AUS DEM NÄHKÄSTCHEN

Der Mac und das iPad: wiederholt sich die Geschichte?

20.04.10 | 11:29 Uhr - von Thomas Böttiger
Aus dem Nähkästchen: Der Mac und das iPad: wiederholt sich die Geschichte?

Wer die lange Geschichte des Mac kennt, dem ist auch der Name Bruce „Tog“ Tognazzini ein Begriff. „Tog“ war der erste Programmierer bei Apple seit 1978 und kennt die Arbeitsweise von Steve Jobs. Und er findet sie auch im iPad wieder. Sollte auch das iPad in der Nische landen wie der Mac?

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Bruce Tognazzini war nicht nur der erste Programmierer für den Mac, er war auch für die Festlegung der „User Interface Guidelines“ bei Apple verantwortlich, und damit hauptsächlich für die Art und Weise, wie Programmierer und Kunden 1984 mit der neuen Hard- und Software namens „Macintosh“ umgehen konnten. Bei der Betrachtung des iPad stellt er nun erstaunliche Parallelen fest, die ihm schon von den ersten Macs her vertraut sind: Es ist die Philosophie von Steve Jobs, die auch im iPad durchschimmert, sein Hang zum Minimalismus, seine Unerschrockenheit und Kompromisslosigkeit, seine Obsession der Geheimhaltung und Abschottung, die sich durch alle Produkte Apples hindurchzieht – und dem iPad ein ähnliches Schicksal bereiten könnte wie dem Mac: Zuerst eine Revolution und nun ein Betriebssystem mit weniger als 10% Marktanteil.

Die Gründe dafür nennt Tog:

Neue Produkte werden bei Apple in hermetisch abgeschotteten kleinen Teams entwickelt, deren hochmotivierte und extrem qualifizierte Mitglieder „90 Wochenstunden arbeiten und es lieben“. Sie entwickeln ein Produkt, das auf den ersten Blick nur unzureichend ausgerüstet wirkt: es fehlen Schnittstellen und Programme. Diese Vorgehensweise allerdings hat System: Statt nach kurzer Zeit mit einer Vielzahl von Features aufzuwarten, die nur nebeneinander auf der selben Hardware laufen, bietet das iPad – und bot der Mac – nur eine Handvoll Applikationen, die eng in das System eingebunden sind und dem Benutzer darüber den Einstieg in eine ungewohnte Welt erleichtern sollen. Minimalismus, der erst in späteren Versionen gelockert wird. So auch Multitasking, das erst mit der vierten Version des iPhone OS eingeführt wird.

Eng mit der Abschottung verbunden sei die Unerschrockenheit, mit der Steve Jobs Risiken eingeht. Während andere Unternehmen auf die nächsten Quartalszahlen blickten, schaue Jobs fünf Jahre voraus und sei auch bereit, kurzfristige Rückschläge hinzunehmen, so lange er von seinem Ziel überzeugt sei. Das Ziel sei es, eine „Delle im Universum“ zu hinterlassen, nicht die nächsten Quartalszahlen zu verbessern. Während 1984 allerdings das Schicksal der Firma Apple mit dem Mac stand oder fiel, steht Apple jetzt wirtschaftlich wesentlich besser da – und Steve Jobs kann größere Risiken eingehen, „seine“ Ideen voran zu treiben.

Für seine Kompromisslosigkeit gefürchtet bei Mitarbeitern, hat Steve Jobs immer noch ein recht untrügliches Gespür für Produkte, „die es bringen“. Alles, was seiner Vorstellung nicht entspricht, wird gnadenlos aussortiert – Vorschläge, Produkte und Mitarbeiter. Diese Eigenschaft hatte er wohl schon immer: Das erste Macintosh-Team kaufte Steve Jobs einen Stempel mit dem Aufdruck „Das ist Sch…!“ (auf dem Stempel war das letzte Wort ausgeschrieben), um damit alle Vorschläge handgelenkschonender zu verwerfen. Und erstaunlicherweise gebe es immer noch viele Mitarbeiter, die bereit sind, sich diesem Diktat zu unterwerfen, wenn auch nur ein einziges Mal.

