64-STIMMIGER VIRTUELL ANALOGER SYNTHESIZER

Test: Roland GAIA SH-01

Beat 708.2010 - von Maya C. Sternel

GAIA SH-01

Bewertung:
sehr gut (6.0)
Preis: 639 Euro
Webseite:
Hersteller: Roland
Alternative: microKORG 475 Euro www.korg.de Akai Miniak 669 Euro www.akaipro.de
vorbildliche Benutzerführung
einfache, intuitive Bedienung
komplexe Synthesemöglichkeiten
nützliche Performancetools
kompakt und leicht
Eckdaten:
• 64-stimmiger virtuell analoger Synthesizer
• 37 anschlagdynamische Tasten
• je 64 Presets und User-Speicherplätze
• Spielhilfen
• D-Beam & V-Link
• Arpeggiator
• Phrase-Rekorder
• Stereo-Ausgang
• Kopfhörerbuchse
• Pedalanschluss
• MIDI-Duo
• USB-Port A und B
• Audioeingang
• Batteriebetrieb oder Netzstrom

In der griechischen Mythologie ist Gaia die Ur-Gottheit, von der alle Beherrscher der Welt abstammen. Neigt Roland jetzt zum Größenwahn – oder entpuppt sich der SH-01 tatsächlich als Herrscher über den Klangkosmos?

Gespannt wartet die Redaktion auf den Postboten mit einem der ersten Testgeräte. Als es endlich klingelt, steht diesmal kein mürrisch drein schauender Paketlieferant mit schweißbedeckter Stirn und leicht vorwurfsvollem Blick vor der Tür, sondern ein freundlich lächelnder Bote, der uns heute „was Kleines“ überreicht. Von seiner Verpackung befreit, bleibt ein Synthesizer von lediglich charmanten 69 mal 31 Zentimetern übrig, der mit vier Kilo auch noch zu den absoluten Leichtgewichten seiner Art zählt.

Dies also ist der GAIA SH-01. Drei Oktaven Tastaturumfang sind eher bescheiden als übertrieben, die Bedienoberfläche lässt jedoch erahnen, dass in dem Kleinen einiges an Potential steckt: 18 Fader, zehn Drehregler und unzählige Drucktaster wecken Erinnerungen an alte, analoge Zeiten. Die Anspielung darauf ist unübersehbar, denn das zum Namen gestellte Kürzel SH-01 verweist unmissverständlich auf die große Tradition von Rolands SH-Serie.

Kultgegenstände

Das Ur-Keyboard dieser bei Musikern geschätzten Reihe analoger, monophoner Synthesizer erblickte 1973 das Licht der Welt und wurde SH-3 getauft. In den folgenden Jahren kamen weitere Varianten der SH-Familie mit unterschiedlicher Ausstattung auf den Markt. 1983 erschien dann das große Vorbild unseres heutigen Testkandidaten, der SH-101. Die ersten Versuche an die Klassiker anzuknüpfen unternahm Roland schon mit den beiden digitalen Synthesizern SH-32 und SH-201, die 2001 beziehungsweise 2006 entstanden. Das aktuelle Ergebnis dieser Evolution ist also nun der GAIA SH-01, der auf den Ikonen der Siebziger- und den Erkenntnissen und Experimenten der Achtzigerjahre aufbaut. Doch lassen sich alte Gottheiten mal eben updaten?

Neue Gewänder

Während in den Anfängen noch massiv mit Metall und Holz gearbeitet wurde, ist heute alles Kunststoff. So auch beim GAIA. Doch wenigstens die Bedienoberfläche versprüht noch das Flair der Vorgänger. Äußerst erfreulich: die gelungene Gestaltung, die sich quasi selbsterklärend erschließt. Das war im Urzustand nicht immer der Fall. Im Gegensatz zu früheren Fassungen baut die Soundarchitektur des GAIAs nicht nur auf ein oder zwei, sondern gleich auf drei identischen Tongeneratoren auf. Sie bestehen jeweils aus einem Oszillator, einem Filter und einem Verstärker, alle mit eigenen Hüllkurven, sowie einem LFO. Ein weiteres Vermächtnis aus alten Tagen ist das Prinzip der Klangschichtung. Alle Tongeneratoren lassen sich individuell kombinieren, kopieren und einzeln oder auch gemeinsam bearbeiten. Die ersten beiden Einheiten können eine Oszillator-Synchronisation oder Ringmodulation statt des Filters verwenden. Hinzu kommen für alle Klangerzeuger eine gemeinsame

Effektsektion und diverse Spielhilfen wie Pitch- und Modulationsrad, Portamento und ein Arpeggiator mit 64 Spielmustern.
Insgesamt bietet der GAIA einen warmen, frischen und lebendigen Sound, dem nur gelegentlich das Volumen und die klangliche Tiefe seiner Vorbilder zu fehlen scheinen. 64 Presets laden zum sofortigen Spielen und Experimentieren ein. Etwas versteckt findet man sogar ein GM-Set, das sich allerdings nur durch externes MIDI antriggern lässt. Alle Presets können selbstverständlich frei bearbeitet und auf einen der 64 Speicherplätze abgelegt werden. Wem das nicht ausreicht, der kann seine Daten zusätzlich auf einen USB-Stick speichern.

