gut (5.0)
PPC oder Intel–Mac mit 400 MHz, Mac OS X 10.3.9, 256 MB RAM, DVD-Laufwerk
USK: ab 12 JahreZu Beginn folgt erst einmal etwas Ernüchterung: Auch wenn es sich technisch gesehen um sechs Titel handelt, sind in der Sammlung eher „vier und zwei halbe“ Spiele enthalten, denn das Strategy Pack 6 besteht aus vier eigenständigen Spielen und zwei Erweiterungen. Wer hier aber meint, zu kurz gekommen zu sein, liegt ziemlich falsch:
Gespielte Geschichte
Entwickler Paradox Interactive hatte seit jeher ein Faible für detailverliebte historische Strategiespiele, deren Umfang schon immer jeden Rahmen gesprengt hat. So sind die Werke aus dem Hause Paradox schon immer äußerst komplex und so ausufernd gewesen, dass man Tage und Wochen mit ihnen verbringen kann. Außerdem waren bisher alle ihre Spiele immer sehr ambitioniert, wenn es um Realitätsnähe und historische Genauigkeit ging. Dementsprechend hat das Strategy Pack 6 keinen geringeren Anspruch, als die letzten tausend Jahre Menschheitsgeschichte nahezu lückenlos und historisch akkurat auf dem Mac nachspielen zu können. Dies gelingt sehr gut, allen Spielen gemein ist die unheimliche Tiefe und der komplexe Realismus der historischen Gegebenheiten.
Ebenfalls allen Titeln gemein ist aber auch das große Problem der gesamten Serie: Der Einstieg ist mehr als steinig. Anfänger werden sich ziemlich im Stich gelassen fühlen, trotz Handbuch und Tutorial. Bis alle Konzepte in Fleisch und Blut übergegangen sind, warten einige Momente des Frustes und der Ratlosigkeit auf die Neueinsteiger. Wenigstens werden sie mit erstaunlich viel Abwechslung etwas entschädigt, die Titel spielen sich recht unterschiedlich, so dass es sich lohnt, sie einmal einzeln unter die Lupe zu nehmen:
Crusader Kings
Crusader Kings macht zeitlich den Anfang und spielt im finsteren Mittelalter. Man ringt also als mittelalterlicher Adliger um Macht und Einfluss im Europa der Kreuzzüge. Dabei kommt es vor allem darauf an, durch geschicktes Strippenziehen Ruhm und Prestige der eigenen Familie zu mehren. Dabei spielen arrangierte Hochzeiten und Adelstitel eine wichtige Rolle, dafür verfügt das Spiel über ein ausgeklügeltes Adelssystem mit Stammbäumen und individuellen Eigenschaften jedes Familienmitglieds. Nicht zu vergessen sind natürlich die Kreuzzüge und die Rolle der damals übermächtigen Kirche. Dagegen fallen Ökonomie und technischer Fortschritt für die damalige Zeit typisch nicht so sehr ins Gewicht, was für einen sehr eigenen Spielstil sorgt.
Europa Universalis 2
Wer das Mittelalter mit seiner Dynastie überstanden hat, kann sich in Europa Universalis 2 an die Erkundung und Eroberung der restlichen Welt machen. Nahtlos an Crusader Kings anknüpfend, soll das eigene Reich nun gnadenlos in alle Richtungen vergrößert werden. Dabei spielen Kampfhandlungen ebenso wie Diplomatie und Handel eine Rolle, auch Religion ist in dieser Periode ein wichtiger Faktor. Die Herangehensweise erinnert hier am ehesten an andere Strategiespiele, Europa Universalis 2 wirkt daher insgesamt am vertrautesten und zugänglichsten, der Komplexitätsgrad ist hier noch vergleichsweise gering. Zudem gibt es ein gutes Tutorial, so dass Einsteiger bei diesem Titel wohl am besten aufgehoben sind.
