DELICIOUS LIBRARY

Im Gespräch mit Wil Shipley

Mac Life 06.2008 - von Marvin Tschechne
Delicious Library: Im Gespräch mit Wil Shipley

Mac Life: Wil, du bist so etwas wie ein Dinosaurier in der Mac-Softwarebranche: Einigen unserer Leser bist du bestimmt noch als Gründer der Omni Group in Erinnerung. Wie hat sich einerseits das Geschäft, andererseits die involvierte Technologie in den vergangenen Jahren verändert?

Wil Shipley: Die zwei größten Veränderungen: Man kann sich als unabhängiger Mac-Entwickler recht kom­­fortabel seinen Lebensunterhalt verdienen, zum anderen lässt sich eine Software nun auch ausschließlich über das Internet an den Mann bringen. Das trifft bei­des auf mich und Delicious Library zu. Es war Ken Case von Omni, der das Jahr 2000 zu dem Jahr erklärte, in dem wir all unser Geld allein durch den Verkauf unse­rer Software verdienen könnten – verflixt nochmal, er hatte recht.

Wie lange hast du an der neuen Version gearbeitet? Einige deiner Mitentwickler haben das Projekt verlassen, und die Arbeitslast muss enorm gewesen sein ...

An Teilen von Delicious Library 2 wurde bereits seit drei Jahren gearbeitet – teils sogar noch länger. Mike Matas arbeitete bereits im März 2004 am Interface, also noch bevor wir Delicious Library 1 veröffentlicht haben.
Die Probleme, denen wir gegenüberstehen, sind die­selben, denen jeder andere Entwickler auch entgegen­treten muss. So haben wir beispielsweise in den Jahren 2005 und 2006 zwei umfangreiche Upgrades zur Ver­fügung gestellt, kostenlos. Und auch wenn Kunden das Wort „kostenlos“ sehr lieben, erkennen sie solche Updates oft nicht als wertig an. Da wird dann gesagt, „Mannomann, die 1.0 habt ihr im November 2004 ver­öffentlicht – was zum Teufel habt ihr denn nur so lange getrieben?“ anstatt „Oh, warte mal ... da gab es doch diese zwei kostenlosen Upgrades – deswegen hat sich die Entwicklung der neuen Version wohl verzögert.“ Rückblickend betrachtet hätte ich Version 1.5 bereits als 2.0 deklarieren sollen. Das hätte Ärger erspart.

Mitentwickler an der Seite zu haben ist nicht nur von Vorteil. Natürlich macht es Spaß, und es motiviert auch ungemein. Beispielsweise wenn man versucht, die Gruppe mit den eigenen Ergebnissen zu beeindrucken. Andererseits bin ich kein effizienter Managementtyp und vermutlich produktiver, wenn ich allein arbeite. Ich bin trotzdem sehr glücklich darüber, dass so talen­tier­te Menschen für mich gearbeitet haben. Ich beobachte aufgeregt, wie sie nun flügge werden.

Ein Job bei Delicious Monster scheint ein Ticket für einen Job bei Apple zu sein. Warum arbeitest du nicht für das „Mutterschiff“? Geht es bei deiner of­fen­sichtlichen Entscheidung gegen Apple um Geld oder bevorzugst du es einfach, dein eigener Chef zu sein?


Um ehrlich zu sein, ist Apple in letzter Zeit nicht auf mich zugekommen. Das ist vermutlich clever, denn ich habe so einige Probleme bei der Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Bereits jetzt verprelle ich Leute bei Apple, indem ich mich über sie hinwegsetze, wenn ich nicht gleich meinen Willen bekomme. Würde ich wirklich dort arbeiten, müsste ich wohl nach der zwei­ten Beschwerde etwa der Art „dass die Toiletten irgendwie seltsam duften“ an Bertrand [Bertrand Serlet ist der Senior Vice President of Software Engineering bei Apple, Anm. d. Red.] damit rechnen, standrechtlich erschossen zu werden.

