ANBRUCH EINER NEUEN ÄRA ODER „IHYPE“?

iPad-Verkaufsstart in den USA: Der Tag danach

04.04.10 | 16:18 Uhr - von Mac Life
(Bild: Montage, Falkemedia)

Am 3. April brachte Apple das iPad in die US-amerikanischen Ladenregale, begleitet von einem Riesen-Medienrummel. Die Welt stand also Kopf, zumindest zwischen Karfreitag und Ostersonntag. Was aber bleibt vom iHype „am Tag danach“?

Vorweg ein wenig „Boulevard“: „Wir sind iPad“ würde die entsprechende Schlagzeile in der BILD vermutlich lauten, würde dort über die Tatsache berichtet, dass das erste im edlen Apple Store in der New Yorker 5th Avenue verkaufte iPad publikumswirksam an einen Deutschen ging. Während der eine triumphiert, erleben andere ihr persönliches Waterloo: Der professionelle „ganz vorne in der Schlange-Steher“ Greg Packer musste sich aufgrund eines dummen Anfängerfehlers im Kampf um das erste iPad geschlagen geben. Er reihte sich in die falsche von zwei Schlangen ein. Zwei Schicksale, die gestern in tausenden Beiträgen ihre Runde machten – und beweisen, dass das Thema „iPad“ und „Apple“ von Emotionen lebt …

Die Zeitung von gestern

Aber das war gestern, der Tag an dem die Apple-Welt auf dem Kopf stand. Für Außenstehende wirken solche Events befremdend und fast schon ein wenig unheimlich – kaum vorstellbar scheint es, dass man sich für ein nicht gerade günstiges Technikprodukt freiwillig die Beine in den Bauch steht. Eine Art Happening der Generation X, Konsumterror in Reinkultur, so die Kritiker.

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Erst dann, wenn man den gestrigen Tag gemütlich bei einer Tasse Tee reflektiert, wird einem bewusst, wie minutiös Apple den Verkaufsstart in Szene gesetzt hat. Und einmal mehr konnte das kalifornische Unternehmen das berühmt-berüchtige „Reality Distortion Field“ zu seinem Vorteil nutzen. Dass Steve Jobs ein begnadeter Verkäufer ist, dürfte kein Geheimnis sein. Wie er aber vor allem durch Charme, Charisma und Eloquenz so ziemlich jedes Produkt verkaufen kann, dürfte in den Chefetagen anderer Konzerne für Stirnrunzeln sorgen. Wie schafft es dieser Mann, dass nach ersten Schätzungen bereits gestern um die 700.000 iPads umgesetzt werden konnten? 700.000 Einheiten eines Tablet-Computers, den bis zum Verkaufstart vor allem der Hauch eines Phantoms umwehte, das nur wenige Auserwählte vorab in Augenschein nehmen durften? Emotionen!

Und gerade deswegen spielen alle verrückt. Nicht nur die iPad-Käufer, die Apple das neue Produkt aus den Regalen reißen. Trotz der Vorschusslorbeeren doch immer auch ein Stück weit mit der Gefahr verbunden, die sprichwörtliche Katze im Sack zu kaufen. Und im Wissen, dass man als Käufer der ersten Hardware-Generation auch bei Apple gemolken wird: Dass die Videochat-Funktion vermutlich aus marktstrategischen Überlegungen aus dem iPad verschwunden ist, dürfte unter „reines Kalkül“ abzulegen sein. Offensichtlich macht man sich bei Apple schon jetzt Gedanken darüber, dass man doch auch im kommenden Frühjahr gerne jede Menge iPads mit neuen (alten) Funktionen verkaufen will …

Aber nicht nur die Käufer sind ein Stück weit blind, auch die Medien sind dem iPad-Wahn verfallen. Ab und an hat man sogar das Gefühl, dass die zur kritischen Berichterstattung nötige Distanz fehlt. Zu groß sind die Hoffnungen der Verlagshäuser, dass das iPad endlich ein Geschäftsmodell eröffnet, mit dem auch im Internet ordentlich Geld verdient werden kann. In den Köpfen vieler Entscheider ist das iPad quasi „der heilige Gral“, eine der letzten großen Hoffnungen beim Übergang von der Presse-Antike hin in die Moderne. Tote Bäume in Druckerschwärze zu tunken ist irgendwie so letztes Jahrtausend, dass iPad hingegen ein heilversprechender Lichblick am Horizont.

