DIE BEDROHUNG

X2

Mac Life 10.2007 - von Charlotte Stanek
X2
Bewertung:
befriedigend (4.0)
Preis: ca. 50 Euro
Webseite: www.vpltd.com
Hersteller: Egosoft
Vertrieb: e.p.i.c. interactive
Systemanforderungen:
G4 1,25 GHz, Mac OS X 10.2.8, 256 MB RAM, 2 GB Speicherplatz, ATI Radeon 7000 oder NVIDIA Geforce 3
USK keine AltersbeschränkungUSK: keine Altersbeschränkung
fast völlige Handlungsfreiheit
zeitaufwändig

Weltraum-Flugsimulationen waren lange Zeit eines der populärsten Genres, die „Wing Commander“- oder „Escape Velocity“-Reihen sind bis heute Legende. Mit „X2: Die Bedrohung“ will nun ein neuer Titel in die großen Fußstapfen treten.

Ferne Sterne bereisen, neue Planeten entdecken: Wer hat nicht schon einmal davon geträumt? In Computerspielen ist dieser Traum bereits Realität. Mit Elite fing damals alles an – das Genre der Weltraum-Flugsimulationen war geboren. Von Anfang an stand dabei nicht nur Ballern, sondern auch Handeln und Erforschen im Vordergrund. X2: Die Bedrohung ist nun der jüngste Spross des Genres, der das geniale Prinzip von damals erhalten und auf den aktuellen Stand von heute bringen will.

Ein Universum zum Entdecken
Eines der herausragendsten Merkmale von X2 ist sein schier gigantischer Umfang. Es handelt sich weniger um eine Weltraum-Flugsimulation, als fast schon um eine Weltraum-Simulation, in der ein komplettes, kleines Universum zur freien Entdeckung und Erforschung bereit steht.

Wege sind nicht vorgegeben und alle Aspekte ähnlich umfangreich und detailliert in ihren Optionen. So gibt es über 70 verschiedene Schiffstypen, unzählige Waffen und Ausrüstungsgegenstände, ein umfangreiches Handelssystem, verschiedene Alien-Völker und vieles mehr. Das Universum reagiert dabei auch realistisch auf Ereignisse im Spiel und Handlungen des Spielers, was sich vor allem im Handelssystem zeigt, das mit einem ausgeklügelten Angebots- und Nachfragesystem arbeitet.

So stehen einem als Spieler nicht nur altbekannte Karrierewege wie Händler, Söldner oder gar Pirat zur Auswahl, X2 geht noch einen Schritt weiter. Man ist nicht auf Einzelaktivitäten beschränkt, sondern baut im Laufe der Zeit immer komplexere Systeme auf. So kann man später mit Geschick und Geduld eigene Raumstationen besitzen und sogar ganze Raumflotten befehligen! Wer will, kann so auch ganze Sektoren unter seine Kontrolle bringen, das Spiel lässt einem hierbei alle Freiheiten.

Julians Geschichte
Wer aber nicht nur kreuz und quer durch das Universum düsen will, kann sich in X2 auch an einer Rahmenhandlung entlang hangeln. Die Geschichte ist schnell erzählt: Der Spieler verkörpert den jungen Draufgänger Julian, eigentlich ein hochtalentierter Pilot, aber leider vom Pfad der Tugend abgekommen. Beim Versuch, ein Raumschiff zu klauen, wird er erwischt und landet im Gefängnis. Glücklicherweise sind seine Fähigkeiten nicht unbemerkt geblieben, was eine Reihe hochrangiger Personen auf den Plan ruft, die sein Talent nicht ungenutzt lassen wollen und ihm eine zweite Chance geben.

Nun ist diese Geschichte kein integraler Teil des Spiels, sondern eher schmückendes Beiwerk und nicht wirklich fesselnd, was schade ist, weil so ein roter Faden durch das Spiel fehlt. Das ist die Schattenseite der enormen Vielfalt des Universums von X2 und sein vielleicht größter Schwachpunkt, der es dem Spieler schwer macht, eine eindeutige, klare Richtung zu erkennen und ihn vielfach im Dunkeln tappen lässt.

Bis man sich mit allen Optionen und Möglichkeiten vertraut gemacht und auch nur die Spitze des Eisberges ergründet hat, vergeht einige Zeit. Man muss schon viele Stunden in X2 verbringen, um etwa seine eigene kleine Flotte kommandieren zu können. Damit einher geht eine sehr steile Lernkurve, verbunden mit einer langen Einarbeitungszeit. Leider wird man als Spieler in X2 ein bisschen hineingeworfen und findet sich anfangs nur mit wenig Hilfe und alleine gelassen im Spiel wieder. Es wird nur wenig direkt und ausführlich erklärt, man verbringt am Anfang unfreiwillig viel Zeit mit Versuch und Irrtum und muss sich Wissen mühsam selbst aneignen.

