befriedigend (4.0)
Mac OS X 10.4, G4/G5 mit 1,6 GHz, 64 MB Grafikkarte, 512 MB RAM, 4 GB Festplattenspeicher
USK: ab 12 JahreEs ist das Zeitalter der Könige, Segelschiffe und Kanonen, die Infanterie trug einfache Gewehre und eine Kavallerie mit Säbeln war gefürchteter Gegner. Es ist auch die Zeit der großen Massengefechte mit Feldherren wie Napoleon oder Wellington: Imperial Glory versetzt einen zurück in die Ära der napoleonischen Feldzüge um das Jahr 1800 herum.
Viereck-Formation
Das Herzstück von Imperial Glory sind die groß angelegten Schlachten zu Land. Dabei ist „groß“ tatsächlich wörtlich zu nehmen, denn das herausragende Merkmal von Imperial Glory gegenüber anderen Genrevertretern sind die riesigen Einheitengrößen. Normale Infanterie-Einheiten bestehen aus 60 Mann, selbst die deutlich kleineren Kavallerie-Einheiten haben immer noch etwa 30 Reiter.
Das erfordert natürlich völlig andere Taktiken als in anderen Strategietiteln, denn mit so großen Einheiten entstehen ganz andere Möglichkeiten, aber auch ganz andere Probleme. So lassen sich beispielsweise ausgeklügelte Hinterhalte entwerfen und komplizierte Manöver planen. Im gleichen Zug ist aber Chaos vorprogrammiert, wenn sich etwa die Grenadiere gegenseitig auf den Füßen stehen oder die Truppenmasse nicht durch einen engen Bergpass kommt.
Dabei lässt sich die Taktik auch durch verschiedene Truppenformationen beeinflussen. So ist die Säulenformation ideal zum Marschieren, in der Viereckformation lassen sich aber leichter Angriffe abwehren. Auch gemischte Formationen mit unterschiedlichen Truppentypen sind möglich.
Bei so vielen Truppen fällt natürlich der KI eine große Rolle zu. Insgesamt geht diese in Ordnung, aber an manchen Stellen hätte man sich mehr Eigeninitiative gewünscht, denn man muss seinen Truppen schon sehr explizit mitteilen, was sie denn zu tun haben. Gerade in größeren Gefechten verliert man so schnell den Überblick.
Daneben gibt es auch noch die Möglichkeit, Gefechte auf hoher See auszutragen, in deren Verlauf dann feindliche Kriegsflotten gegeneinander antreten. Hier sind die taktischen Möglichkeiten aber sehr begrenzt, es gibt nur drei unterschiedliche Schiffstypen, und die Steuerung der Schiffe ist fummelig, auch wenn es einige nette Ideen wie unterschiedliche Munition und Entermanöver gibt. Insgesamt wirken die Seegefechte aber eher wie eine noch nicht ganz ausgereift umgesetzte Idee und fallen etwas ab.
Handelsverträge und Kriegserklärungen
Neben den Schlachten in Echtzeit gibt es aber noch einen anderen Strategieteil, der ganz anders funktioniert, nämlich die Kampagne. Im Kampagnenmodus übernimmt man als Spieler eine der fünf damaligen europäischen Großmächte, mit dem Ziel, die gesamte restliche bekannte Welt zu erobern. Neben Napoleons Frankreich stehen noch England, Preußen, Österreich und Russland zur Auswahl, alle mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Dabei spielt sich der Löwenanteil hier aber nicht auf dem Schlachtfeld, sondern eine Ebene höher in den Hinterzimmern der Macht ab. Dort läuft dann alles rundenbasiert ab und erinnert an andere Aufbaustrategiespiele.
Für die Eroberung der Welt verfügt man dabei über ein recht umfangreiches Repertoire an Möglichkeiten mit Handel, Politik und natürlich militärischen Mitteln. Es müssen Truppen rekrutiert, eine entsprechende Infrastruktur gebaut und Rohstoffe gesammelt werden. Auch Forschung ist wichtig, um etwa Zugriff auf bessere Technologien zu bekommen und Diplomatie spielt eine entscheidende Rolle. Denn neben den Großmächten gibt es ja noch eine Vielzahl an anderen, zunächst neutralen Staaten, mit denen man ebenfalls Handel treiben, sie eventuell friedlich integrieren oder eben erobern kann. Die Möglichkeiten sind hier zwar eigentlich recht vielfältig, aber man wünscht sich gerade im späteren Spielverlauf doch noch mehr Optionen, weil es schnell an Abwechslung fehlt.