Diese drei Faktoren – kleines Team, Kompromisslosigkeit und Unerschrockenheit – haben das hervorgebracht, was sowohl den ersten Mac als auch alle weiteren Produkte aus dem Hause Apple auszeichnet: sie sind geschlossene Systeme. Die von Programmierern und Anwendern immer wieder beklagte Ignoranz der technischen Möglichkeiten und die Öffnung gegenüber einer großen Entwickler- und Anwendergemeinde seien der Preis für die „nahtlose“ Benutzererfahrung, die Steve Jobs vorschwebt. Wenn Programmierer keine Schnittstelle bekommen, müssten sie nämlich auch nicht dafür programmieren.

Darunter fällt nach Ansicht von „Tog“ auch das aktuelle Problem in der Diskussion um Flash von Adobe. Weniger die Frage nach lizenzrechtlichen Konflikten oder eine Missgunst gegenüber Adobe sei die treibende Kraft hinter der Entscheidung gegen Flash (und andere Entwicklungsumgebungen auch), sondern die Sorge, dass man damit eben jene „Nahtlosigkeit“ aushebeln könne. Nach Ansicht von Jobs hat Flash eine „langsame, umständliche und verwirrende“ Benutzerführung. Und er sieht sich als derjenige, der es sich leisten kann, nun Flash den Todesstoß zu versetzen, um die ganze Computerwelt aus der Abhängigkeit zu befreien. Selbst wenn darunter die Verkaufszahlen und Aktienkurse der nächsten Monate leiden könnten (die ihn ja sowieso nicht interessieren).

Dies sei auch der Grund dafür gewesen, dass der Mac erst spät die Pfeiltasten (oder die rechte Maustaste) bekamen: man wollte Entwickler dazu bringen, die Steuerung und Navigation mit einer Maustaste durchzuführen: Es ging um die Idee der grafischen Benutzeroberfläche, um deren Konsistenz man fürchtete, wenn es Programmierern erlaubt würde, am Bedienkonzept vorbei mit den „archaischen“ Tastenbelegungen zu arbeiten. Was vor über 25 Jahren für den Mac gut war, gilt immer noch für das iPad: Entweder ganz oder gar nicht.

Aber genau darin sieht Bruce Tognazzini die größte Schwäche des Mac und auch des iPad: So gut sie darin seien, unerfahrene Benutzer an ein neues System der Interaktion heran zu führen, so beschränkt erschiene es diesen Benutzern nach der Eingewöhnung. Wie Kinder, die die Welt stückweise erfahren müssen, um sich später darin zurecht finden zu können, käme auch für die Benutzer des iPad irgendwann der Zeitpunkt, an dem sie sich von den Einschränkungen befreien wollten. Und dafür müsse Apple sich wappnen. Denn die Konkurrenz sei wacher geworden. Wozu Microsoft bei der Entwicklung eines eigenen Betriebssystems noch Jahre benötigt hatte, könne Google in nur wenigen Monaten fähig sein.

Und dann ende das iPad so wie der Mac: als eine Ikone der Computergeschichte, nicht als dominierendes Produkt auf dem Markt.

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Bild von Gast

... eine "Hymne" an die Belibigkeit

Bild von Gast

...mit seiner Einschätzung.
Das wäre aber nicht wirklich "schlimm" oder "schlecht", denn Apple treibt die Konkurrenz an und zwingt sie, ihre eigenen Prdukte massiv zu verbessern.
Gleichzeitig kalkuliert Apple die eigenen Produkte so, dass selbst bei einem "Nischendasein" ein Gewinn dabei herausspringt.

"What shall's", wie der Engländer zu sagen pflegt... -:)

Bild von Gast

verdammt guter Artikel!

Bild von Gast

nokia hat fast ein jahrzent die welt mit einem ultraschlechten softwarepaket und niemand hat gemeckert ! alle wollten, auch wenn es eine klitzekleine inovation war das neue nokia haben ! verstecken sich jetzt mit den ergaunerten steuergeldern in rumenien. und apple soll jetzt der böse sein ? also bitte, ich willqualität und bedienbarkeit , und ich will zahlen für ein produkt das ich liebe ...

Bild von hannes96

ein sehr fundierter Beitrag und gut geschrieben !
Die "User Interface Guidelines" bestand aus vielen dicken Büchern, leider nie eingedeutscht, und waren die Basis für damalige und heutige Software, die leicht erlernbar war und ist. Intention: kennst du ein Programm, kennst du "alle".

Und das Steve Jobs etwas davon versteht plus vom Design und querdenkt hat sich ja bewährt; denn alle machen es nach (siehe iPhone).

Bild von Gast

danke für diesen Artikel.
Ich lieben meinen Mac, aber ich hasse diese quasireligiöse Appleverehrung

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