Delicious Library 2 setzt zum Bezug von Informatio­nen noch immer alleinig auf die Amazon-Datenbank. Hast du Pläne, um in zukünftigen Versionen auch andere Quellen anzuzapfen?


Pläne? Ja. Wir wollten das bereits in Version 2 hinzufügen, aber diese Version ist schon jetzt unglaublich umfangreich. Wir haben uns der Top-Fünf an Vorschlä­gen aus der Anwenderschaft angenommen und viele andere Features hinzugefügt. Davon abgesehen ist Delicious Library 2 zwischen zehn- und hundertmal schneller als sein Vorgänger. Die Anbindung an andere Datenbanken wird sicherlich ein Thema für Version 3, ebenso wie mehr Social-Networking-Funktionen.

Einige Menschen glauben noch immer, dass du durch das Amazon-Partnerprogramm zusätzliches Geld in die eigene Tasche wirtschaftest. Kannst du das auf­klären? Zudem werden im offiziellen Forum immer wieder dein Geschäft schädigende Gerüchte gestreut: Ist Neid ein notwendiges Übel des Erfolgs?

Soll ich ehrlich sein? Die durch das Amazon-Partnerprogramm erwirtschafteten Beträge sind geringfügig. In einem Quartal generiert das Partnerprogramm in etwa den Betrag, den wir an weniger als einem Tag durch den Verkauf der Software erzielen. Da sich aber einige Leute beschwert haben, stelle ich nun sicher, dass all die Einnahmen aus dem Partnerprogramm (und dazu etwas aus meiner eigenen Tasche) wohltätigen Zwecken zugutekommen. Ich denke, dass ich am verursachten Neid selbst schuld trage. In der Öf­fentlichkeit benehme ich mich oft wie ein Arsch. Natür­lich habe ich auch andere Sei­ten, aber eine Menge an Leuten sehen in mir nur die „herumschimpfende, Whis­ky trinkende, Lotus fahrende und heiße Mädels treffende“ Person des öffentlichen Interesses [lacht].

Deine Software macht regen Gebrauch von Techno­logien, die in Mac OS X integriert sind. Neben ihrer Funktion als Katalogisierungssoftware ist Delicious Library 2 auch eine beeindruckende Vorführung dieser Technologien ...

Core Animation und Core Data sind unglaubliche Tech­nologien und sie werden definitiv die Zukunft der Soft­ware-Entwicklung beeinflussen. Es ist fast schon ein Verbrechen, dass Core Data noch nicht für das iPhone verfügbar ist. Vielen anderen Technologien in Leopard wurden darüber hinaus viele kleine Nettigkeiten spen­diert, und da ich im Grunde recht bequem bin, war es eine leichte Entscheidung, Delicious Library 2 ausschließ­lich für Leopard zu veröffentlichen und die Entwickler bei Apple den Rest der Arbeit machen zu lassen [lacht].

Was können wir in Zukunft von Delicious Monster erwarten? Erzähl uns doch beispielsweise ein wenig über das geheimnisumwitterte Projekt „Golden%Braeburn“ ...

Die Programmierung von Delicious Library 3 wird sehr viel einfacher vonstattengehen, da ich weder das zu­grunde liegende Daten- noch das Darstellungsmodell neu schreiben werde. Ich sehe da eine Trendwende, und so werden die Leute hoffentlich bald die Anwen­dung sehen können, die Mike Matas und mir im Jahre 2004 vorschwebte.

Bei Golden%Braeburn han­delt es sich um meine neu gegründete Firma. Hier will ich den anwendungsinternen Onlineshop aus Delicious Library (sowie Mechanismen zur Lizenzierung und Kun­denverwaltung) anderen Entwicklern zum Kauf anbie­ten. Ich glaube, dass das Projekt Golden%Braeburn das Zeug dazu hat, zum einen die kostengünstigste Anwendung dieser Art für unabhängige Mac-Entwickler zu sein, zum anderen aber auch den hohen Kundenansprüchen gerecht zu werden.

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