DJ-Interview: Oliver Schories

21.09.12 | 11:43 Uhr - von Marco Scherer

Oliver Schories pflegt in allen Bereichen ein seltenes Gut: absolute Ehrlichkeit. Davon profitieren nicht nur die dreizehn Stücke seines formidabel-vielseitigen Erstlings „Herzensangelegenheiten“, sondern auch seine „katastrophalen“ DJ-Sets. Tobias Fischer sprach mit Schories über den organischen neuen Techno, die Suche nach einem klaren Sound und den Tag, an dem man die Karriere an den Nagel hängen sollte.

Beat / Was haben dir die vielen Jahre an Erfahrung für deine DJ-Skills gebracht?

Oliver Schories / Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich im Laufe der Jahre an den Decks eher schlechter geworden bin. Durch diese ganze Digitalwelle ging und geht auch weiterhin viel Bezug zu der Musik verloren. Früher habe ich ganz anders auf die Musikauswahl geachtet, schon allein, weil eine Platte viel teurer war als ein MP3 bei Beatport. Ich habe inzwischen auch wieder angefangen, Vinyl zu kaufen, weil mich dieser nicht abreißen wollende Datenhaufen aus MP3-Promos jede Woche einfach nicht glücklich macht. Vinyl ist der Hauptqualitätsindikator bei elektronischer Musik. Ist ein Track nur digital erschienen, hat das schon seinen Grund. Ich habe bei allem, was ich mache, einen sehr hohen Anspruch und bin nie zufrieden.

Beat / Wie äußert sich das?

Oliver Schories / Ich denke, dass man an dem Tag, an dem man von sich selbst sagt „so, heute haste aber mal ein dickes Set gespielt“ aufhören sollte. Ich finde nichts schlimmer in der „Szene“, als Leute, die sich mit Traktor und Auto-Sync in den Club stellen, die Techno-Charts runterspielen und denken, dass sie echt was drauf haben. Leider gibt es davon mehr, als man wahr haben möchte. Meine Motivation beim Auflegen ist, den Leuten Tracks abseits des „Standard-Techhouse-Sets“ zu bieten. Tempowechsel, House, Techno und alles, was irgendwie dazwischen liegt; Klassiker, viele breite Bassläufe, schöne Grooves und schöne Melodien sind ja auch heute noch recht rar. Früher hatte ich immer allergrößten Respekt, wenn der DJ vor mir um ein Uhr schon mit 130 BPM unterwegs war, inzwischen genieße ich es geradezu, dann mein Set im Anschluss mit 116 BPM zu beginnen. Und ich bin immer wieder überrascht und froh, dass es meistens funktioniert.

Beat / Wie viel Wert legst du auf Spontanität?

Oliver Schories / Alles, abgesehen von den Jahreszeiten-Mixen, die ich alle drei Monate auf Soundcloud veröffentliche, ist 100%ig improvisiert und entsteht in dem Moment, wenn ich am Auflegen bin. Ich bastele mir zwar jedes Mal einen groben Ablauf im Vorfeld zusammen, habe mich aber noch nie daran gehalten. Ich glaube aus analytischer Perspektive sind meine Sets eine Katastrophe. Mal schnell, mal langsam, mal House, mal Techno. Ein wirklicher „Flow“ ist da glaube ich nicht immer zu erkennen.

Beat / Immerhin hast du dich auf Techno und House eingependelt.

Oliver Schories / Ich glaube, das kam ein bisschen mit dem Alter. Klingt blöd, ist aber so. Früher konnte es mir gar nicht wild genug sein, ich hab viel Drum-&-Bass und Techno jenseits der 140 BPM gehört und aufgelegt. Dann kam noch diese „French Kiss“-Welle mit Digitalism, Justice und Boys Noize, aber danach war für mich Schluss mit wildem, nicht klar definiertem Sound – zumindest was das Auflegen anging. Spannend an meinem Sound finde ich, dass er in den letzten Jahren immer offener und organischer geworden ist und es nicht so strikte Konventionen gibt. Streicher, natürliche Drums und Percussions, Piano und Gesang in einem 125-BPM-Beat-Gerüst finde ich toll, seit ich Kollektiv Turmstrasse kenne.

Beat / Wie man auf „Herzensangelegenheiten“ hört, sind das auch für deine eigenen Produktionen wichtige Faktoren.

Oliver Schories / Ich komme ja vom DJing und bin nicht der klassische Produzent. Daher ist der Club für mich nun eine noch größere Spielwiese geworden, auf der ich neue Produktionen ausprobieren kann. Bestes Beispiel war 2011 „The Composer“: Der Track war nur in einem groben Arrangement fertig und ich war recht wenig davon überzeugt. Beim ersten Live-Test sind die Leute auf der Tanzfläche aber so unglaublich durchgedreht, dass ich dachte „Ok, da könnte man sich noch einmal dransetzen“. Es ist ein guter Austausch, wenn du sowohl im Club als auch im Studio aktiv bist. Und natürlich schnappt man beim Auflegen im Club auch Ideen auf, die man in eigene Tracks einfließen lassen kann.

Beat / Was für einen Bezug hast du zu den Platten, die du auflegst, im Vergleich zu deinen eigenen Tracks?

Oliver Schories / Ich lege sehr gern auf, gerade in dieser Zeit, wo ich so gut wie nur noch für Live-Sets gebucht werde und recht selten dazu komme. Die eigenen Sachen kennt man nun mal in- und auswendig, kann jede Sequenz live immer anders variieren und weiß im Regelfall auch, wie gut die Resonanz sein wird. Bei einem DJ-Set ist das anders. Du kennst die Erwartungshaltung der Leute nicht. Vor Kurzem habe ich in Berlin mal wieder ein Drei-Stunden-Set gespielt, da war am Anfang auch große Skepsis seitens des Publikums. Nach einer Stunde war dann Einlass-Stopp, weil Gäste von der Party aus noch bei Facebook dazu aufgerufen hatten, vorbei zu kommen, weil es „musikalisch absolut empfehlenswert“ sei. So etwas freut mich dann natürlich umso mehr.

 

www.facebook.com/OliverSchories | www.soundcloud.com/oliverschories

www.parquet-recordings.com | www.facebook.com/turnbeutel

 

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