Packstationen der Deutschen-Post-Tochter DHL.

Bei Amazon@Purdue angemeldete Kunden bestellen über eine spezielle Webseite Waren bei Amazon und können diese, wenn sie an den Programmen Amazon Prime oder Amazon Student teilnehmen, in der Regel am nächsten Tag im Shop auf dem Campus abholen, was im Normalfall erst am übernächsten Tag möglich wäre. Sobald die Ware im Shop ankommt, werden die Kunden per SMS oder E-Mail informiert. Die Öffnungszeiten – Montags-freitags von 09:00 - 21:00 Uhr, am Wochenende von 12:00-18:00 Uhr – sind dabei Studenten- und Mitarbeiter-freundlich. Die Kunden haben ausreichend Zeit, außerhalb von Arbeits- und Vorlesungszeiten ihre Bestellungen abzuholen.

Die Studenten und Universitätsmitarbeiter erhalten Vergünstigungen auf bestimmte Produktgruppen, wie Fachbücher und Gegenstände des täglichen Bedarfs. Zu diesem Zweck haben Amazon und die Purdue-Universität bereits im August 2014 eine Kooperation beschlossen, die diese Rabatte ermöglichen und einen Teil der Einnahmen an die Universität ausschütten. Dieses Geld möchte die Universität in bessere Lernbedingungen investieren und den Studenten den Universitätsaufenthalt erschwinglicher gestalten. Auf der anderen Seite erhält Amazon Zugang zu einer jungen Kundschaft, die nach ihrer Ausbildung wahrscheinlich ein hohes Einkommen erzielen werden. Eine Kundenbindung zu dieser zahlungskräftigen Klientel ist Amazon natürlich sehr wichtig.

Problematik des Online-Shoppings

Amazon geht damit neue Wege und möchte logistischen Problemen beim Warenversand begegnen. Die Kunden möchten natürlich so bequem wie möglich einkaufen und die Waren zu den besten Konditionen erhalten. Dazu gehört auch, den Lieferzeitpunkt selbst bestimmen zu können. Schließlich kann man nicht rund um die Uhr zuhause sitzen und auf den Zusteller warten. 

Zukünftige Konzepte wie die Lieferung per Drohne sind noch nicht alltagstauglich. Die Lieferung per Fahrradkurier ausgehend von einem speziellen Lager innerhalb einer Stadt ist derzeit in der Erprobung. Um kurzfristig die Kundenbedürfnisse erfüllen zu können, geht Amazon den Weg der Abholstationen, wo man nicht nur seine Waren an einem Automaten abholen kann – wie bei Amazon Locker – sondern auch gleich einen Ansprechpartner hat und Waren auch zurückgeben kann.

Amazon will also nicht neue Ladengeschäfte im klassischen Sinn aufbauen, sondern seine Logistik bündeln und so Geld sparen. Ein großer Lastwagen zum Amazon-Pick-Up-Point ist bedeutend günstiger, als einen Logistik-Dienstleister die Ware bis zu den Haustüren jedes Kunden transportieren zu lassen. Mit den Abholstationen kann Amazon somit einen Teil der Prime-Liefervorteile gegenfinanzieren.

Ausblick: Innenstädte voller Abholstationen

Amazon hat bereits mit anderen Universitäten in den USA ähnliche Kooperationsverträge geschlossen und will dort weitere Pick Up Points eröffnen. Es ist zu erwarten, dass das Konzept zumindest an den Universitäten ein großer Erfolg wird. Amazon kann bei seiner Logistik Geld sparen und früh eine zahlungskräftige Klientel an sich binden. Die Universitäten profitieren ebenfalls finanziell und können mehr Geld in die Versorgung der Studenten stecken. Die Studenten und Universitätsmitarbeiter bekommen vergünstigt Produkte – vom Fachbuch über den Wasserkocher bis zum Schokoriegel – und können die Bestellungen bequem und zentral auf dem Campus abholen, wenn sie Zeit dafür haben. Eine scheinbare Win-Win-Win-Situation.

Doch dürfte es auch einige Verlierer geben. Die lokale Universitätsbuchhandlung oder der Supermarkt in Campus-Nähe können wahrscheinlich mit hohen Umsatzeinbußen rechnen. Und was passiert, wenn sich dieses Konzept auch außerhalb der Universitäten durchsetzt? Verschwinden Geschäfte, die Waren in Regalen und auf Kleiderstangen zum sofortigen Mitnehmen anbieten? Gibt es dann nur noch Amazon Pick Up Points, in denen Abholautomaten und voraussichtlich billige Arbeitskräfte darauf warten, braune Kartons mit Amazon-Logo auszuhändigen? Wie sieht es mit individueller Beratung aus? Wird es noch Schuhhändler geben, wo man seine Schuhe vor dem Kauf anprobieren kann? Oder muss man bei Amazon drei verschiedene Größen bestellen, und die nicht passenden Paare jedesmal zurückschicken? Und wird Amazon irgendwann für die Retoure Geld verlangen?

Übermacht Amazon

Zugegeben, diese Vision scheint noch weit weg zu sein. Das Konzept der Pick Up Points und Drohenlieferung steht erst am Anfang. Allerdings möchte Amazon seine Marktmacht mit allen Mitteln ausbauen und seine Mitbewerber verdrängen. Und je höher der Marktanteil des Giganten wird, desto weniger kann sich der Markt selbst regulieren. Bei Büchern hat Amazon bereits bewiesen, welchen Einfluss der Händler hat und wie er Druck auf die Verlage ausübt, um günstige Konditionen zu erwirken.

Wenn heutzutage ein Buch nicht bei Amazon gelistet ist, wird es kaum noch vom Kunden wahrgenommen. Ein Buchhändler nach dem anderen schließt seine Pforten. Auch im Online-Vertrieb sieht es mau aus. Gut, das mag auch daran liegen, dass insgesamt immer weniger gedruckte Bücher verkauft werden. Aber je mehr Amazon auch in anderen Bereichen ein Fastmonopol aufbaut, desto mehr kann Amazon höhere Preise gegenüber den Endkunden durchsetzen.

Fehlt es also nur an schlagkräftigen Ideen der Konkurrenz? Sollten Pick Up Stores auch bei anderen Anbietern Schule machen? Oder möchten die Kunden doch lieber individuelle Beratung in einem echten Geschäft und dafür im Zweifel lieber etwas mehr Geld ausgeben? Wir werden sehen.

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Das gibt es doch schon bei uns. Bei Mediamarkt.de bestellen und im Laden abholen, wenn es dort auf Lager ist noch am gleichen Tag und auch dort bezahlen ist möglich.
Dazu brauch ich kein Amazon

Es sind halt in den meisten Fällen die Preise auf Amazon günstiger. Und zeig mir doch mal wie Du Dir einen guten Roman und 2 Tuben Zahnpaste bei Mediamarkt abholst.

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