Welchen Knopf muss ich jetzt drücken?
Wenig hilfreich ist dabei die Steuerung. Genretypisch leidet auch X2 darunter, dem Spieler all die verschiedenen Funktionen zugänglich machen zu müssen. So ist die Tastatur mit Befehlen übersät, und trotzdem muss man sich in bestimmten Fällen immer noch durch diverse Untermenüs hangeln. Besonders lästig wird dies beim Handeln, oder der Schiffs- und Flottenkonfiguration, bei denen man sich durch umfangreiche, textlastige Menüs arbeiten muss, die dann eher spröden Tabellenkalkulationscharme versprühen.

Schwierig gestalten sich dadurch auch die Kämpfe. Neben der wenig übersichtlichen Steuerung ist diese für halsbrecherische Flugmanöver eigentlich auch zu unpräzise, echtes Raumduell-Gefühl stellt sich nicht so recht ein. Zudem glänzt auch die KI nicht gerade mit fliegerischem Wagemut. So gibt es so manchen Frustmoment bei Weltraumschlachten.

Letztlich muss man abwägen, ob man gewillt ist, sich durch die Anfangsschwierigkeiten durchzubeißen, denn schließlich belohnt X2 den Spieler am Ende der Strapazen mit einer Handlungsfreiheit und Fülle an Möglichkeiten, die in anderen Spielen nicht mal im Ansatz realisiert sind. Und wenn man dann seine eigene Flotte mit Raumkreuzer kontrolliert und die komplette Wirtschaft eines ganzen Sektors beherrscht, sind viele der anfänglichen Hürden auch schnell wieder vergessen.

Was für die Augen
Neben dem komplexen Universum dürfte die Grafik das heimliche Highlight sein. Wenn X2 sich irgendwo deutlich von all seinen berühmten Ahnen unterscheidet, dann hier. Die Schiffsmodelle sind unheimlich aufwändig, mit detaillierten Texturen und tollen Bump-Maps überzogen. Dabei sind auch von kleinen Jägern bis zu großen Raumstationen oder Kreuzern alle Schiffstypen vertreten, alle mit unterschiedlichem und sehr charakteristischem Aussehen. Der Weltraum ist ebenfalls schön anzusehen, mit vielen Planeten und stellaren Nebeln kommt viel Farbe ins sonst eher dunkle Sternenallerlei. Zudem fackelt das Weltraumepos aus deutschen Landen ein wahres Effektfeuerwerk ab: Triebwerksschweife, Laserblitze und ähnliches zischen farbenfroh und spektakulär über den Bildschirm.

Getrübt wird der eigentlich hervorragende Eindruck aber von den Zwischensequenzen. Diese sind nicht vorgerendert, sondern werden ebenfalls von der Spiel-Engine übernommen. So gut diese aber auch bei der Darstellung von Raumschiffen und Weltraum sein mag, in den Zwischensequenzen hätte man sich eine andere Lösung gewünscht. Die Menschen wirken alle recht detailarm, bewegen sich ungelenk und laufen alle extrem hüftsteif, so dass vieles merkwürdig oder unfreiwillig komisch aussieht. Insgesamt ist die Grafik von X2 aber absolut sehenswert und trotz der Patzer in den Zwischensequenzen wirklich erstklassig, selten war Raumfahrerei so schön anzusehen.

Ebenfalls in Ordnung, wenn auch nicht so überragend, ist der Sound. Es gibt einige recht schöne Musikstücke und auch die Geräuschkulisse geht klar, wenngleich der Weltraum insgesamt dann doch recht still ist. Die deutschen Synchronsprecher machen ihre Aufgabe routiniert, aber unspektakulär.

Dimensionsrechner benötigt
All die Grafikpracht und die enorme Handlungsfreiheit haben aber ihren Preis, denn hier werden knüppelharte Anforderungen an den Mac gestellt. Die Minimalanforderungen sollte man großzügig überschreiten, wenn man zumindest noch ansatzweise etwas von der Grafikpracht haben will und mit allen Extras und hohen Auflösungen kommen auch schnelle G5-Maschinen ordentlich ins Schwitzen. Eventuell ist Nachjustieren in den Einstellungen angesagt.

Boman Hwang

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