Aber ihr spinnt doch auch …

Ein kritischer Blick auf unsere eigene Berichterstattung? OK. Seit der iPad-Enthüllung am 27. Januar haben wir tatsächlich hunderte News zum Thema veröffentlicht. Rückblickend betrachtet mag der ein oder andere Beitrag trivial gewesen sein, doch die Leserschaft will mit großer Mehrheit zeitnah über möglichst jedes Detail zum „nächsten großen Ding aus Cupertino“ informiert werden. Und dieser Bedarf wird bedient. Weil es uns persönlich interessiert, aber auch weil der Markt es so will.

Kritisch hinterfragt sind also auch wir ein Teil der Maschinerie, die Apple am laufen hält: Während andere Unternehmen die Presse auf breiter Front mit in die Vorberichterstattung miteinbeziehen, schafft es Apple trotz der Verknappung von Testgeräten und einer „Politik des Schweigens“ in die Schlagzeilen zu kommen. Die Produkte aus Cupertino sind nicht einfach nur „Produkte“, sie berühren emotional, sind umgeben von Gerüchten, Geheimnissen, Legenden.

Und was ist jetzt mit dem iPad?

Auch Mac Life hat sich gestern zwei iPads gesichert. Eines davon stammt aus dem Apple Store in Palo Alto, ganz in der Nähe der Apple-Firmenzentrale. Dort wurde übrigens auch Steve Jobs gesichtet, der sich das Spektakel ganz offensichtlich nicht entgehen lassen wollte.

Unser iPad-Käufer hat seine Eindrücke in einem kleinen Erfahrungsbericht zusammengefasst (dazu weiter unten mehr) – viel Zeit blieb ihm hierfür nicht, schließlich wurden beide Geräte unmittelbar mit einem Kurierdienst auf den Weg in die Redaktion gebracht.

  • Ein Blick in die Warteschlange zeigt gemischtes Publikum: Apple scheint einmal mehr eine Barriere zu durchbrechen, denn das iPad spricht offensichtlich den IT-affinen „Digital Native“ ebenso an wie den unerfahrenen „Digital Immigrant“

Kommende Woche nun sollten unsere Testgeräte eintreffen. Im Gespräch mit US-amerikanischen Kollegen wurde uns schon jetzt der Mund wässrig gemacht. Der sinngemäße Kommentar eines Kollegen aus Übersee: Das iPad fühle sich an, wie ein aus der Zukunft im hier und jetzt materialisiertes High-tech-Gadget aus der spielbergschen’ Dystopie „Minority Report“. Viele der neuen iPad-Apps seien großartig, aber schon jetzt gäbe es auch den typischen Software-Müll. Alles in allem sei man aber begeistert - und das, obwohl man bereits eine Nacht geschlafen habe und die Endorphine nicht mehr zur Meinungsbildung beitragen.

Fast untergegangen ist übrigens im Medienecho die leise Kritik am iPad, beispielsweise in Bezug auf dessen E-Book-Fähigkeiten: Das iPad beschreitet mit seinem brillanten Bildschirm einen Weg weg von der Haptik des (elektronischen) Papiers, hin zum knallbunten Bucherlebnis. Zu bunt, zu leuchtstark, zu schwachbrüstig in Bezug auf den Akku für all diejenigen, die Amazons Kindle kennen und lieben. Auch das US-amerikanische Verbrauchermagazin Consumer Reports beschwert sich, denn das iPad soll sich an vielen Windows-PCs nicht aufladen lassen. Wird die Kritik heruntergespielt? Haben die Kritiker einfach keinen Sinn für die Visionen des Herrn Jobs? Legt man den Erfolg des iPhones als Gradmesser für den Erfolg des iPads an, darf man Apple sicherlich schon jetzt zu einer weiteren Meisterleistung gratulieren. Denn den bereits bekannten und im Laufe der kommenden Tagen sicherlich noch hinzukommenden Mängeln zum Trotz, wird das Tablet „Designd by Apple in California“ kommerziell ein Erfolg werden. Aber ob das iPad tatsächlich die Medienwelt revolutionieren wird? Fakt ist, dass die kommenden Wochen und Monate spannend werden. Auch in Bezug auf Apples Rolle als digitaler Türsteher in der kunterbunten Wunderwelt der Apps: Etwas mulmig darf es einem bei dem Gedanken an die zunehmende Dominanz Apples im Mediensektor schon werden, auch wenn bisher nur die Darstellung blanker Brüste in der iPhone-Ausgabe der BILD den App-Store-Wächtern zum Opfer fielen …