Victoria und Victoria Revolutions
Mit den großen Umwälzungen im Zeitalter der Kolonialherrschaft und den Anfängen der industriellen Revolution befasst sich Victoria mit seiner Erweiterung Victoria Revolutions. Hier spielen Aspekte wie sozialer und gesellschaftlicher Wandel, Handel und erste Industrien und technologische Errungenschaften eine deutlich größere Rolle. Dementsprechend verschiebt sich das Spielgleichgewicht, weg von klassischen Entdecken– und Erobern–Schemata hin zu feinfühlig austarierten politischen Balanceakten als Herrscher eines Imperiums. Victoria kann unter anderem mit einem unheimlich vielfältigen ökonomischen System glänzen, auch das Bevölkerungssystem ist sehr ausgefeilt.
Hearts of Iron 2 und Hearts of Iron 2 Doomsday
Legten alle anderen Paradox-Titel mindestens ein Jahrhundert zugrunde, so beschäftigt sich Hearts of Iron 2 ausschließlich mit der Zeitspanne rund um den zweiten Weltkrieg. Die Erweiterung „Doomsday“ vergrößert den Zeitraum sogar noch, um auch die Folgekonflikte wie etwa den Koreakrieg oder die ersten Atombombenabwürfe nachspielen zu können. Neben einer zusätzlich noch umfangreicheren Komplexität in allen Bereichen (egal ob zum Beispiel Technologie, Produktion oder Einheitenkontrolle) verlagerte sich nun hier der Schwerpunkt verständlicher Weise stark auf die Kriegsführung. Die Einheitenvielfalt gerade bei den kämpfenden Einheiten ist erschlagend und auch hier zeigt sich wieder die Liebe der Entwickler zum Detail: Ob nun bekannte Politiker für das eigene Kabinett oder alle nur möglichen, historisch verbürgten Flugzeug– und Panzervarianten, mit akribischer Genauigkeit sind alle Aspekte des zweiten Weltkriegs im Spiel abgebildet worden. Da kann einem schon etwas mulmig werden …
Hinter der Landkarte
Technisch sind alle Teile der Paradox-Sammlung nicht sonderlich beeindruckend. Grafisch sind alle Titel mehr oder weniger animierte Landkarten, auf denen die Einheiten hin– und hergeschoben werden, geben also optisch gar nichts her, was aber zumindest der Übersichtlichkeit keinen Abbruch tut. Insgesamt gibt sich die Reihe nüchtern und zweckmäßig. Auch für die Ohren wird nichts Spektakuläres geboten. Die Hintergrundmusik ist immer passend zur entsprechenden Zeitepoche des Spiels ausgewählt worden und hübsch anzuhören, geht einem aber irgendwann mangels Abwechslung auf die Nerven. Die Soundkulisse beschränkt sich auf einige Geräusche und Warntöne. Dafür entschädigen die Spiele mit erfreulich niedrigen Systemanforderungen, die sogar uralte Macs problemlos erfüllen. Zudem liegen alle Titel als Universal Binary vor.
Kommentar
In einer Hinsicht ist Strategy Pack 6 jedenfalls nicht zu toppen: Wer alle Titel aus der Sammlung wirklich intensiv ausreizen will, kann seine Spieldauer wohl getrost in Jahren angeben. Der Umfang und die Komplexität jedes einzelnen Spiels für sich sind schon enorm, und in der Summe habe ich wohl noch nie so viel Spielinhalt auf einer einzigen DVD vereint gesehen. Auch die Detailverliebtheit, mit der die Entwickler von Paradox die Geschichte spielerisch aufbereitet haben, ist immer wieder erstaunlich. Entgegen meiner ersten Befürchtung sind die Titel trotz vieler Gemeinsamkeiten und einer im Kern unveränderten Spielmechanik auch wirklich unterschiedlich genug, um genug Abwechslung zu bieten.
Aber das grundsätzliche Problem bleibt bestehen: Paradox entwickelt weniger Spiele, als vielmehr Geschichtssimulationen und trotz einiger Hilfen und einer übersichtlichen Bedienung ist die Lernkurve immer noch extrem steil. Das Strategy Pack 6 erfordert also wirklich Zeit und Mühe zum Einarbeiten und das Spielprinzip ist definitiv nicht jedermanns Sache. Wer sich davon aber nicht abschrecken lässt und Strategiespielen mit Tiefgang etwas abgewinnen kann, bekommt eine absolut hervorragende Sammlung und unschlagbar viel Spiel fürs Geld.
ANZEIGE



Artikel kommentieren