Technische Errungenschaften
Grafisch gilt ähnliches wie für die Spielelemente, gute Ansätze sind nicht konsequent fortgeführt worden. Die 2D-Übersichtskarte ist naturgemäß nicht wahnsinnig aufwändig gestaltet und sieht ganz ordentlich aus, aber mehr Details wären schön und hilfreich gewesen, zudem ist das Ganze doch recht dröge präsentiert. In den Schlachten beeindruckt selbstredend die große Anzahl an Truppen, gerade im Nahkampf ist im Getümmel mächtig was los. Auch der Anblick einer geschlossen marschierenden Armee mit einigen hundert Mann in perfekter Formation ist sehr beeindruckend. Die einzelnen Truppentypen sind gut voneinander zu unterscheiden und bis zur Uniform detailliert dargestellt.
Leider gibt es aber nur wenige verschiedene Truppenarten und auch nur wenige spektakuläre Effekte, ebenso die Animationen sind nur durchschnittlich. Die Umgebungen sind aber gelungen und sehr abwechslungsreich, von eisigen Schneelandschaften in Russland über waldigen grünen Hügeln in Mitteleuropa bis hin zu den staubigen Sanddünen in Ägypten ist alles dabei, neben ländlichen Gebieten gibt es auch einige Stadt-Schlachtfelder, die wieder andere Taktiken erfordern. Seeschlachten finden dagegen immer auf völlig freier See statt, hier sind leider keine Inselgruppen oder Ähnliches zu sehen.
Kanonengedonner
Für die Ohren gibt es nicht so viel, in der Kampagne ist eine unauffällige Hintergrundmusik zu hören, die Klangeffekte sind aber ganz gelungen. Ein nettes Detail sind die Befehle, die auf dem Schlachtfeld gerufen werden, denn die sind immer in der jeweiligen Landessprache gehalten, so ertönt also französisches Kommandogebrüll, wenn man die Franzosen spielt usw. Die Systemanforderungen sind relativ hoch, angesichts der Massengefechte aber durchaus gerechtfertigt. Glücklicherweise lassen sich die Grafikoptionen vielfältig konfigurieren, um auch auf schwächeren Maschinen ruckelfreies Spielerlebnis zu ermöglichen. Die Mac-Version liegt als Universal Binary vor und hat einige kleine exklusive Nettigkeiten zu bieten, beispielsweise das automatische Umstellen des iChat-Status.
Kommentar:
Imperial Glory macht schon mit seinem Szenario aufmerksam: Napoleonische Massenschlachten? Mit richtig großen Einheiten? Das klingt nicht nur interessant, sondern eröffnet auch völlig neue taktische Möglichkeiten, die mit anderen Spielen einfach nicht funktionieren. Zudem: Mit riesigen Infanterieblöcken vorzurücken, während im Hintergrund die Artillerie mit Kanonen Feuerschutz gibt, um dann im richtigen Moment mit der Kavallerie aus dem Hinterhalt in die Flanke zu fallen, macht einen Heidenspaß!
Um so mehr schmerzt die Erkenntnis, das Imperial Glory irgendwie unfertig wirkt, denn es gibt so viele Stellen, wo man sich mehr wünscht: Warum gibt es nicht mehr Möglichkeiten im Kampagnenteil? Warum nur so wenige verschiedene Truppentypen? Warum gibt es nicht mehr taktische Optionen in den Schlachten? Warum sind die Seegefechte so stiefmütterlich behandelt worden? Am Ende bleibt ein guter, schöner Titel, über den ich mich trotzdem ein bisschen ärgere, denn das volle Potential ist nicht ausgeschöpft worden, dabei hätte Imperial Glory das Zeug zu einem richtigen Knüller gehabt.
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