Kulturerbe

So viele Regler, Taster und Fader laden verführerisch dazu ein, sie zu bewegen. Innerhalb von Sekunden gelangt man dabei in himmlische Sphären. Um den Grundcharakter eines Sounds zu verändern, beginnen wir mit dem Oszillator. Dieser verfügt über sieben Wellenformen plus Rauschgenerator und einer „Super Saw“, die sieben Sägezahnwellen simuliert. Jeder Wellentypus hat zwei weitere Varianten, sodass insgesamt 21 Wellenformen zur Verfügung stehen. Mit dem Hüllkurveneditor lassen sich Attack und Decay einstellen. Bei Pulswellen kann die Pulsbreite der Rechteckwelle skaliert und mittels LFO moduliert werden. Selbstredend lassen sich alle Wellenformen auch (ver)stimmen.

Differenzierter kann man die Klangfarbe in der angrenzenden Filtersektion beeinflussen. Cutoff- und Resonanzregler verfehlen niemals ihre Wirkung. Für das Multimodefilter stehen alle gängigen Filtertypen mit 12 dB oder 24 dB Flankensteilheit pro Oktave bereit. Besonders interessant ist der „Peaking“-Modus. Dieser eignet sich zum sanften Hervorheben einzelner Formanten, da hierbei die angrenzenden Frequenzen um den eingestellten Cutoff betont werden. Ebenso wie die Filterhüllkurve basiert auch die Lautstärkehüllkurve auf der gängigen ADSR-Architektur.

Im Tempel der Götter

Immer tiefer dringen wir in das Zentrum der Klangformung vor: Radikale Klangmodifikationen, die die Sounds in astronomische Höhen, aber auch Tiefen befördern, erreichen wir mit dem LFO. Zur Auswahl stehen sechs Wellenformen. Neben der Einschwingverzögerung lassen sich durch den LFO die Sektionen Pitch, Filter und Amp modulieren. Schade, dass man die LFO-Geschwindigkeit nicht noch schneller einstellen kann. Alle Modulationsfader sind – ebenfalls in einer für Roland typischen Tradition – mittig gerastert. Somit können äußerst einfach gegenläufige (bipolare) Modulationen von beispielsweise Filter- oder Wellenformen erzielt werden. Per Knopfdruck synchronisiert sich der LFO auf die MIDI-Clock. Der zweite LFO übernimmt ein weiteres althergebrachtes Roland-Prinzip und ist mit dem Modulationsrad gekoppelt, mit dem sich dessen Wirkungsgrad bestimmen lässt.

Noch mehr Eigenleben entfalten die Klänge durch den Einsatz der Effekte. In der Effektsektion finden sich Distortion und LoFi, Modulations- und Delay-Effekte sowie Reverb und Spezialeffekte wie Bass-Boost. Einzelne Parameter lassen sich auch hier mithilfe zweier Drehregler bearbeiten. Bis zu fünf Effekte können gleichzeitig in einem Klang verwendet werden.

Mythenbildung

Wir erfreuen uns weiterhin an so durchdachten Spezialitäten wie dem Roland-typischen D-Beam zur optischen Soundkontrolle, mit dem sich göttergleich per Handbewegung zahlreiche Parameter des GAIAs steuern lassen. Oder aber über den externen Stereoeingang, mit dem man von außen eine Signalquelle, die beispielsweise das Backing enthält, durchschleifen kann. Auch die V-Link-Schnittstelle dürfte für Liveanwender interessant sein. Besonders genial aber ist die „Manual“-Funktion, mit deren Hilfe sich die aktuelle Faderstellung per Knopfdruck sofort auf das gewählte Preset übertragen lässt. Und mit dem „Phrase Recorder“ können bis zu acht maximal achttaktige Loops inklusive aller Faderbewegungen aufgezeichnet werden. Wie besessen spielen, drehen und schieben wir permanent die Regler, Potis und Taster. Schnell verfallen wir dem Sog, unbekannte Klangwelten entdecken, ja beherrschen zu wollen – und folgen Gaias Ruf.

Fazit

Ob mit oder ohne Erfahrung in der Klangsynthese regt dieser Synthesizer zum Ausprobieren und Spielen an. Geradezu vorbildlich ist die Strukturierung der einzelnen Bedienelemente und Baugruppen. Lobenswert auch die zusätzlich zum Handbuch beigelegte, reichlich bebilderte Dokumentation, die auch Einsteigern in wenigen Schritten das Prinzip der Klangprogrammierung erklärt. Neben Studioeinsatz empfiehlt sich der GAIA auch für alle, die gerne live auf der Bühne schrauben.
Auch wenn an vielen „Gottheiten“ der Zahn der Zeit genagt haben mag, diese hier wurde liebevoll restauriert und modernen Erwartungen angepasst. Möglich, dass dabei ein wenig von der Erhabenheit der Siebzigerjahre verloren ging. Doch dieser Synthesizer trägt weiterhin den Pioniergeist in sich und verkörpert das Credo der gesamten Synthesizerentwicklung: Making your own sound!

Sollte Roland der Größenwahn gepackt haben, so ist es ihnen gelungen, diesen bescheiden zu verpacken. Hier wurde endlich einmal nachgedacht und ein bestehendes Synthesizer-Konzept sinnvoll und in hohem Maße anwenderfreundlich weiterentwickelt. Der GAIA ist eine absolut gelungene und moderne Interpretation eines programmierbaren SH-Synthesizers. Mit einem Wort: Oberklasse!

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