Ausblick

So sehr der Neid auch an mancher Seele nagen mag: Der hierzulande verschobene Verkaufsstart hat aus der Sicht des Kunden ganz klar Vorteile. Wenn Apple vermutlich gegen Ende des Monats die ersten iPads in die hiesigen Ladenregale stellt, wird es Unmengen an Informationen und Fakten zum Apple-Tablet geben – wir werden ganz vorne mit dabei sein, um Sie umfassend zu informieren. Die Stärken und Schwächen des Apple-Tablets werden viel klarer definiert sein – eine große Hilfe bei der Kaufentscheidung. Zudem wird der erste Schwung an Updates für viele Apps zur Verfügung stehen: 99 Prozent der derzeit verfügbaren iPad-Apps wurden quasi im Blindflug entwickelt, nur im Simulator getestet. Mit etwas Glück wird man in Deutschland sogar vom Start weg zur WiFi + 3G-Variante greifen können: Einige Käufer sollen ihre Entscheidung für das WiFi-Modell nämlich bereits bereut haben, verspricht das iPad doch eigentlich grenzenlosen Mediengenuß immer und überall …

Vor-Ort-Bericht: iPad-Shopping im Apple Store Palo Alto Die Stimmung war gut, gelassen, teils ausgelassen, aber die Leute haben sich super auf das iPad gefreut. Ich habe sogar einen Kollegen getroffen, der auch eins kaufen wollte. Es gab zwei Schlangen, eine für Leute mit Vorbestellung, eine für Leute ohne. Das 16GB iPad war für Leute ohne Vorbestellung bereits um 9:30 Uhr ausverkauft. Ich selbst war um 9:20 Uhr dort und hatte circa 30 Meter Schlange vor mir. Habe insgesamt circa 45 Minuten gewartet, bis ich in den Store kam. Die Organisation war klasse, man wurde am Anfang der Schlange von einem Mitarbeiter abgeholt, bekam die Zubehörprodukte auf Wunsch vorgestellt, das bestellte iPad in die Hand gedrückt und konnte direkt bei ihm auch zahlen.Randbemerkung: Die Apple-Store-Mitarbeiter verwenden ein Cradle für den iPod touch, welches einen Barcode-Scanner, eine starke Batterie und einen Kreditkartenleser eingebaut hat. Sehr genial! Man „unterschreibt“ mit dem Finger auf dem iPod touch und bekommt die Rechnung per Mail zugeschickt.Alles in allem war der iPad-Kauf ein witziges Erlebnis.

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Bild von Gast

Wann gibt es das iPhone OS 3.2 auch für das iPhone?

Bild von Gast

Danke, für diesen (teils selbstkritischen) Artikel. Super geschrieben und zusammengefasst - und damit ein journalistische Qualität, die ich manchmal (auch hier) vermisse. Viele, vielen Danke!

Bild von Gemorphix

Hallo großes Lob an den Verfasser. Freue mich schon und teile die Meinung des Verfassers zu 100%.

Bild von Gast

DANKE maclife - endlich mal ein geistreicher Text, der Freude am Lesen macht und zugleich auch noch Produktinteresse schürt. Ein herrlicher Kontrast zu dem üblichen Abgeschreibsel, um die gnadenlosen Wannabe-Info-Junkies auf Pegel zu halten

Bild von Starkstrom

Bei diesem tollen Artikel braucht sich der Verfasser wahrlich nicht hinter "von MacLife" zu verstecken. Also: vor den Vorhang mit dem Autor!

Bild von dankmatthias001

Guter Artikel, freu mich schon aufs IPad

Bild von Gast

Ein Top-Artikel, so gefällt das! Lob an den Autor.

Bild von holystony

Nun muss ich ja auch mal ein Lob aussprechen: So ein hohes Maß an Reflektion findet man wirklich selten.
Wirklich hohe Qualität. Hoffentlich gibt es noch mehr Artikel auf diesem Niveau....

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